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aus Heft 41/2010 Frauen

»Nutzen Sie Ihren Charme?« – »Oh nein. Das finde ich ganz furchtbar.«

Sonja Banze (Interview)  Fotos: Deniz Saylan

Regine Stachelhaus ist eine der wenigen Frauen in einem Dax-Vorstand. Bitte lesen und nachmachen.



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SZ-Magazin: Frau Stachelhaus, »Die ist männlicher als jeder Mann«, »Hat die sich hochgearbeitet oder hochgeschlafen?« – das sind noch immer die Klischees, wenn es um weibliche Führungskräfte geht, oder?

Regine Stachelhaus: Vielerorts leider schon. Und vergessen Sie die Quotenfrau nicht.

Wie gelingt es einem, um über solchen Blödsinn hinwegzusehen?
Wenn mir so etwas zu Ohren kommt, kläre ich das. Ich bitte jeden, der so redet, in mein Büro, und dann wird das unter vier Augen besprochen. Egal, ob Mann oder Frau – die ja manchmal schlimmer redet als jeder Mann. Danach müssen Sie das einfach zu den Akten legen und vergessen. Neid, Missgunst und üble Nachrede sind im Übrigen keine Phänomene, die Sie nur in den Chefetagen finden.

Sie sind eine der ersten Frauen, die es in den Vorstand eines Dax-Konzerns geschafft haben. Wie ist es, so allein im Boys’ Club?
Sie meinen, ob wir gemeinsam auf den Golfplatz gehen?

Ist das so?
Nein. Wir sind ein gutes Team im Vorstand. Ich hatte aber immer auch andere Netzwerke.

Ist denn zumindest ganz oben endlich Schluss mit diesem ewigen Frauen-Männer-Thema? Oder muss man nach wie vor in seinem ganzen Verhalten auf der Hut sein, um nicht als zu weich abgestempelt zu werden?
Das wäre ja richtig stressig. So etwas hätte ich nie durchgehalten. Ich kann nicht pausenlos auf jeden meiner Schritte, auf jede Geste, jeden Satz achten. Das macht einen ja ganz verrückt.

Managementseminare leben davon, Frauen Tricks beizubringen, wie sie sich in der Männerwelt am besten durchsetzen.
Bei diesen Dingen bin ich misstrauisch. Und speziell von Tricks halte ich gar nichts. Am Ende sind Frauen nicht mehr authentisch.

Authentisch zu sein hilft leider bei der Karriere nicht weiter.
Wenn man an den Diversity-Gedanken glaubt, also daran, dass der Erfolg eines Unternehmens davon abhängt, dass möglichst viele verschiedene Talente und Persönlichkeiten daran mitarbeiten, dann will man keine Frauen, die sich männlich verhalten, in unförmigen Hosenanzügen rumlaufen und sich dazu noch die Haare streichholzkurz schneiden. Da hört der Spaß auf. Ich bin ja das beste Beispiel, dass es auch anders geht.

Trotzdem gibt es Spielregeln: Dinge, die man als Frau tut, und solche, die man besser lässt.
Frauen machen oft den Fehler, ihre als Kind erlernten Verhaltensweisen, für die sie honoriert wurden, auch in den Berufsalltag zu übertragen. Sie sind oft zu bescheiden und lassen sich die Lorbeeren von den lauteren und dominanteren männlichen Kollegen klauen. Frauen sollen lernen, ihre Leistungen stärker zu verkaufen und notfalls für ihre Positionen argumentativ zu kämpfen. Daran hapert es im Berufsalltag oft.

Was tun Sie, wenn Sie merken, dass Sie nicht ernst genommen werden?
Ich erinnere mich an ein Meeting meines früheren Teams mit einem potenziellen Geschäftspartner: Der kommt in den Konferenzraum, guckt mich an und sagt, ich soll schon mal den Kaffee einschenken. Und duzt mich auch noch.

Und?
Ich habe den Kaffee eingeschenkt und das Meeting beendet. Das Geschäft kam nicht zustande.

Sie waren beleidigt?

Nein. Da ging es nicht um mich und nicht um das Thema Frau. Mit jemandem, der so auftritt, ist grundsätzlich keine partnerschaftliche Zusammenarbeit möglich. Das spricht für eine Unprofessionalität, die sich auch in allem anderen niederschlägt. Ich denke, die Lernerfahrung hat er mitgenommen.

