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aus Heft 06/2011 Mann und Frau

Ein Paar offene Fragen

Gabriela Herpell  Illustrationen: Arne Bellstorf

Wir haben ein glückliches Paar gebeten, in Paartherapie zu gehen - um zu sehen, was die perfekte Beziehung ausmacht. Ein Experiment mit Folgen.

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September 2010, abends. Nils und Carolin sind ein fröhliches, schwungvolles Paar, sie haben ein süßes Baby, Mara, sie machen beide Karriere, es geht ihnen gut. Sie sind neu in München, wohnen in einem Reihenhaus im Westen der Stadt, im Erdgeschoss haben sie die nicht tragenden Wände eingerissen, damit Wohnzimmer und Küche eins wurden. Die Küchenschränke glänzen dunkelrot, ein schöner Kontrast zum verkratzten Bäckertisch, an dem gegessen wird, im Bücherregal stehen Jonathan Franzens Freiheit , Henning Mankell, verschiedene Reiseführer. Gäste werden wunderbar bewirtet, mit Melone, Parma-Schinken, kühlem Weißwein, Baguette.

Für deren Unterhaltung fühlen sich beide zuständig, hören zu, auch einander. Dabei schauen sie sich oft an, und wenn Carolin lacht, schwingt ihr Körper immer leicht in Nils’ Richtung, manchmal legt sie den Kopf kurz und keck an seine Schulter. Sie sind ein perfektes Paar. Deshalb haben wir Nils und Carolin gefragt, ob sie sich auf ein Experiment einlassen würden: eine Paartherapie. Und wir haben Dr. Andreas Hamburger, Professor für Klinische Psychologie an der International Psychoanalytic University Berlin und analytischer Psychotherapeut in München, gefragt, ob er sich auf ein Paar einlassen würde, das ohne Leidensdruck kommt. Alle drei haben Ja gesagt.
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Mittwoch, 10. November, 18 Uhr bis 18.50 Uhr.

Die Praxis: drei Ledersessel, Stehlampe, eine Liege mit grauer Felldecke darauf. Der Termin ist nach langem Ringen zustande gekommen, denn Nils und Carolin haben nicht viel Zeit, nie. Nils kommt direkt von der Arbeit und gleich zur ersten Sitzung zu spät. Carolin hat Mara, das Baby, ein Jahr alt, mitgenommen, weil die Babysitterin nicht konnte. Andreas Hamburger, ein gut aussehender Mann in mittleren Jahren, beginnt mit der Anamnese: Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar, seit fünf Jahren verheiratet und zweimal miteinander umgezogen: Einmal ist er ihr nach Bonn gefolgt und einmal sie ihm nach München. So gleichberechtigt wirken sie auch.

Nils ist 33 und Betriebswirt. Carolin ist 30 und Juristin. Sie lernten sich auf einer Wirtschaftsschule in London kennen, waren in einem Arbeitsteam, verbrachten täglich 18 Stunden und mehr miteinander, merkten bald, dass es nicht nur die Arbeit war, die sie beflügelte. Carolin machte den ersten Schritt, in einer Bar. Sagte, dass sie mehr für ihn empfinden würde als Freundschaft. Ihm passte das erst nicht, er wollte alle Kraft in die teure Schule stecken. Aber dann gab ihnen die Liebe Energie, er hätte Bäume ausreißen können. Nils ist groß, schlank, das blasse Gesicht markant, kurze Haare, er trägt einen nachtblauen, tadellos sitzenden Anzug. Carolin ist auch groß, sportlich, sie hat blonde lange Locken, ein strahlendes Lachen. Beide sprechen schnell. Nils stammt aus Dänemark, sie aus Bonn, ihre gemeinsame Sprache ist Deutsch.

Ob es in ihrem Beziehungsleben immer wiederkehrende Konflikte gibt, fragt der Therapeut. Kleinigkeiten eher, sagt Nils. Nur manchmal fragt er sich, warum diese kleinen Dinge, die man am Anfang nicht wahrnimmt, später so ein Gewicht bekommen. Wie ordentlich einer ist, zum Beispiel. »Kann man da vorbeugen? Kann man sehr aufmerksam sein, schon in der Verliebtheit, und diese Details sehen? Und: Würde das helfen?« Denn so gut es jetzt auch läuft zwischen ihnen - Nils und Carolin sind reflektiert genug zu wissen, dass schon die vermeintlich besten Paare wieder auseinandergegangen sind. Weil sie Enttäuschungen nicht ausgehalten, Belastungen nicht standgehalten haben, sich in Rollen gedrängt sahen, die sie sich so nicht vorgestellt hatten.  

Paartherapeuten sagen, dass 70 Prozent der Paare, die eine Beratung in Anspruch nehmen, wegen eines Babys in Beziehungsschwierigkeiten geraten sind. Und dass 80 Prozent der Paare, die eine Beratung in Anspruch nehmen, zu spät kommen. Das Argument für eine Paarberatung ist ja: Wir lernen Beziehung nicht, wie wir Tennis lernen, mit einem Trainer, sondern wir machen einfach so weiter, wie wir es aus der Kindheit und aus vergangenen Beziehungen kennen. Das geht oft nicht gut, doch wir wissen nicht recht, warum. Ein Profi sieht mehr: Beziehungsmuster.

