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aus Heft 37/2010 Familie Noch keine Kommentare

Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein merkwürdiges Gefühl

Unterwegs in Sachsen: Andreas Wenderoth erlebt, wie sein Vater die Orte seiner Vergangenheit besucht - und lernt ein paar grundlegende Wahrheiten (nicht nur über sein Leben)

Von Andreas Wenderoth  Bild: Klaus Fürmaier




Mein Vater ist fünfzig, noch bester Gesundheit, als er eines Abends mit Hang zur dramatischen Geste, in abgehackten Bewegungen, ungelenk wie ein Greis über das Stabparkett des Wohnzimmers schlurft, uns mit aufgerissenen Augen anschaut und mit dünner Stimme sagt: »Erschreckend, nicht wahr?« Er will schon mal klarmachen, was auf uns zukommen wird, später. Wenn es so weit ist.

Zum Glück kam es anders. 34 Jahre danach. Er sitzt im Auto und steuert auf seinen Heimatort Langebrück im Norden Dresdens zu. Auf dem Sitz neben ihm, Beifahrer seines Lebens: ich. Er sagt: »Dass wir dazu 45 Jahre brauchen würden!« Natürlich schäme ich mich ein bisschen, dass der Anstoß für diese Reise von außen kam. Dass ich mich der Heimat meines Vaters nicht eher mit gebührendem Interesse genähert habe. Zugleich freue ich mich, dass dieser Ausflug in seine Vergangenheit eine späte Chance gibt, nachzuholen, was ich bisher versäumt habe. Wir freuen uns beide.

»Aber bitte keine Psychoanalyse!«, sagt er. – »Du liest es ja sowieso«, beruhige ich ihn. Er liest alle meine Manuskripte. Es wird schwer sein, ihm ausgerechnet dieses vorzuenthalten. Ich weiß nicht, wer wem damit den größeren Gefallen tut, aber sicher ist, dass er es auch deshalb gern macht, weil er sich in diesen Momenten wieder als Journalist fühlen darf, der er seit seiner Pensionierung nicht mehr ist. Weil er seinem Sohn so auf bestimmte Weise noch näher ist, sozusagen als Kollege. So haben wir beide etwas davon: ich seinen in der Regel immer noch scharfen Blick, er das Gefühl, gebraucht zu werden und den Nachhall eines Berufs, in dem er glücklich war.

Mein Vater trägt eine kakifarbene Weste, eine Hose ebensolcher Farbe und die weißen Haare sehr kurz. Das Hörgerät ist justiert, er ist bester Laune, aufgekratzt wie immer, wenn er die Nebel seiner Jugenderinnerungen lüften darf. »Jetzt fällt mir wieder was ein!« Je weiter die Geschichten zurückliegen, desto treffsicherer wird er. Bringt er im aktuellen Leben schon mal etwas durcheinander, seinem Langzeitgedächtnis macht niemand was vor. Seitdem vier Bypässe frisches Blut durch sein Herz pumpen, kann sich sein Sohn nicht daran erinnern, ihn überhaupt schon einmal gähnen gesehen zu haben.

Umgekehrt ist das anders. Er hat nie ganz verstanden, wieso ich mir keine Geschichtsdaten merken kann. »Du weißt nicht, wann die erste Schlacht bei Tannenberg war?« Und so freut er sich auch heute wie ein kleines Kind, wenn er scheinbar Verschüttetes wieder aufdeckt. Eine Art Rückversicherung: Die Zahnräder greifen, die Maschine läuft noch.

Eigentlich fahre ich nicht so gern mit ihm Auto. Er sagt, als Autofahrer könne man ihm nichts vormachen. Ich glaube, er überschätzt sich. Alle zaghaften Versuche, ihn über meine Mutter zum Aufhören zu bewegen, sind gescheitert. »Das Auto lasse ich mir nicht nehmen«, beharrt er. Nicht, dass er aggressiv fahren würde, eher ist es so, dass er die anderen in die Aggressivität treibt. »Also, ich fahr gemütlich, kein Rennen.« In der Regel kommt es mir so vor, fährt er so langsam, dass er den Hintermann zu riskanten Überholmanövern verleitet. Manchmal empfinde ich auch die Abstände zu den Seitenspiegeln als deutlich zu gering. Und, dass er es zuweilen nicht so genau mit der Spur nimmt. Ich habe den Eindruck, er fährt gern zwischen den Spuren. »Was verstehst du vom Autofahren?«, sagt er, wenn ich zu leiser Kritik anhebe.

