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aus Heft 21/2010 Musik

"Ich wollte mich noch ein paar Jahre durchs Leben mogeln"

Seite 2

Tobias Haberl und Johannes Waechter (Interview) 

Hören oder machen Sie lieber Musik, wenn Sie niedergeschlagen sind?
Wenn ich richtig down bin, sind meine Hände so schwach, dass ich nicht mal die Tasten am Klavier drücken kann.

Aber vielleicht die Play-Taste des CD-Spielers?

Das schon, aber im Moment bin ich körperlich so ausgelaugt wie nie zuvor. Das muss von den Bestrahlungen kommen.

Kann Musik in solchen Extremsituationen Trost spenden?
Ich gehe nicht stündlich zum CD-Spieler und lege ein fröhliches Lied auf, nur weil ich Krebs habe. Aber wissen Sie, was mir Kraft gibt? Dass ich wieder ein paar Titel beim Grand Prix eingereicht habe. Ich habe sieben Titel komponiert und produziert, auch ein paar für Deutschland, jeder kostet im Schnitt für Künstler, Hotels und Reisen 8000 Euro, das ist total unsinnig, aber ich kann nicht anders, und es macht mir Spaß. Ich weiß, ein paar Leute nehmen mir das übel, manche machen sich lustig über mich, aber ich verstehe nicht, warum. Musik ist mein Leben. Franz Beckenbauer ist doch auch noch im Fußballgeschäft.
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Aber der steht nicht auf dem Platz.
Und ich nicht auf der Bühne. Aber ich möchte da gern noch mitmischen. Sonst werden wieder nur Amateure geholt, die nicht wissen, wie es geht.

Was heißt hier Amateure? Lena Meyer-Landrut hat mit Satellite beste Chancen.
Warten Sie mal ab. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich ein paar Wochen lang bei einer ProSieben-Sendung gewinne, wo ein paar tausend Facebook-Kids anrufen, oder ob ich auf einer internationalen Bühne beim Grand Prix stehe. Der Grand Prix ist die Weltmeisterschaft der Musik, das ist eine ganz andere Nummer.

Stefan Raab hat es immerhin geschafft, Begeisterung für den etwas betulichen Wettbewerb zu wecken.
Das stimmt, seine Sendung Unser Star für Oslo war gut gemacht, aber sie hatte einen großen Fehler.

Welchen?
Die Macher haben vorher die Parole ausgegeben: Was international passiert, interessiert uns nicht. Das haben die wörtlich gesagt! Die wollten Erfolg mit der Sendung und anschließend möglichst viele CDs verkaufen. Der Grand Prix ist denen komplett egal. Was ist denn das für eine Einstellung? Zu so einer Veranstaltung fahre ich doch nicht, um Zehnter zu werden. Jogi Löw fährt doch auch nicht nur nach Südafrika, um in der Vorrunde unterzugehen.

So eine Parole könnte auch Understatement sein.

Glaube ich nicht. Die wissen einfach nicht, worum es geht. Die Plattenindustrie sagt doch seit dreißig Jahren: Der Grand Prix ist uns egal. Man will mit Lena Meyer-Landrut CDs verkaufen, ProSieben will gute Quoten und einen Star, der sich wochenlang vermarkten lässt. Es geht nur ums Geld. Oder warum hat Stefan Raab, der immerhin Jurypräsident war, auch noch zusammen mit der Siegerin ein Lied für sie geschrieben? In dieser Logik wird der Grand Prix nicht ernst genommen. Dagegen habe ich immer angestunken. Ich will nicht nur Platten verkaufen, ich will gewinnen, weil es eine Ehre ist.

In der FAZ stand vor ein paar Jahren, Stefan Raab habe für den Grand Prix mehr geleistet als Ralph Siegel.

Es gibt Journalisten, die schreiben seit Jahren schlecht über ich.

Trotzdem muss es wehtun.
Ach was, einer von denen scheint sogar einen richtigen Siegel-Komplex zu haben. Ich habe überhaupt nichts gegen Stefan Raab. Im Gegenteil, Raab tut auf seine Weise viel Gutes, für sich, aber auch für die Musik. Andererseits muss man auch sagen: Dafür, dass er seit zehn Jahren vier Sendungen pro Woche hat, ist nicht viel rausgekommen: Ein bisschen Maschen-Draht-Zaun, ein bisschen Guildo Horn, ein bisschen Stefanie Heinzmann. Raab ist ein toller Entertainer, aber beim Grand Prix ist er eben nur Fünfter, Achter und Zwölfter geworden.

Sie sind doch gekränkt.

Ach was, Herr Raab ist ein hochbegabter Mann, aber ich finde es unprofessionell, in einer Jury zu sitzen und mit der geplanten Siegerin ein Lied zu schreiben. Den anderen Song hat er auch noch von seinem Freund Max Mutzke schreiben lassen. Das ist nicht fair. So was gehört sich nicht im Sinne der Chancengleichheit.

Das Lied wurde dann nicht einmal gewählt.

Stimmt. Jetzt geht ein Beitrag von einem Amerikaner und einer Dänin für uns an den Start – wieder kein Lied von einem deutschen Autor, das ist doch ein Witz bei 40 000 deutschen Komponisten. Ralph Siegel und Bernd Meinunger werden also die einzigen deutschen Grand-Prix-Sieger bleiben.

( "Ein White Christmas habe ich nie geschrieben", gibt Ralph Siegel zu. Warum er sich dennoch für zeitlos hält, erfahren Sie auf der nächsten Seite.)
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