Ich stelle mir das so vor: Sie sind exzellent vorbereitet, überzeugt von Ihrem Konzept – und dann müssen Sie zusehen, wie die Jungs die Sache unter sich ausmachen. Auch ein Klischee?
Doch, so etwas kommt vor, aber das darf man nicht persönlich nehmen. Nach solchen Erlebnissen denke ich abends: Was ist heute schiefgelaufen? Du warst top vorbereitet, aber du konntest dich nicht durchsetzen. Wo bist du hier taktisch gescheitert?

Ihre Sachlichkeit ist fast schon unheimlich.
Ich bin nicht immer so. Emotionen sind ja nichts Schlechtes. Emotional zu sein, sich aufzuregen und zu sagen, das nehme ich nicht hin: Das gehört dazu.

Auch vor Publikum? Oder wird das als Schwäche ausgelegt?

Gerade Frauen haben ein sicheres Gespür dafür, was wann angebracht ist. Das gilt auch für Kritik am Vorgesetzten. Frauen wissen, wann dafür der geeignete Moment ist – sicher nicht vor Publikum mitten im Meeting.

Der Eindruck ist, dass Männer meist lockerer sind, souveräner, großzügiger. Haben Frauen eher das Gefühl, strikt nach den Regeln spielen zu müssen?

Der Eindruck täuscht. Zwar tun sich Frauen oft noch schwer damit, sich auf die Spiele einer von Männern geprägten Berufswelt einzulassen, was ihnen eventuell als Unsicherheit ausgelegt wird. Eigenschaften wie Lockerheit und Großzügigkeit sind aber doch eher charakterabhängig und nicht geschlechtsspezifisch.

Wer zu nett und zu hilfsbereit ist, verliert schnell Respekt.

Sie sprechen da klassisch weibliche Eigenschaften an. Aber die sind ja per se nichts Schlechtes. Um Entscheidungen durchzusetzen, kann man ganz unterschiedliche Methoden nutzen, das kommt immer auf den Kontext an.

Nutzen Sie Charme?

Oh nein – das finde ich ganz furchtbar. Ich wundere mich manchmal, dass in manchen Kulturen wie in Frankreich die Leute auch in der Geschäftswelt beleidigt sind, wenn man nicht erst mal eine Viertelstunde mit ihnen flirtet. Bei uns fühlt man sich davon eher vor den Kopf gestoßen. Da geht es immer um Kompetenz.

Charme soll über Inkompetenz hinwegtäuschen?

In jedem Fall ist es besser, an den Fakten orientiert und von sich überzeugt aufzutreten. Was nicht heißt, dass man nicht verbindlich und freundlich sein kann.

Wer Sie aus Ihrer Zeit bei Hewlett-Packard kennt, sagt, Sie seien früher entspannter gewesen.
Entspannt bin ich eigentlich immer noch. Ich bin vielleicht einfach ein bisschen älter und abgeklärter geworden. Das Einzige, auf das ich heute sehr viel genauer achte als früher, ist Sprache. Frauen neigen dazu, von »man« zu reden. »Müsste man nicht, sollte man nicht« – das gibt jeder Äußerung nur Vorschlagscharakter.

Stattdessen?

Ich-Form, klare Ansprache, klare Ziele, klare Forderungen. »Ich will, dass das jetzt passiert.« In diesem Punkt habe ich meine Sprache geändert. Ich mache das inzwischen intuitiv.

Gibt es Momente, in denen Sie eine Kollegin beobachten und sehen: schwerer Fehler?
Klassisch sind Beförderungsgespräche. Die Reaktion von Frauen in solchen Fällen ist: Bin ich denn schon so weit? Kann ich das? Leider wird das falsch verstanden. Das kommt so an, als ob die Frau sich mehr nicht zutraut, als ob sie die Falsche für den Job ist. Das war’s dann mit der Karriere. Männer reagieren ganz anders. Männer sagen: Super, endlich, da habe ich schon lange darauf gewartet, dass ich dieses Angebot kriege.

Der Mann denkt offenbar einfach: Macht. Geld. Dienstwagen. Ist das für Sie kein Reiz?
Wie viele Frauen habe ich dazu ein ambivalentes Verhältnis. Ich finde es spannend, was ich alles bewegen kann. Ich weiß aber auch, dass diese Macht immer geliehen ist, dass man nur auf Zeit so viel Einfluss hat – und übrigens auch den Dienstwagen.
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Sonja Banze

, 40, war beeindruckt davon, wie gut Regine Stachelhaus die Männer im Griff hat: Der Fototermin dauerte etwas länger als geplant, die Verzögerung wollten die Kollegen für ein Schwätzchen nutzen. Da fiel nur der Satz: »Sie fangen bitte schon mal an.«

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