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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Solomon Burke live: Der letzte Meister des Soul

Von Johannes Waechter

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Der Blinde ist als erster an seinem Instrument. Während die anderen Musiker von Solomon Burke noch auf die Bühne marschieren, sitzt Rudy Copeland bereits an der Hammond-Orgel und spielt eine Solo-Version von “Amazing Grace”, die mit ihrem jammernden und dann wieder hochfliegenden Ton direkt aus der Gospel-Tradition kommt. Als er danach ans E-Piano wechselt und, nun zusammen mit dem Rest der Band, “What’d I Say” spielt, möchte man glauben, Ray Charles sei von den Toten auferstanden. Schon diese Konzerteröffnung ist herausragend.

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Dann spielt Gitarrist Sam Mayfield, seit 1973 in Burkes Band, ein ausgedehntes Blues-Instrumental, und Solomon Burke wird im Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Seine in knappen, goldenen Glitzerkleidchen steckenden Geigerinnen schirmen die Bühnenmitte vorübergehend von den Blicken des Publikums ab, so dass niemand sehen kann, wie der schwergewichtige Sänger von den Helfern auf seinem samtenen Thron platziert wird. Die Bühne ist noch dunkel, als Burke zu singen beginnt. Dann geht das Licht an – und der “King of Rock ‘n Soul”, mächtig an Stimme und Leibesfülle, beginnt mit seiner Show.

Ich habe Burke in den letzten Jahren insgesamt dreimal gesehen und finde, dass seine Konzerte zu den speziellsten Spektakeln des Pop gehören. Den Magnetismus, für den U2 eine riesige Hightech-Bühne brauchen, erzeugt Burke mit seinem Charisma, seiner Herzenswärme und einer Bühneninszenierung, in der der Mann auf dem Thron tatsächlich wie ein König agiert. Seine beiden Backgroundsängerinnen – Tochter und Enkelin – fungieren dabei als seine Hofdamen. In der brütend heißen Tollwood-Musikarena ziehen sie ihm schon nach zwei Stücken Jackett und Krawatte aus, tupfen den Schweiß von seinem kahlen Kopf, flößen ihm Getränke ein. Um die Hitze zu mildern, gießen sie ihm das Wasser sogar literweise den Kragen hinunter.

Burkes Karriere begann Mitte der Fünfziger, anfangs dominieren jedoch neuere Stücke das Programm. Zusammen mit seiner 13-köpfigen Band spielt Burke Songs von den Comeback-Alben Don’t Give Up On Me und Nashville; das Tempo ist gemäßigt, was Burkes Bariton nur noch besser zur Geltung kommen lässt. Mit einem Medley aus “If You Need Me”, “Tonight’s The Night”, “He’ll Have To Go” und “I Can’t Stop Loving You” gleitet er dann in die Vergangenheit zurück, wobei besonders die minutenlange Steigerung zur Titelzeile von “I Can’t Stop Loving You” hin Burkes hervorragendes Timing und die ungebrochene Kraft seiner Stimme offenbart.

Als Burke schon fast alle seine Atlantic-Hits gesungen hat, überrascht er das Publikum mit dem Louis-Armstrong-Klassiker “What A Wonderful World”. Kaum jemand, so vermute ich, füllt diesen Song heute so komplett aus wie Solomon Burke, auch weil das Lied für ihn ein Bekenntnis zu seiner optimistischen, auf die eigene Tatkraft gründenden Lebenseinstellung zu sein scheint. (Ergebnis dieser Einstellung waren unter anderem 21 Kinder und 89 Enkelkinder.)

Praktischerweise hat Burke einen der größten Partysongs der Popgeschichte geschrieben, und so ist von Anfang an klar, mit welchen Lied das Konzert enden wird: “Everybody Needs Somebody To Love”, spätestens seit den Blues Brothers zur Allzweckwaffe bei der Tanzflächenbeschallung mutiert. Burke gibt dem Song seine Würde zurück und unterstreicht die im Kern spitrituelle Botschaft des Lieds noch dadurch, dass er es nahtlos in “When The Saints Go Marching In” übergehen lässt. Erneut bauen sich die Geigerinnen vor seinem Thron auf, hinter dieser Sichtblende setzt sich der 72-jähreige Sänger in seinen Rollstuhl und wird unter dem Jubel des Publikums von der Bühne gefahren. Von den großen Soul-Sängern der Sechziger sind nicht mehr viele übrig, Solomon Burke ist einer der letzten Meister dieses einzigartigen Stils.

Die Band ist längst wieder von der Bühne verschwunden, als der blinde Organist Rudy Copeland immer noch am Bühnenrand steht. “Rudy, Rudy” rufen die Menschen, und er winkt mit schier überbordenden Enthusiasmus zurück in die Menge – ein letzter, anekdotischer Beweis der Kraft, die in der Soulmusik steckt.

Foto: AP

Kommentare

  • Till

    Die Bezeichnung “King Of Rock’n'Soul” hat Solomon Burke sich natürlich redlich verdient, das Schöne an ihr ist aber vor allem, dass sie mich an folgende wirklich lustige Liste erinnerte: Wikipedias Aufstellung aller “Honorific Titles in Pop Music”. Manches ist seltsam unglamourös und klöternd (Little Richard der “Architect of Rock’n'Roll”?), anderes geradezu verzaubernd, vor allem die “Heavenly Kings of Chinese Pop”.

    http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_honorific_titles_in_popular_music