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aus Heft 28/2010 Politik 4 Kommentare

"Ich will den Tagen viel Leben geben"

Sepp Daxenberger war der mächtigste Grüne Bayerns. Jetzt zwang ihn der Krebs zum Rückzug aus der großen Politik. Ein Gespräch.

Von Annette Ramelsberger und Thomas Bärnthaler (Interview)  Foto: Dieter Mayr





SZ-Magazin: Herr Daxenberger, wie geht es Ihnen?

Sepp Daxenberger: Ich bin jetzt wieder einigermaßen stabil, trotz des kleinen Schlaganfalls, den ich vor Kurzem hatte. Das war Ende Mai anders. Da hatte ich Chemotherapie, gleichzeitig bin ich bestrahlt worden und habe auch noch sogenannte Immunsuppressiva bekommen. Nach zwei, drei Chemos sind solche Probleme aufgetreten, dass ich kaum mehr aus dem Bett rausgekommen bin. Ich habe mich zusammenreißen müssen, mir die Zähne zu putzen.
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Das sieht man Ihnen jetzt nicht an.
Ich habe die Chemo abgebrochen. Ich werde sie in ein paar Wochen wieder anfangen, die brauche ich schon, um die Krebszellen in Schach zu halten. Aber als es mir so dreckig gegangen ist, habe ich die endgültige Entscheidung getroffen, den Fraktionsvorsitz im Landtag abzugeben. Ich will kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich mich mal zwei Stunden hinsetze oder mir die Fußball-WM anschaue. Oder mit Freunden in den Biergarten gehe.

Wie sieht Ihre derzeitige Therapie aus?
Ich bekomme Infusionen, um meine Knochen zu stärken. Und ich werde bestrahlt, punktuell. Mein Krebs frisst mir ja Löcher in die Knochen. Diese Stellen werden bestrahlt, damit dieser Prozess gestoppt wird. Bei mir sind das die Schulter und der dritte Lendenwirbel.

Was passiert, wenn sich der Prozess nicht stoppen lässt?
Dann brechen die Knochen ein. Eine Bekannte, die an der gleichen Krebsform leidet, ist in den letzten Jahren um zehn Zentimeter kleiner geworden, weil die Wirbel einbrechen. Man kann das stabilisieren, aber man verliert an Beweglichkeit.

Sie haben immer gesagt, Politik sei für Sie die beste Therapie. Hat diese Therapie Sie wirklich weitergebracht?
Ich weiß es nicht, aber ich glaube schon. Aus diesem Grund gehe ich ja auch nicht ganz aus der Politik raus. Im Moment macht mir die Kommunalpolitik viel Spaß. Ich kümmere mich schon noch um Sachen. Landespolitik fällt mir im Moment schwer. Die Wertigkeiten haben sich verschoben. Ich kann mich nicht so über Dinge aufregen wie früher. Ich schau mir noch die Nachrichten an. Aber früher habe ich mich sofort gefragt: Was musst du jetzt tun? Auf was reagieren? Jemanden anrufen? Das ist jetzt weg.

Andere Krebspatienten sagen: Der Beruf ist das, was mich so aufgerieben hat. Haben Sie darüber mal nachgedacht?
Ja. Es gibt auch Leute, die das anschneiden. Ich habe das mit den Ärzten besprochen. Wenn sie der Meinung sind, dass ich aufhören muss, um bessere Heilungschancen zu haben, muss ich mich damit beschäftigen. Bis jetzt habe ich das noch von keinem gehört. Ein bisschen reduzieren, ja – aber nicht aufhören.

Viele denken: Warum lässt er es denn nicht ganz? Warum macht er sich nicht noch eine gute Zeit?
Das war schon vor Jahren so: Da haben die Leute gesagt, ich solle doch reisen, mir die Welt anschauen. Aber ich bin doch zufrieden mit dem Leben, das ich habe. Ich will doch nichts anderes machen. Ich mag eigentlich gar nicht rumfahren, was soll ich denn auf den Malediven? Und ich mag die Politik. Ohne Politik werde ich unruhig.

