Anzeige

aus Heft 26/2012 Fernsehen 1 Kommentar

Sprechstunde: Sonntagabend

In der Lindenstraße spielt Ludwig Haas seit 27 Jahren den Doktor Dressler. War ja klar, dass ihn die Leute ständig um Rat fragen. Die Frage ist nur: Kann er auch helfen?

Von Alexandros Stefanidis  Foto: Peter Hönnemann; Illustration: La Tigra





SZ-Magazin: Herr Haas, dürfen wir »Doktor« zu Ihnen sagen?

Ludwig Haas: Bitte nicht. Aber ich verstehe Ihre Frage gut: Gerade in den ersten Jahren der Lindenstraße begrüßten mich viele Menschen auf der Straße mit »Hallo, Dr. Dressler!«

Wurden Sie schon oft von wildfremden Menschen um ärztlichen Rat gebeten?
Ja, natürlich. Beim Spazierengehen in einem Kölner Park kam einmal eine ältere Frau zu mir und sagte: »Ach, Herr Doktor, gut, dass ich Sie treffe, ich habe eine Frage: Mein Mann soll Stents eingesetzt bekommen. Ist das gefährlich?«

Was sind denn Stents?
Das sind Implantate aus Metall oder Kunstfasern, die kleinen Maschendrahtgeflechten in Röhrchenform ähneln. Sie werden von der Leiste aus in die Herzkranzgefäße geschoben, um sie offen zu halten.

Also eine Art Bypass?
Nein, ein Bypass ist etwas anderes. Beim Bypass wird man aufgeschnitten. Da wird eine Arterie oder Vene aus dem Bein entnommen, um die Verengung an einer bestimmten Stelle im Herzkranzgefäß zu überbrücken. Deshalb heißt es ja auch »By-pass«.

Jetzt sind wir schon mittendrin im medizinischen Fachgespräch, Herr Doktor.
Ich kenne mich ganz gut aus. Früher hatte Dr. Dressler während der Dreharbeiten auch einen richtigen Arzt an seiner Seite, der ihm beigebracht hat, wie man zum Beispiel eine Spritze setzt oder wie man sich fachmännisch ein Röntgenbild ansieht.

Wie gut ist denn Ihre Erste-Hilfe-Kenntnis?
Ich traue mir zu, einem Unfallopfer ordentlich zu helfen.

Können Sie Blut sehen?
Kein Problem.

Und wie ging das dann weiter mit der älteren Frau im Kölner Stadtpark?
Ich sagte ihr: Liebe Frau, so ein Eingriff ist heute überhaupt kein Problem mehr, da ist Ihr Mann schon in wenigen Tagen wieder aus dem Krankenhaus raus. Ist nur ein kleiner Schnitt, nicht einmal einen Zentimeter groß. Danach wird Ihr Mann sich wieder viel besser fühlen, er bekommt wieder gut Luft und kann Ihnen mit schweren Einkaufstüten helfen.

Und die Frau hat Ihnen das abgenommen?
Ja, klar! Ich konnte ihr die Angst nehmen. Zum Schluss sagte sie: »Vielen Dank, Herr Doktor.«

2005 hat man Ihnen wegen einer Verengung der Herzkranzgefäße drei Bypässe gelegt. Wenn man als bundesweit populärer Fernseharzt zu einem richtigen Arzt in die Praxis geht, spricht der einen dann mit »Herr Kollege« an?
Nein, viele kennen Dr. Dressler gar nicht.

Es gibt Ärzte in Deutschland, die Dr. Dressler nicht kennen?
Sicher. Da muss erst die Krankenschwester kommen und zu ihrem Arzt sagen: Wissen Sie denn nicht, wer das ist?

Herr Haas, das Beispiel aus dem Kölner Stadtpark zeigt: Für viele sind Sie Dr. Ludwig Dressler, der Arzt, dem zumindest die älteren Frauen vertrauen. Hatten Sie in den vergangenen 27 Jahren manchmal das Gefühl, dass Sie für die Zuschauer als Privatperson hinter der prägenden Rolle Ihres Lebens verschwinden?
In dem Augenblick, wo ich die Tür des Studios hinter mir schließe, will ich eigentlich mit der Rolle Dr. Dressler nichts mehr zu tun haben. Wenn ein Schauspieler seine Rolle bis ins eigene Wohnzimmer fortführt, finde ich das unprofessionell.

Aber die Wechselwirkung zwischen Filmrolle und Privatperson können Sie nicht von der Hand weisen. Als Sie 1989 in der Serie von einem Auto angefahren wurden und danach im Rollstuhl saßen, waren Zuschauer, die Sie im wahren Leben trafen, immer wieder überrascht, dass Sie gehen können.
Das ist heute noch so. Ich höre sie rufen: »Hach, Sie können ja laufen!« oder: »Toll, dass Sie wieder gehen können, Herr Doktor!« Viele Zuschauer sind geradezu fassungslos, wenn sie mich laufen sehen.

Nervt das mit den Jahren?
Nein, ich nehme das niemandem übel, denn mir selbst ging es auch schon so: Ich dachte immer, der amerikanische Schauspieler Raymond Burr, der in den Sechzigerjahren den Anwalt Perry Mason und bis Mitte der Siebzigerjahre den im Rollstuhl sitzenden Chief Ironside in Der Chef spielte, sitzt wirklich im Rollstuhl. Als ich ihn dann später in einer anderen Rolle sah, war ich fast schon enttäuscht, dass er gehen kann.

Was viele nicht wissen: Sie sind ein begnadeter Stepptänzer. Haben Sie Zuschauern in solchen Situationen manchmal was vorgesteppt?

Früher ja. Aber mittlerweile bin ich nicht mehr der Jüngste. Da würde ein Stepptanz eher ulkig aussehen.

Mit Ihrer Rolle als Rollstuhlfahrer hatten Sie ja anfangs auch Gewöhnungsschwierigkeiten, weil man Ihnen versprochen hatte, Sie würden nur für ein, zwei Jahre im Rollstuhl sitzen.
Das ist jetzt 23 Jahre her.

Hat man vergessen, Sie wieder aus dem Rollstuhl rauszuschreiben?
Ich bin wirklich vergessen worden. Hans Geißendörfer, der Erfinder und Kopf der Lindenstraße, hat das auch einmal zugegeben. Das Interessante ist aber etwas anderes: Niemand weiß, woran Dr. Dressler eigentlich leidet. Nicht einmal ich.

Es hat nie eine Diagnose gegeben?
Nein. Das hat man immer offen gelassen – damals in der Voraussicht, dass er irgendwann mal wieder gehen kann.

Hoffen Sie darauf, dass man Sie wieder laufen lässt?
Dieser Zug ist abgefahren. Ich bin jetzt fest mit dem Rollstuhl verwachsen. Aber wer weiß: Ich hätte 1985 auch nie daran gedacht, dass die Lindenstraße 27 Jahre in der ARD läuft.
Anzeige


Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Jan Grygoriew (1) Interessant, dass der Interviewer "Vater eines Homosexuellen" in die Liste von "Schicksalsschlägen" wie Alkoholiker, Witwer und Bösewicht einreiht. Oh Mann ?