Weil seine Mutter als Diätassistentin nach dem Krieg keine Arbeit findet, lebt die Familie von seinem Geld, seitdem er neun Jahre alt war. Außer seiner Mutter zählt noch Gerti Mann zu dieser Familie, seine Kinderfrau, die ins Haus kam, als er zwei war, und die ohne Unterbrechung bis heute bei ihm wohnt. Jetzt ist sie 83. Sie war nie verheiratet. »Ich habe immer alle Männer weggebissen, die von meiner Mutter und die von der Frau Gerti.« Er sagt, es habe nie die Notwendigkeit gegeben, über einen anderen Beruf nachzudenken, »denn ich war der Ernährer der Familie. Darauf war ich stolz, aber das hat mich auch belastet. Ich sage das ohne Bitterkeit: Ich habe meine Highlights gehabt.«
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Weil in diesen Wochen so viel von der RAF die Rede ist: Michael Ande ging in dieselbe Klasse wie Andreas Baader, auf ein Privatgymnasium am Münchner Ostbahnhof. Für Baader eine Art letzter Station, weil er von allen anderen Schulen rausgeschmissen worden war. »Der war ein guter Schüler, brillant sogar.« Als Baader beim Klauen erwischt wird, fliegt er auch von dieser Schule.Ande erinnert sich an die Worte des Direktors, dass es ihm um diesen hochintelligenten Schüler besonders leid tue. Ande hat sich oft gefragt, wie er sich verhalten hätte, wenn in der Hochzeit der RAF »der Baader Andi vor der Tür gestanden wäre«. Genau so sahen mal Münchner Gschichten aus: Baader und Ande, Räuber der eine, Gendarm der andere.
Vor drei Gedanken hat Ande Angst, nachts, wenn er wach liegt, Gedanken, die er nicht denken mag, weil sie ihn am Weiterschlafen hindern. Zwei verpatzte Chancen zählen dazu und eine Begebenheit, die er sich nicht verzeiht.
Die verpatzten Chancen: Als er in London Die Schatzinsel dreht, mit 21, sieht ihn Orson Welles. Dessen Assistent fragt Ande, ob er nicht mit Welles einen Film drehen möchte. »Und der Ande, der Gewissensmensch, der Depp, sagt Nein. Ich hätte vertragsbrüchig werden müssen, und das habe ich mich nicht getraut.«
Die andere verpatzte Chance, ein paar Jahre später: An den Münchner Kammerspielen bietet ihm ein junger Regisseur an, in seiner ersten Inszenierung mitzuspielen, Gerettet von Edward Bond, ein Skandalstück damals. Ande hätte auf der Bühne in einen Kinderwagen onanieren müssen, auch das hat er sich nicht getraut. Das Stück war ein riesiger Erfolg und der Durchbruch für Peter Stein, den man heute noch einen Regiegott nennt.
Die Begebenheit, die er sich nicht verzeiht, spielt im Schwabing der Siebzigerjahre, das war seine Zeit: Es ist Nacht, Ande steht mit Freunden auf der Straße und sieht, wie sich ein anderer Freund, betrunken und bis oben voll mit Pillen, mit Benzin übergießt und anzündet. »Und ich, ich war zu betrunken, um überhaupt reagieren zu können.« Der Freund stirbt.
Er erzählt diese Geschichten, die ihm nicht unbedingt zur Ehre gereichen, und hat nichts dagegen, dass sie gedruckt werden: »Sie können schreiben, was Sie wollen. Es gibt Geschichten, die glaubt mir eh keiner.«
Er ist ein netter Mensch.
Fotos: ZDF; Cinetext
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