Süddeutsche Zeitung Magazin

Das Beste aus aller Welt | Heft 34/2007

Das Beste aus meinem Leben

Von Axel Hacke



Ob eigentlich der Sprachwertstoffhof noch geöffnet habe, wird immer mal wieder gefragt.

Ja! Ja! Ja! Natürlich. Gebrauchte Wörter, nicht mehr benötigte Wendungen, im Alltag nicht nutzbare Sätze – alles ist hier stets willkommen und wird weiter verwertet, sei es in der Familie, sei es im allgemeinen Leserkreis, dem ich zunächst mal eine schöne Geschichte von Frau B. zur Verfügung stelle. Die stand mit einer Bekannten in der Kassenschlange im Supermarkt und unterhielt sich über den Klimawandel, bis ein Kind vor den beiden seine Mutter leise fragte: »Mami, was ist denn die globale Erdbeerwerbung?«

Wobei man sich ja da weniger über das schöne Wort Erdbeerwerbung wundert als darüber, wie fein dieses Kind das Wort global ganz fehlerfrei übernommen hat. So ist das eben bei den Kindern der Globalisierung, die mit Fremdwörtern so selbstverständlich umgehen, dass sie gelegentlich sogar für ein Fremdwort halten, was gar keines ist. Marc H. aus Stuttgart berichtet von einer Deutschstunde: Da musste er einen Text vorlesen, in dem von einem »König soundso« die Rede war, wobei H. mit diesem soundso nicht recht etwas anfangen konnte; er identifizierte darin einfach nicht die Wörter so und so, sondern erinnerte sich seiner Englischkenntnisse und des in diesen enthaltenen Worts sound. Las also den Text laut vor, als sei darin von einem englischen König namens Soundso die Rede.Große, lang anhaltende Freude unter den Mitschülern!

Weil wir gerade beim Englischen sind und bei Königen: Frau M. berichtet von einer Reise auf die Fidschi-Inseln, die sie gemein-sam mit einer Freundin unternahm. Dort fuhren sie mit einer Fähre von Insel zu Insel, und jedes Mal, wenn das Boot an einer Mole anlegte, sagte eine Stimme: Please collect your luggage from the luggage rack and luggage bin and make ready for disembarking, also etwa: Nehmen Sie bitte Ihr Gepäck aus dem Gepäcknetz und dem Gepäckschrank und machen Sie sich zum Aussteigen fertig. Die Freundin aber verstand, auch wegen des Fidschi-Akzentes der Ansagerin, nicht dis-embarking, sondern december king. Sie hielt das für eine Art Touristenwerbeaktion, es war ja gerade Dezember, und den kleinen König Dezember kannte sie damals so wenig, wie andere Leute den König Soundso kennen.

Um die Liste interessanter Personen für heute komplett zu machen: Hier kommt die Geschichte von Frau N. aus Braunschweig, die in der Nähe eines Stahl- und Walzwerkes lebt. Dort ging sie mit ihrer vierjährigen Tochter spazieren, als aus dem Werk laute, polternde Geräusche drangen. Das Mädchen fragte, was das sei. Die Mutter erklärte, diese Geräusche kämen vom Walzwerk, das sei eine große Fabrik, in der Eisen verarbeitet würde.Ein paar Tage später erkundigte sich die Tochter, wie der Waldzwerg das denn mache: diesen Krach.

Aber noch ein Wort zu den Fremdwortkenntnissen bayerischer Grundschüler. Herr K. aus Würzburg schrieb vor einer Weile, in den vergangenen Monaten hätten zur Verbesserung des Schulunterrichts sogenannte »Evaluationsteams« die bayerischen Schulen besucht, auch in der Grundschulklasse, der sein Bruder als Klassenlehrer vorstehe, sei ein solches Team gewesen. Um die Kinder auf den Besuch vorzubereiten, erklärte der Bruder den Kindern, wer da zu welchem Zweck dem Unterricht lauschen werde. Er ging auch auf den schwierigen Namen des Teams ein.
Als am nächsten Tag die »Evaluatoren« im Klassenzimmer saßen, fragte der Lehrer, ob sich noch jemand an das schwierige Fremdwort erinnern könne… Ein sonst eher träger Schüler habe sich sofort gemeldet und gerufen: »Das Ejakulationsteam!«
Es habe dann noch mehrere Fehlversuche von Mitschülern gegeben, bis schließlich der Lehrer die Lösung bekannt gegeben habe: »Alles fast richtig. Ganz genau heißt das Team aber ›Evaluationsteam‹.«

Worauf der Schüler, der sich als Erster gemeldet hatte, protestierte: »Hab ich doch gsacht.«

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3381