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aus Heft 18/2011 Religion

Der PR-Mann Gottes

David Baum  Fotos: Laurent Burst

Er mailt seiner Gemeinde, hat ein Facebook-Profil und trinkt Champagner zum Mittagessen. Trotzdem ist Monsignore Imkamp erzkonservativ. Bald könnte er Bischof von Berlin werden.

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Eine Schar junger Models drängt sich an der Eingangstür des »Grill Royal«. Das Berliner Restaurant ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Ein Modedesigner bestellt für seine Entourage Beef Tatar, am Fenster zur Spree dinieren der ehemalige Botschafter in Washington und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. »Heute ist wieder mal die Hölle los«, schreit ein Fotograf über seinen Tisch, ohne zu bemerken, dass neben ihm ein hochgewachsener Mann in einem eleganten römischen Priestergewand steht und sich lässig in die Ansammlung von weltlicher Elite und Eitelkeit einfügt.

Dabei gilt dieser Monsignore Wilhelm Imkamp nicht nur dem Heiligen Vater wohlvertraut, sondern sogar als Hardliner der katholischen Kirche. Tageszeitungen vermeldeten, er sei ein aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge des wegen Krankheit zurückgetretenen Kardinals und Berliner Erzbischofs Sterzinsky. Dass Imkamp sich im »Grill Royal« nicht fehl am Platz fühlt, entspricht seinem Selbstverständnis: »Der Katechismus muss in die Gesellschaft getragen werden«, sagt er, »und zwar mit klaren Worten.« Was er damit meint, hat er wenige Stunden zuvor auf einer Diskussionsveranstaltung vorgeführt. »Ohne Religion wäre die Welt besser dran«, lautete das Thema. Auf dem Podium saßen neben Imkamp als Verteidiger des Glaubens der Spiegel-Autor Matthias Matussek und der evangelische Altbischof Wolfgang Huber. Die Gegenposition vertraten etwa die Islamkritikerin Necla Kelek sowie Philipp Möller, Sprecher einer Atheisten-Stiftung. Moderator der Veranstaltung mit dem Titel Disput Berlin: der ehemalige Spiegel-Chef Stefan Aust.

»Wenn Sie Ihr Leben lang gläubig waren und dann nach dem Tod feststellen, dass es keinen Gott gibt, haben Sie nichts verloren«, sprach Imkamp zum erlesenen Publikum. »Wenn Sie aber ohne Glauben gelebt haben und feststellen müssen, dass es Gott doch gibt, sind Sie ganz schön im Eimer.« Da lachten und applaudierten auch die Religionsskeptiker. Dann ging Imkamp zur Attacke über, was er für seine Pflicht hält, »Priester sollen keine intellektuellen Kuscheltiere sein«. Der 30-jährige Atheist Philipp Möller hatte das Judentum als »primitive Hirtenkultur« bezeichnet und als »Aberglauben«. Imkamp entgegnete: »Gerade in Berlin kann man doch nicht von einem kindisch-jüdischen Aberglauben reden.« Im Glauben sei er überzeugter Semit. »Die Judenverfolger, das sind Sie!«, beschimpfte er Möller. Es folgten Buhrufe, ein kleiner Tumult, wie er in der Talkshow-erprobten Gesellschaft kaum mehr vorstellbar schien.
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Prälat Imkamp polemisiert und polarisiert, wohl auch deshalb bringt er es auf eine Medienpräsenz, die nur der Papst übertrifft oder der skandalumwitterte Walter Mixa. Mal sitzt Imkamp in Maischbergers Talkrunde, mal besucht ihn Henryk M. Broder samt Kamerateam für seine Deutschland-Safari im Ersten, gerade hat Arte angerufen und will ein eigenes Sendekonzept mit ihm diskutieren. Er verurteilt den ökumenischen Kirchentag als »Parteitag des Zeitgeistes«, lehnt die Zulassung der Frau zum Priestertum ab, weil alle Apostel Männer gewesen seien, er stellt selbst die Heilige Inquisition als Befreiungsbewegung dar, der Innovationen des Rechtssystems wie der Pflichtverteidiger zu verdanken seien. In einer Fernsehsendung meinte daraufhin ein Mitdiskutant, dann möge Rom doch wenigstens den auf dem Scheiterhaufen verbrannten Kirchenkritiker aus dem Dominikanerorden Giordano Bruno freisprechen. Imkamp argumentiert nicht etwa, dass dies im Jahr 2000 längst passiert war, sondern: »Ich sage es nur ungern, man soll ja die eigene Firma nicht beschmutzen, aber der Mann war ein Pädophiler.«

