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aus Heft 28/2009 Außenpolitik

Schritt für Schritt

Stefan Kornelius 

Toleranz statt Konfrontation: Die Rolle der USA im Nahen Osten hat sich dank Barack Obama grundlegend geändert. Jetzt muss es Obama gelingen, den persischen Präsidenten Ahmadinedschad in den Griff zu kriegen - denn im Iran entscheidet sich das Schicksal der ganzen Region.

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Es gibt ein paar Witze, mit denen sich die jüdische Oberschicht Amerikas Luft macht von dem Druck, ihre politische Treue gegenüber Israel beweisen zu müssen. Einen dieser Witze erzählt der Journalist Thomas Friedman: Der sehr religiöse Samuel Goldberg möchte in der Lotterie gewinnen. Jeden Sabbat betet er in der Synagoge: »Herr, ich bin mein Leben lang ein gottesfürchtiger Jude gewesen, kann ich nicht mal in der Lotterie gewinnen?« So geht das über Monate. Goldberg betet immer wieder und hadert: »Herr, was muss ich tun, damit ich endlich gewinne?« Da öffnet sich der Himmel, und hörbar genervt ertönt Gottes Stimme: »Goldberg, halt die Luft an und kauf endlich mal ein Los!«

Friedman erzählt diesen Witz, weil er ihn an das Verhalten von Israelis und Palästinensern erinnert. Beide Seiten fordern und hadern und klagen. Aber keine ist zu einem Zugeständnis bereit, keine will ein Opfer bringen. So war es in all den Jahren seit dem Sechstagekrieg 1967 und selbst in den Jahrzehnten davor. Die Geschichte des Landstreifens Palästina ist voller unerfüllter Versprechungen und zerstörter Hoffnungen. In dem teuflischen Dreiecksverhältnis aus religiösen, ethnischen und staatlichen Identitäten gärt ein schier unlösbarer Konflikt, der seine Ursachen lang vor der israelischen Staatsgründung 1948 hat.
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Israel und die Palästinenser – das ist ein inzwischen auf die Chiffre Nahostkonflikt zusammengeschrumpftes Beziehungsdrama, dessen globale Bedeutung sich nicht erklären will, wenn man bedenkt, dass in den betroffenen Gebieten nur 5,4 Millionen Juden und 5,2 Millionen Araber leben. Gemessen an anderen Konflikten auf der Welt sind das sehr wenige Menschen.

Aber ihr Streit ist so symbolgeladen, so grundsätzlich und so infektiös für andere, dass keine Macht der Welt ihm entkommen kann. Diese Erfahrung hat zuletzt George W. Bush gemacht, der den kleinen Regionalkonflikt ignorieren wollte und einem viel größeren Problem unterordnete. Aber der Nahostkonflikt will nicht weichen, selbst wenn man ihn aufbläst zu einer gewaltigen Auseinandersetzung des Westens mit der islamischen Welt, zumindest ihrem radikalen Teil. Deshalb gilt für jeden US-Präsidenten die Regel: Wenn du nicht zum Konflikt gehst, kommt er zu dir. Denn ungeachtet aller Aussichtslosigkeit und Frustration wird lediglich den USA die Fähigkeit zugetraut, den Konflikt zu beenden, die Hoffnungen der Vertriebenen und der Siedler zu erfüllen, Sicherheit zu garantieren und Vertrauen zu stiften.

Nun also Barack Obama: der Mann, der schon vor Beginn seiner Präsidentschaft mit Erwartungen beladen wurde. Er verdankt seinen kometenhaften Aufstieg und seine hohen Sympathiewerte vor allem einer rhetorischen Begabung, wie sie nur selten anzutreffen ist. Seine Reden sind klar, simpel und ausgewogen. Er benennt Probleme ohne Umschweife, fordert und gibt, zeigt Verständnis für Gefühle, ohne weich zu wirken. Was er sagt, erzeugt einen hohen Grad an Konsens – so auch mit der großen Rede am 4. Juni an der Al-Azhar-Universität in Kairo.

Diese Rede wird noch in Jahren als ein Meisterwerk angesehen werden. Mit ihr unternahm Barack Obama den Versuch, ein über acht Jahre gefestigtes Bild von Amerika in der arabischen Welt aufzubrechen. Er gab den USA Glaubwürdigkeit zurück, indem er das Land als demutsvoll und selbstkritisch zeichnete. Der Triumphalismus der Bush-Jahre war verflogen, Obama machte Amerika klein, damit es wieder vorbildlich sein kann. Manche Kommentatoren verglichen die poetische Kraft in Obamas Worten mit den Aussagen Osama bin Ladens. Das Ergebnis: Bin Ladens Rhetorik ist mittelalterlich und zerstörerisch, Obama spricht von Konsens, Respekt und Toleranz.

Die Rede hatte einen schnellen Effekt: Amerika und die Politik der Regierung waren nicht länger eine ausreichende Rechtfertigung für den Terror der Dschihadisten. Obama zitierte die drei Weltregionen, schilderte seine Lebenserfahrung unter Muslimen in Djakarta, erzählte aus dem Koran die Isra-Legende von Mohammed, der auf seiner Reise zu Allah mit Abraham, Moses und Jesus betet – die Propheten vereint im Gebet. »Frieden sei mit ihnen«, rief Obama in Anlehnung an die Beschwörungsformeln der Weltreligionen. Nie hat ein amerikanischer Präsident die arabischen Massen gefühlvoller angesprochen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Sollte der US-Präsident die Widerstandsbewegung im Iran gar gefördert haben, als er das Regime umgarnte?)
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