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aus Heft 41/2011 Liebe & Partnerschaft

Der Weg zum Glück

Holger Gertz  Fotos: Thomas Rabsch, Pascal Amos Rest/Agentur Focus

Die Weseler Straße in Duisburg ist eigentlich nichts Besonderes. Aber wenn es um den schönsten Tag ihres Lebens geht, kommen Mensch aus dem ganzen Ruhrpott hierher – auf diesen paar Metern gibt es so viele Brautmodengeschäfte wie nirgends sonst.

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Alis Kuru war der Dritte. Er ist eigentlich nicht daran gewöhnt, Dritter zu sein, nur Dritter, Alis Kuru ist ein selbstbewusster junger Mensch, zerstrubbelte Haare, Bartschatten. Er kommt ziemlich breitbeinig daher, im übertragenen Sinn und im direkten. Kuru setzt sich in einen flachen Stuhl mitten in seinem Laden, im Laden wird nicht geraucht, aber er ist einer dieser Typen, bei denen man sich die Zigarette automatisch dazudenkt.

Ceyda heißt sein Geschäft, Weseler Straße 38, bei Ceyda gibt es Braut- und Abendmode, seit 1998 sitzt er hier, Weseler Straße in Duisburg-Marxloh, er war der Dritte, der den Kunden Brautkleider und Anzüge verkaufte, zwei türkische Geschäftsleute hatten damit angefangen, sie hatten die Hochzeit als Geschäftsmodell sozusagen entdeckt. Inzwischen gibt es fünfzig Läden an der Weseler Straße, Brautmoden, Goldschmuck, Änderungsschneidereien, Friseure, Hochzeitsfotostudios. Alis Kuru war nur Dritter, aber auch der Dritte ist ein Pionier. »Du musst die Nase im Wind haben«, sagt er, »du musst die Welle erkennen, wenn sie sich aufbaut.«

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Hinter ihm hängen an Stangen Kleider, Samt und Tüll und Glitzer. Kuru schneidert nicht selbst, er hat Mitarbeiter, die das für ihn tun. Kuru ist Elektroingenieur, »eine Hose kürzen kann ich natürlich auch«. Aber in erster Linie ist er Kaufmann. Er steht gern in der Nähe der Tür, wie die Koberer auf St. Pauli, nur in romantischerem Auftrag. Wenn er draußen ein junges Paar sieht, das sich noch nicht entschlossen hat, ob es reinkommen soll, das vielleicht noch nicht mal weiß, wie belastbar die Idee von der Hochzeit ist, tritt er auf die Straße und bittet das Paar herein, mit der Geste eines dieser Zirkusdirektoren, die »Hereinspaziert!« gerufen haben zu einer Zeit, als mit einem Zirkus noch Geld zu verdienen war. Wenn sie drin sind, gehen sie so schnell nicht mehr raus, sagt Kuru. Wenn sie im Laden sind, verdichtet sich die vage Heiratsabsicht zu einem Plan. »Wenn du dein Mädchen erst mal in meinen Klamotten siehst, kannst du nicht anders: Dann willst du es heiraten.«

Die Weseler Straße, Postleitzahl 47169, ist die Hauptverkehrsader von Marxloh, Duisburger Norden, sie war mal so was wie der Kudamm des Ruhrpotts, Thyssen war der größte Stahlkocher Europas, es gab Jobs und Geld. Die Weseler Straße ist ziemlich breit, angelegt als Straße in einer Stadt, die wächst, aber Duisburg wuchs nicht, Duisburg wurde vom Strukturwandel geschüttelt, die Geschäfte an der Weseler Straße machten dicht, die Schaufenster wurden verrammelt. Die Weseler Straße war auch in ihrer großen Zeit kein Boulevard, tief in den Achtzigern war sie dann wie der trockengelegte Arm eines Flusses. 18 000 Menschen leben in Marxloh, Schulabbrecher, verkrachte Hauptschüler, Arbeitslose darunter. Was sollen die kaufen? Die Zeitungen berichteten von Kreuzberg als sozialem Brennpunkt, vielleicht meinten sie in Wahrheit Marxloh, aber es ist Teil des Schicksals von Duisburg, von Marxloh und der Weseler Straße, dass die Leute von draußen eher nicht hierherschauen. Wenn sie schauten, sahen die Schimanski im Fernsehen, den Duisburger Kommissar, aber nicht mal der kam bis nach Marxloh. Schimanski war unverheiratet.

»Wir sind im Stillen untergegangen. Und im Stillen auferstanden«, sagt Alis Kuru, geboren in der Türkei, aufgewachsen in Gelsenkirchen, inzwischen Duisburger Bürger, der »wir« sagt, wenn er die Türken meint oder die Marxloher. Es kommt aufs Selbe raus. Der Ausländeranteil in diesem Stadtteil liegt bei über 30 Prozent. Kuru war dabei, als die Idee aufkam in der deutschtürkischen Community: Brautmoden verkaufen. Geheiratet wird immer, das wussten die Türken, die Räume an der Weseler Straße waren billig zu mieten, Startkapital war vorhanden. Wer seine Arbeit bei Thyssen verloren hatte, ging zurück in die Türkei, oder er investierte in diese Idee. Wenn es am Anfang schwierig werden würde, wenn es Zeiten der Dürre gäbe, wären die Türken diejenigen, die diese Dürre aushalten könnten, das war allen klar, sagt Kuru. »Du musst kein Personal einstellen, wir sind ja Familienbetriebe, da kann der Vatter einsteigen, die Cousine, die Mutter. Du kannst reagieren. Wenns am Wochenende brummt, holst du eine deiner vielen Schwestern, die verkaufen dann mit. Bei uns« – er lächelt leise – »kann ja jeder alles verkaufen.«
Holger Gertz

, 42, begegnete bei seiner Recherche mehrmals Menschen in blau-weiß gestreiften Fußballtrikots, Anhängern des MSV Duisburg, einmal sogar auf der Hochzeitsstraße. Wo dann Freud und Leid wieder nah beieinander lagen, denn der MSV-Fan trägt schwer an den zahlreichen Niederlagen seines Klubs. In einem vernünftigen Anzug würde er dabei sogar würdevoll aussehen.

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