Gesellschaft/Leben | Heft 50/2008

"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."

Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview) 


Wie haben Sie den Tod Ihrer Frau erlebt?
Als eine Kränkung. Wir führten keine ideale Ehe, das gibt es gar nicht. Der Schriftsteller Walter Dirks hat einmal zu mir gesagt: »Die Ehe ist dazu da, dass die Menschen sich an die menschlichen Bedingungen des Lebens gewöhnen.« Heute würde ich noch weitergehen. Wenn ich irgendwo ein ganz eng umschlungenes, sich wahnsinnig ostentativ liebendes junges Paar sehe, dann weiß ich: In einem Vierteljahr sind die völlig verkracht auseinander. Wenn ich dagegen ein junges Paar beobachte, wo sie anfängt, eine Geschichte zu erzählen, und er sie sofort unterbricht, »nein, das sagst du ganz falsch, das war doch so und so«, und wenn er dann etwas vorträgt und sie kritisiert, »lass es doch, das hast du doch schon fünfzehn Mal erzählt«: Dann weiß ich, die Beziehung dauert fünfzig Jahre.

Sind Sie dem Tod nähergekommen? Nein. Ich weiß schon, dass ich sterben muss, und wahrscheinlich relativ bald. Aber ich vermag daraus keine Konsequenzen zu ziehen.

Was kann man über den Tod überhaupt Sinnvolles sagen? Man kann sich den Tod nicht vorstellen. Alle äußern immer dasselbe: Gegen den Tod haben sie nichts, sie wollen nur keinen schrecklichen Schmerz und keinen schlimmen Todeskampf. Darauf lege ich auch keinen gesteigerten Wert. Ich bin durch den Tod meiner Frau dem Sterben etwas nähergekommen, aber ich habe nichts für mein Leben gelernt.
Wir haben Sie eingangs gefragt, wie dieses Interview beginnen müsste, wenn es ein Theaterstück wäre. Wie müsste es jetzt enden? Kommt darauf an, wer das Theaterstück geschrieben hätte. Wie würde Beckett so ein Gespräch ausgehen lassen? Das Wort »Kritiker« kommt, glaube ich, in seinem Werk nur einmal vor, und auch nur in der französischen Übersetzung von Warten auf Godot: Wenn Wladimir und Estragon sich mit schrecklichen Äußerungen beschimpfen. Ganz zum Schluss, nach mannigfachen Schmähungen, sagt dann der eine: »Du Kritiker!« Und der andere bricht zusammen.Wäre es ein Stück von Beckett, dann würden wir hier ewig sitzen. Aber jedes Menschenleben fängt neu von vorn an. Was müssten wir alle für erotische und gescheite Künstler sein, wenn wir die ganzen Erfahrungen der Menschheit in uns fruchtbar zu machen vermöchten: Man liebt sich ja schon seit vielen tausend Jahren.

Also Champagner. Richtig. Champagner!


Joachim Kaiser 80 Jahre – und immer noch eine Art Wunderkind des deutschen Kulturlebens: Musik-, Literatur- und Theaterkritiker, Professor, Vortragsreisender, Universalgelehrter. Geboren am 18.12.1928 in Ostpreußen, entdeckt und gefördert von Theodor W. Adorno, Mitglied der Gruppe 47, seit 1.1.1959 bei der »Süddeutschen Zeitung«. »Mir ist egal«, sagt er gern, »wer unter mir Feuilleton-Chef ist.«


Fotos: Niko Schmid-Burgk, Henriette Kaiser, Susanne Kaiser


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