Dagegen kann ich wenig einwenden: Ich habe das Autofahren vor etwa zehn Jahren aufgegeben – aus Mangel an Talent und Routine. Das letzte Mal, als ich am Lenkrad saß, habe ich in Hamburg mit einem Leihwagen eine rote Fußgängerampel übersehen. Gut, ich hab noch abbremsen können, aber etwa zwei Dutzend Menschen waren berechtigterweise aufgebracht und machten mit den Händen allerlei Zeichen, die ich als eher unhanseatisch empfand.

Er hält das Lenkrad fest in der Hand, als er sagt: »Ich sehe keinerlei Probleme in unserer Beziehung.« Mein Hang zur Unordnung, nun gut. »Das hast du weder von mir noch von deiner Mutter!« Bis heute notiert er sich, welche Bücher oder CDs er mir wann geliehen hat. Hin und wieder treffen auch Mahnschreiben ein. »Und, dass du immer noch keine Frau hast.« Eigentlich will er sagen: er keine Enkel. Auf eine kleine Schwäche seines Sohnes anspielend: »Ob dir deine Hi-Fi-Anlage auf Dauer genügt …«
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Ich konfrontiere ihn mit einem Satz, der von ihm stammt, mich nachhaltig geprägt hat, und von dem er jetzt meint, er würde ihn so nicht mehr aufrechterhalten. Als ich vielleicht zwölf Jahre alt war und noch wenig über die Welt der Erwachsenen wusste, hatte er mich, wer weiß in welcher Stimmung, beiseite genommen und gesagt: »Junge, die Ehe ist keine zeitgemäße Institution!« Das hat er nun davon.

»Jetzt wollen wir zum Spaß mal das Navi anwerfen.« Das Toyota Navigationsgerät ist seit Langem die größte technische Herausforderung im Spätherbst seines Lebens. Vier Jahre war es ungenutzt im Wagen, jeder Sichtkontakt eine Demütigung, mein Vater mit der Bedienung heillos überfordert. Heute überraschend: »Ich beherrsche das Navi jetzt!« Die computerisierte Frauenstimme, von der er sich freilich immer noch nicht so recht erklären kann, wie sie in das Gerät kommt, weist an: »Biegen Sie in 400 Metern rechts ab!« – »Ich denke gar nicht daran!«, beharrt mein Vater. »Ich erlaube mir da selbstverständlich Abweichungen.« Die Stimme insistiert, mein Vater fährt trotzdem geradeaus. »Das weiß ich besser, Kindchen!« Nun naht die Autobahnauffahrt, ein Umstand, der seine volle Konzentration verlangt. In solchen Fällen ermahnt er mich stets, das Gespräch auszusetzen. »Gequatsche ist da nicht so gut!«

Ich bin sicher, dass mein Vater aufgrund seiner Belesenheit und eines sehr entwickelten freigeistigen Denkens das Zeug zum Weltbürger gehabt hätte. Wenn er es nicht wurde, so liegt es mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass ihn das Reisen nie besonders interessiert hat. »Mir war die nähere Umgebung immer lieber.« Vor vielen Jahren sein einziger großer Trip durch Asien mit einem Containerschiff, der ihm als beschwerlich in Erinnerung blieb, vor allem wegen der Seekrankheit.

Auch habe er in der Hitze jener tropischen Nächte oft jenes seltsame Gefühl gehabt, »nicht mehr ich selbst zu sein«.Seitdem machte er nur wenige nennenswerte Versuche, über Franken oder den Bayerischen Wald hinaus seine Urlaube zu verbringen. Mein Vater beißt in die Käsestulle und sagt einen Satz, für dessen Souveränität ich ihn liebe: »Man kann nur beschämt feststellen, dass man eigentlich ein Provinzler ist.«

Wie alle Moden ist ihm auch Sushi zuwider. Er schätzt helles bayerisches Bier und einfache Gasthöfe, in denen man einen guten Schweinsbraten bekommt. Ich war mit meinen Eltern als Kind etwa zehnmal in Grafenau. Die Welt hat mir mein Vater nicht gezeigt, und eine Weile habe ich ihm dies, zumindest im Stillen, auch vorgeworfen. Das Reisen habe ich mir später angeeignet, als ich anfing, für Reportagemagazine zu schreiben. Ein »großer Reisender« bin ich deshalb wohl trotzdem nicht geworden. Grundsätzlich lehne ich Aufträge in Krisengebiete, Malariazonen, Länder, die mir zu heiß oder zu kalt erscheinen oder solche, in denen man mich nötigt, in einem Zelt oder mit anderen in einem Raum zu schlafen, beherzt ab. Die Auswahl engt sich dadurch naturgemäß etwas ein.
Wir sind uns recht ähnlich, doch.

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