Süddeutsche Zeitung Magazin

Reise Design | Heft 43/2008

Y - Yushan


Von Lars Reichardt





Herrn King-Tsais Zahl ist die Vier. Eine beschämend niedrige Zahl angesichts seines fortgeschrittenen Alters von etwa Mitte fünfzig. Auf hundert wird er in diesem Leben nicht mehr kommen. Zu seiner Entschuldigung kann King-Tsai Lo allerdings vorbringen, viele Jahre zur See gefahren zu sein. Das Meer hat seinen Berge-Score versaut.

Zweihundert größere Berge liegen in Taiwan. Aber die Zahl hundert verheißt göttliche Perfektion, weshalb der perfekte Bergsteiger hundert taiwanesische Gipfel über 3000 Meter in seinem Leben besteigen muss. Die Zahl der erreichten Gipfel ist Taiwanesen genauso gegenwärtig wie ihre Schuhgröße oder die Anzahl ihrer Kinder. Die Menschen in Taiwan verehren ihre Berge.

Zwei Drittel der Inselfläche bestehen aus Bergland. Die Berge bieten Schutz vor Taifunen und Erdbeben, glauben sie. King-Tsai Lo führt ein kleines Hotel an einer heißen Quelle in Dongpu. Der Ort liegt in einem Tal, dessen Anfang der Sonne-Mond-See (Taiwans Touristenmagnet Nr. 1) bildet und über dessen Ende Taiwans höchster Berg thront, der Yushan, zu deutsch Jadeberg (Touristenmagnet Nr. 3). Seine elf Gipfel schimmern bisweilen grün, denn die Baumgrenze liegt in den subtropischen Klimazonen viel höher als etwa in den Alpen. Den angenehmsten Blick auf den Yushan hat man wahrscheinlich aus den kleinen Heißwasserbecken auf den Terrassen vor King-Tsais Zimmern. Sein Hotel ist erste Anlaufadresse für Bergsteiger aus aller Welt. Ihre beste Vor- und Nachbereitung sind King-Tsais heiße Quellen sowie eine chinesische Fußmassage. Wen King-Tsai mag, dem bietet er seinen Oolong-Tee an, den guten, Frühlingsernte, zweiter Aufguss, gepflückt an den Hängen des Yushan. Wen King-Tsai sehr mag, dem zeigt er während der Teezeremonie auch seine Visitenkartensammlung: Bergsteiger vor allem aus Korea und Japan.

Die japanischen Besatzer vermaßen Anfang des letzten Jahrhunderts als Erste den Yushan. Verärgert mussten sie feststellen, dass er ein paar Meter höher ist als ihr Fuji. »Land der hohen Berge« nannten sie Taiwan deshalb. Aber von den Japanern übernahmen die Taiwanesen den Respekt vor den Bergen wie auch die kleinen Schreine auf den Gipfeln. Heute gehört es in Taiwan zum guten Ton, den Yushan bestiegen zu haben. Zum Schulabschluss oder um sich für eine Beförderung zu empfehlen. Wenn schon nicht hundert-, dann doch wenigstens einmal.

Höhe: 3952m
Übernachten:
Sha Li shian bei King-Tsai Lo, Dong-pu, DZ ab 20 Euro, Tel. 00886/49/ 2701289, www.sls-villa.com.tw.
Essen: In Taichung aß ich die besten Dim Sum meines Lebens: Jade Garden, Tel. 04/23199166.
Unbedingt: Einen Monat vor Aufstieg Hüttenplatz reservieren unter: www.ysnp.gov.tw oder über barking-deer.com, Tel. 093/8337710.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/26754