Sie waren mal ein Hundertkilomann, Schmied, Fußballer, Feuerwehrmann. Wie sehr hat Sie der Krebs geschwächt?
Sehr, und das nervt mich furchtbar. Vor allem auf dem Hof. Das sind oft so Kleinigkeiten: Im Kälberstall hat sich ein Wasserfass verschoben, das müsste ich aufheben. Sechzig, achtzig Kilo. Früher war das kein Problem, da bist mit dem Fuß reingefahren und hast es hochgestemmt. Jetzt schaff ich es nicht mehr, ich darf es nicht mehr. Das ärgert mich. Vom Selbstbewusstsein her belastet es mich eigentlich nicht. Das wäre vor zehn, 15 Jahren anders gewesen. Damals habe ich mich damit identifiziert, stark zu sein. Jetzt bin ich schwach. Aber das lastet mir niemand an, wegen der Erkrankung. Ich bin ja nicht faul.

Haben Sie Schmerzen?
Ich habe keine Schmerzen. Nur in der Schulter beim Autofahren oder beim Arbeiten auf dem Hof. So wenn es bleiben würde, wäre es gut. Aber ich weiß, dass es nicht so bleibt.

Warum? Schlagen Ihre Therapien nicht an?
Die Therapie, die ich im Februar und März im Krankenhaus gemacht habe, hat nur sehr kurz angeschlagen. Aber meinen Ärzten fällt alle paar Wochen was Neues ein: Erfolgreich war zum Beispiel, als ich vor drei Jahren Stammzellen von einem Spender in England bekommen habe. Das war aber auch sehr heftig.

Wie muss man sich das vorstellen?

Stammzellen transplantiert zu kriegen ist, wie eine neue Niere oder ein neues Herz zu bekommen. Das neue Organ heißt Immunsystem. Ich habe zum Beispiel eine andere Blutgruppe als vorher – die von meinem Spender. Das Komplizierte ist: Das neue Immunsystem und der Körper passen nicht zusammen. Da laufen Abstoßungsreaktionen ab.

Was genau bedeutet das?
Oft wird ja eine Niere abgestoßen, und bei mir hätte es sein können, dass der ganze Körper abgestoßen wird. Das heißt: Tod. Deswegen bekomme ich Immunsuppressiva, die das unterdrücken und die ich lebenslang nehmen muss. Gefährlich wurde es, als sie ganz langsam ausgeschlichen wurden, damit sich das Immunsystem und der Körper aneinander gewöhnen. Man hat kein Immunsystem, ist also furchtbar anfällig für Infektionen und wird gleichzeitig noch geschwächt durch die Chemotherapie. Ich habe mich dann auch tatsächlich angesteckt, mit dem Epstein-Barr-Virus.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die halbe CSU hat vor dem Sepp
Daxenberger gezittert, die andere Hälfte wollte Sie am liebsten in den eigenen Reihen haben)

Kommentare

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  • Falk Hörnke (0) Zum Thema gibt es ein besonderes Buch: "Den Tagen mehr Leben geben". Es handelt von einem außergewöhnlichen Hospizkoch und seinen sterbenskranken Gästen.

    Der Fernsehjournalistin und Autorin Dörte Schipper ist ein bemerkenswert spannendes und überraschendes Buch gelungen über das Sterben ? und das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Dem Buch vorausgegangen ist eine Fernsehdokumentation in der ARD, für die die Autorin mit dem Erich-Klabunde-Preis ausgezeichnet wurde.

    Dörte Schipper
    DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
    Vorwort von Udo Lindenberg

    Bastei Lübbe Verlag
    253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
    ISBN 978-3-7857-2385-2

    Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen außergewöhnlichen Koch und die Lebensgeschichten seiner Gäste.
  • Jack One (0) Sepp!
  • Juergen Hermann-Riedleder (0) Soll heissen: Nur wer Gentechnik befürwortet, darf sich auch einer Chemotherapie unterziehen?

    Wo ist hier der Zusammenhang? Und hier von Ironie zu sprechen ist schon sehr fragwürdig.

    Bitte Gott lass Hirn regnen!!!!!
  • Jochen Grünhagen (0) Dem Menschen Daxenberger wünsche ich nur das beste und hoffe, dass er wieder gesund wird.

    Dem Politiker Daxenberger wünsche ich, dass die Erfahrung, dass nur die moderne Technik und Medizin sein Leben verlängern und retten kann, zu ein paar Einsichten führt. Gerade Herr Daxenberger hat die moderne Wissenschaft an vielen Stellen regelrecht verteufelt - nicht nur die grüne Gentechnik.

    Insoweit entbehrt die Geschichte nicht einer allerdings sehr bitteren Ironie.