Einmal bezeichnete sich Imkamp selbst als »Lautsprecher Gottes«. Das bereut er heute, weil ihm das als Anmaßung ausgelegt wurde. Dabei trifft der Begriff die Kommunikationsfreudigkeit des Prälaten recht genau. Er unterhält ein eigenes Facebook-Profil und verbreitet seine Thesen und Predigten, wie etwa jene, in der er die »Bildzeitungs-Miezen« mit Maria Magdalena vergleicht, über Interviews und Aussendungen unter seinen Anhängern. Er findet die Pressearbeit der Kirche »manchmal fatal, weil sie nicht anecken möchte, sich einer Clerical Correctness unterwirft. Bei mir wissen die Leute, wenn sie aus der Predigt kommen, wenigstens wogegen sie sind. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich sogar Werbespots für den lieben Gott schalten«. Einwände, ob Public Relations das geeignete Mittel für einen Seelsorger sei, lässt er nicht gelten. »Seelsorge ist Public Relations! Schon Paulus war ein ausgesprochenes PR-Genie.« Dass ausgerechnet ein Erzkonservativer mit den Mitteln der modernen Medien am besten umzugehen weiß, lässt gerade die Modernisierer in der Kirche verzweifeln – und zu Imkamps schärfsten Feinden werden.

An hohen kirchlichen Feiertagen kommen Zehntausende Gläubige nach Maria Vesperbild. Obwohl der kleine Ort im Bistum Augsburg keinen Märtyrer, sondern lediglich eine Marienstatue zu bieten hat, ist er einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte Deutschlands. Die einzige Erscheinung, die es hier gibt, ist Prälat Imkamp selbst: Morgens hält er eine stille Messe, bei der lang gekniet wird und er die sakralen Formeln der Eucharistie in schönem römischen Latein vorträgt, das so leidenschaftlich klingt wie ein Liebeslied von Adriano Celentano.
Seelsorge ist Public Relations, sagt der Prälat, der auf Diskussionsveranstaltungen wie dem »Disput Berlin« gern seine Zuhörer provoziert.

Über viele Jahre hat er seinen Freizeitpark der Volksfrömmigkeit aufgebaut: die professionellen Außenmonitore mit eigenen Bänken, die eine Open-Air-Kommunion erlauben; den Eltern-Kind-Raum mit eigener Leinwand; den alten Brunnen, den er einmal im Jahr publikumswirksam mit Goldstaub versetzt; die Statue des Heiligen Josef, die er auf einer Müllhalde entdeckte. Und das »schönste öffentliche Klo Mittelschwabens, wegen dem sogar ein Autobahnraststättenbetreiber aus Chile angereist ist, um es zu besichtigen«, wie Imkamp stolz anmerkt. Sorgen machen dem Prälaten nur die Wallfahrer, die ihre Kerzen vor der Holzstatue des Sankt Josef entzünden und nicht in die vorgesehene feuersichere Vorrichtung stellen. »Das sind die allzu Frommen«, mokiert er sich. »Auch beim Glauben gilt: Zu viel ist genauso schlimm wie zu wenig.«

Als Imkamp 1988 den Wallfahrtsbetrieb übernahm hat, galt Maria Vesperbild als Hort der Ewiggestrigen, die sich dem Zweiten Vatikanischen Konzil verweigerten. Eigentlich war er hierhergekommen, um im Auftrag der Kirchenoberen das Treiben dieser reaktionären Kreise zu beenden. Jetzt hängen in den Schaukästen Plakate, die die Schriften der jungen Elisabeth von Thurn und Taxis bewerben, die darauf in luftigem T-Shirt posiert, aber der Frömmigkeit huldigt. »Dieses Reklamefoto für ihr Buch muss ich immer noch verteidigen, es gilt manchen als zu cool«, sagt »Monsignore Pop«.

In der sogenannten Grotte steht eine Kopie der Fatima-Madonna, die er als eigentlichen Grund für den Ansturm der vielen Pilger nennt: »Das Gesicht unserer Marienstatue, das ein Schnitzer aus der Umgebung angefertigt hat, ist so echt, so menschlich, dass sich die Leute in ihr erkennen«, flüstert er andächtig. Davor knien Menschen und beten »Gegrüßet seist Du, Maria«. Rings herum zeugen Votivtafeln von der Zuneigung, aber auch der Verzweiflung mancher Gläubigen. »Hilf mir, einen Ausbildungsplatz zu finden«, steht auf einer Tafel. Oder: »Maria hat geholfen, bei schwerer Krebserkrankung«. Demnächst wird die Grotte ausgebaut. Ein kleines Modell steht in Imkamps Arbeitszimmer, gleich neben dem Faltbild des Mini-Maria-Vesperbild, das im Legoland von Günzburg aufgebaut wurde, samt einer Lego-Version des Prälaten.
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David Baum

37, ist Autor und Journalist sowie Editor at Large der Zeitschrift GQ. Orte wie Maria Vesperbild sind für ihn Neuland, er hat noch nie an einer Pilgerreise teilgenommen. Aber seine Mutter ist bis heute davon überzeugt, dass er ohne ihre Wallfahrt zum Großglockner das Abitur nie geschafft hätte.

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