Konfliktpotenzial. Ängste. Chancen. Warum also nicht schon ins Training gehen, wenn noch keiner unglücklich ist? Lange haben wir kein Paar gefunden, das sich einer Beratung freiwillig aussetzen würde. Angst vor Überpsychologisierung. Angst davor, schlafende Hunde zu wecken, Schubladen aufzuziehen, die besser zubleiben sollten. Nils und Carolin waren auch nicht sofort Feuer und Flamme. Aber sie waren neugierig. Und hatten genug Selbstbewusstsein als Paar, sich auf das Experiment einzulassen.

Andreas Hamburger fragt zurück: »Warum fällt Ihnen Ordnung als Beispiel ein?« Nils: »Ich bin so erzogen worden, dass alles tipptopp ist, bevor man abends ins Bett geht oder in die Ferien fährt. Carolin hat andere Prioritäten.« Carolin: »Ich habe seine Erledigungsliste im Kopf, bevor wir wegfahren. Aber ich vergesse oft etwas. Ich will nur weg.«
- »Das letzte Mal hat sie den Blumen kein Wasser gegeben.«
- »Darüber ärgere ich mich ja selbst. Immerhin reden wir über solche Dinge. Und räumen sie aus.«
- »Ja. Wir wollen miteinander weiterkommen. Und das Thema Putzen soll uns nicht hindern.«

Nach der ersten Stunde sagt der Therapeut: »Die beiden sind anpassungsfähig, haben eine gesunde, wohlwollende Beziehung zueinander, sie nehmen die Dinge in Angriff, sind belastbar und klug.« Es gibt wenig Konfliktpotenzial, auf den ersten Blick. Daran ist der Therapeut nicht gewöhnt. Wo soll man da ansetzen? Dennoch vereinbaren sie eine weitere Stunde.

Dienstag, 23. November, 19.10 Uhr bis 20 Uhr.

»Sie kommen wieder mit der kleinen Verspätung«, sagt Andreas Hamburger. Nils und Carolin lachen verlegen. Soll das ein Vorwurf sein? Sie haben ja gesagt, dass es ihnen schwerfällt, sich diese Zeit zu nehmen. »Das ist nur eine Feststellung«, sagt der Therapeut. »Ich weiß überhaupt noch nicht, was das bedeutet.« Nils erklärt, dass die Rushhour nicht mehr um fünf Uhr stattfindet, sondern um halb sieben. Stimmt, nickt der Therapeut, interessant. Wie die Welt sich verändert hat.

Carolin sieht müde aus: »Als Mara geboren wurde, haben wir uns vorgenommen, öfter mal ein Wochenende zu Hause zu sein. Tja. Da ist nichts draus geworden.«
- »Ihr Leben wirkt tatsächlich hoch beschleunigt«, sagt der Therapeut. »Sie sprechen auch so schnell.«
- »Das liegt in unserer Natur. Sogar noch mehr in seiner, wenn ich das mal so sagen darf. Wir beide fühlen uns eigentlich komisch, wenn wir ein Wochenende zu Hause sind. Als hätten wir nichts Richtiges vor.«
- »Aber wir haben schon viel verändert, seit Mara da ist.«

- »Was haben Sie denn verändert?« Nils: »Ich arbeite nicht mehr so lang. Ich komme um sieben heim und bade Mara. Wir möchten heute etwas von unseren Kindern haben. Zugleich wird verlangt, dass man viel und gut arbeitet. Freunde soll und will man haben. Lieben soll man und will man auch. Das verlangt man dann alles selbst von sich. Aber: Wie passt das alles zusammen? Will man zu viel vom Leben? Das ist schon Stress.«

Carolin: »Heute Morgen hatte es zum ersten Mal gefroren, ich musste die Autoscheibe abkratzen, kam zu spät. Ich dachte, verdammt, dafür musst du dir auch noch ein Zeitfenster einbauen. Also um 6.20 Uhr aufstehen. Wenn ich das bisschen Sport machen will, das mir so wichtig ist, ein paar Minuten nur, heißt das 6.10 Uhr. Und wenn ich noch mit Nils im Bett bleiben möchte, für was auch immer, heißt das noch mal eine Viertelstunde früher. Das kann es doch nicht sein.« Nils: »Es gibt Leute, die sich langweilen. Vielleicht kann man von ihnen Zeit kaufen.« Der Therapeut sagt, dass es ein Buch darüber gibt: Momo. Carolin erinnert sich und nickt, aber als Däne kennt Nils das nicht.

Der Therapeut sagt, er fragt sich, wie es jedem Einzelnen von ihnen - dem Mann, der Frau, dem Kind - geht in so einem streng durchorganisierten Leben, ohne Großeltern in der Nähe, ohne alte Freunde. Moderne Heimatlose. Dadurch müsste der Spagat zwischen den Zeitkulturen, in denen sie sich durch die Arbeit, ihrer Liebe und ihrem Kind befinden, besonders schmerzhaft sein. »Wissen Sie was?«, fragt Carolin. »Ich habe gestern die Babysitterin bestellt. In der Zeit, in der sie mit Mara gespielt hat, habe ich das Haus geputzt. Das ist jetzt vielleicht nicht wirklich Quality Time, aber ich war danach sehr, sehr zufrieden.«

- »Wenn wir überraschend Zeit für uns haben«, sagt Nils, »sind wir so glücklich miteinander. Neulich waren Freunde am Wochenende zu Besuch und wollten etwas allein machen. Wir waren Kaffee trinken, es war toll.«
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Gabriela Herpell

hütete auch einmal die Tochter von Nils und Carolin, damit die beiden Zeit hatten, den Therapeuten kennenzulernen.

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