aus Heft 25/2010 Fernsehen 4 Kommentare
"Ich hab nicht nur was in der Bluse...!"
Christine Neubauer ist die erfolgreichste Schauspielerin Deutschlands. Warum leidet sie so unter ihrem Ruf?
Von Evelyn Roll Fotos: Oliver Mark
Es ist der elfte Drehtag für eine weitere Christine-Neubauer-Fernsehkomödie, Arbeitstitel: Liebe und andere Baustellen. Eine mutwillig in den Rohbau rückversetzte Finca in den nordwestlichen Bergen von Mallorca, Kabel, Scheinwerfer, flirrende Hitze. Christine Neubauer steht in einer mannshohen Holzkonstruktion, die mit frischem Zement bedeckt ist und aus der nur der Kopf herausragt. Gleich sollen drei Bauarbeiter noch sehr viel mehr Zement über ihren Kopf kippen.
Der Zement ist in Wirklichkeit Kartoffelbrei mit etwas Sand und schwarzer Lebensmittelfarbe. »Wenn dich das Zeug trifft, reißt du die Augen auf. Du musst richtig Lebensgefahr spielen«, sagt Thomas Nennstiel, der Regisseur. »Und wenn du Angst hast zu ersticken, mach ein Zeichen, dann brechen wir ab.«
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Die anderen witzeln rum, fragen die Produzentin, Regina Ziegler, scheinheilig: »Ist die Ausfallversicherung hoch genug und gültig?« – »Frau Ferres steht jedenfalls schon vor der Tür. Für alle Fälle.« – »Und: Ruhe – wir drehen! Silencio.« Dreißig Liter Kartoffelbrei pladdern aus der Betonmischmaschine auf Christine Neubauers Kopf und über ihr Gesicht. Sie reißt die Augen auf. Todesangst. »Danke. Super. Im Kasten.«Christine Neubauer liebt solche Szenen. Vor zwei Wochen ist sie noch bei 46 Grad mit dicken Stiefeln und fünf Kilo schwerer Minenschutzweste durch den Wüstensand von Namibia gelaufen für Die Minensucherin. Sie hat sich auch schon in der Bergwand von einem Adler anfallen lassen für die Geierwally. Sie reitet jedes Pferd selbst. Sie lässt sich nicht doubeln.
Thomas Nennstiel sagt: »Sie hat ein erotisches Verhältnis zur Kamera. Wenn die Kamera angeht, springt etwas bei ihr an. Es ist keine Pose. Christine Neubauer ist ein Phänomen.« Am nächsten Morgen, die Dreharbeiten haben schon begonnen, läuft einem das Phänomen entgegen wie ein kleines Mädchen und ruft: »Oooch wie schade, jetzt haben Sie verpasst, wie ich aus dem Fenster gefallen bin!«
Es ist ja so: In Wirklichkeit sieht Christine Neubauer nicht aus wie Christine Neubauer. Sie ist erstaunlich klein und schmal. Keine Wuchtbrumme. Deutschlands Kurvenstar und Vollweib trägt Kleidergröße 38, manchmal 40.
Sie hat das schon oft erklären müssen, sagt sie: dass Kameras manche Menschen dicker wirken lassen und größer und runder, in ihrem Fall bestimmt um zwei bis drei Kleidergrößen. Ihre liebste Produzentin und Vertraute Regina Ziegler sagt es so: »Die Kamera liebt Christine Neubauer. Aber sie liebt sie nun einmal doppelt.«
Später am Abend beim Essen hat die Produzentin Kartoffelbrei bestellt, aus Spaß und als Reminiszenz an den Zement. »Das würden sich viele wünschen, mich einzubetonieren«, sagt Christine Neubauer. Und sie sagt diesen Satz erstaunlich ernst und bitter.
Sie ist die schärfste Waffe der Öffentlich-Rechtlichen im Quoten-Kampf. So viel Erfolg, so viele Zuschauer wie Christine Neubauer hat keine. Und so viel Sendezeit auch nicht. Fast jeden dritten Abend ist sie im Fernsehen zu sehen. Sie hat Frau Ferres abgehängt, sie hat sie alle abgehängt. Wer will sie denn einbetonieren? Die Kritiker? Oder Doris Dörrie, die mit dem Maschinengewehr gedroht hat, wenn sie noch mal einer Fünfzigjährigen dabei zuschauen muss, wie die als angeblich Dreißigjährige eine Farm in Afrika gründet?
Im letzten Jahr liefen 115 Christine-Neubauer-Filme, zusammen waren es 10 373 Neubauer-Minuten, also ungefähr sieben volle Tage. Es könnte ihr egal sein, was Doris Dörrie sagt. Es ist ihr aber nicht egal: »Es sind fünf Filme im Jahr. Der Rest sind Wiederholungen. Davon habe ich gar nichts. An ihnen verdiene ich nicht, aber ich bin stolz auf sie, denn wiederholt wird bekanntlich nur, was bei der Erstausstrahlung erfolgreich war. Ist die Dörrie neidisch auf meinen Erfolg, weil ihre eigene Serie Klimawechsel gefloppt ist?«
Wenn man Doris Dörrie ein paar Tage später auf der Terrasse des Münchner Literaturhauses trifft, sagt sie: »Ich glaube, ich muss öffentlich Abbitte tun und mich bei Frau Neubauer entschuldigen: Also, es tut mir leid, ich wollte sie gar nicht persönlich kränken. Aber ich bestehe darauf, dass die Programmverantwortlichen komplett bescheuert sind, 115 Filme im Jahr mit ihr zu zeigen.« – Beleidigen Sie mit Ihrer Kritik nicht auch vier bis acht Millionen Zuschauer, die Frau Neubauer gern 115-mal sehen? – »Das ist das Totschlagargument der gesamten Branche: Die Deppen da draußen wollen es so, und wir hier drinnen mit Abitur geben ihnen, was sie brauchen.«
(Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Glaubwürdigkeit Christine Neubauers ausmacht und warum sie außerdem richtig gut fürs Geschäft der Öffentlich-Rechtlichen ist.)
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22 Uhr 40
08 Uhr 39
Auch wenn man aus einer Familie kommt, bei der der Vater bei der SZ arbeitete, muss das nicht das Ende sein, nein, es gibt die seltenen Ausnahmen mit Vorbildfunktion, die zeigen, dass man es in Deutschland auch mit derartigen Startbedingungen zu etwas bringen, dass man aus den Niederungen bis zum Olymp des zwangsfinanzierten Entertainments emporsteigen kann.
Hat das Aschenbrödel vormals noch den Fisch in die selbstgedruckte Abendausgabe gewickelt, so lebt es heute mit dem springernden Froschkönig auf dem Schloss, dass ihrer gut gefüllten Bluse gebührt.
Was für ein Sommermärchen.
16 Uhr 05
K.S.
13 Uhr 52
Aber: Häuser wollen bezahlt sein, von irgend etwas muß man schließlich leben. Mit hochsommerlichen Grüßen aus dem schön-schöner-am schönsten- Hamburg, B. Braun