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aus Heft 40/2012 Musik

Melodie des Grauens

Max Fellmann  Fotos: Getty, dpa

Wer ein Lied im Kopf hat und es nicht mehr loswird, fühlt sich dem Wahnsinn nahe. Aber was passiert da in unserem Hirn? Und was genau ist das überhaupt: ein Ohrwurm?


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INTRO


Neulich war wieder so ein Tag. Irgendwann morgens, noch vor dem ersten Kaffee, tauchte auf einmal dieses Lied in meinem Kopf auf. Und blieb. Den ganzen Tag. Live Is Life. Zähneputzen – nanaaa nanana. U-Bahn fahren – nanaaa nanana. Eine Besprechung mit Kollegen, ich konnte mich kaum konzentrieren, weil: nanaaa nanana. Anderen Menschen macht der Euro Sorgen oder das müde Getrete der deutschen Nationalmannschaft – ich war beschäftigt mit diesem doofen Lied. Aber wie kam es in meinen Kopf? Ich bin ganz sicher, ich habe es seit Jahren nirgends gehört, weder im Radio noch im Fernsehen, und auf CD schon gar nicht. Auf einmal war es da. Nanaaa nanana.

Wenigstens bin ich nicht allein. Ein Nachbar erzählte mir vor Kurzem, dass er tagelang Believe von Cher im Ohr hatte. Der Komponist Robert Schumann litt unter Ohrwürmern. Der Popsänger Neil Diamond auch. Eine Kollegin in der Redaktion wird immer wieder von dem Bon-Jovi-Kracher Living On A Prayer heimgesucht. Der Chefredakteur klagte vor einiger Zeit, sein Sohn habe ihn mit I Like To Move It, Move It infiziert. Praktisch jeder kennt das Gefühl, von einem Ohrwurm wie Last Christmas an den Rand des Wahnsinns getrieben zu werden.


OHRWÜRMER IN ALLER WELT

Im Englischen spricht man gelegentlich auch vom »earworm«, gängiger ist aber der Begriff »sticky song«, klebriges Lied. Auch die Franzosen kennen den »ver d’oreille«, den wörtlich übersetzten Ohrwurm.

Im Spanischen existiert der Ausdruck »canción pegadiza«, das heißt so viel wie: ansteckendes Lied.


Hat ein Schwede einen Ohrwurm, kann er sagen: »Jag har en låt på huvudet«. Wörtlich übersetzt: »Ich habe ein Lied auf dem Kopf.«


Der Italiener verwendet für den Ohrwurm das Wort »tormentone«, das in anderem Kontext auch »Werbeslogan« oder »Quäler« heißen kann.


Im Russischen sagt man: » ПЕСHЯ ПPИЧЕПИЛАСЪ« – Das Lied klebt.


Neurologen benennen das Phänomen eher ernsthaft: »Involuntary musical imagery« – also Musikbilder, die ungewollt entstehen.



DIE WISSENSCHAFT: EHER RATLOS

Wie kommt der Ohrwurm in den Kopf? Warum geht er nicht mehr weg? Wikipedia sagt, der Ohrwurm sei »ein eingängiges und merkfähiges Musikstück, das dem Hörer für einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt«. Da fehlt: »und das einen in den Wahnsinn treibt«. Eigentlich müsste der Ohrwurm im Pschyrembel stehen, dem medizinischen Fachwörterbuch. Aber es ist ja nicht mal richtig klar, welche Fachrichtung zuständig ist. Manche Menschen gehen zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, weil sie eine Melodie nicht mehr loswerden. Die Psychologen fühlen sich irgendwie zuständig – Sigmund Freud fand, dass der Ohrwurm eine unbewusste Artikulation von Wünschen sein muss, aber recht viel weiter kam er nicht. Andere setzen auf die Musikwissenschaftler: Die könnten vielleicht erklären, welche Melodien sich besonders gut im Kopf verhaken. Es finden Symposien statt, bei denen Forscher aus allen Fächern diskutieren, wie der Ohrwurm in unseren Kopf kommt. Die meisten enden mit kollektivem Schulterzucken.


DER MUSIKMEDIZINER

Eckart Altenmüller ist einer der wenigen Ohrwurm-Experten in Deutschland. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Musikhochschule Hannover hat viele Hundert Menschen befragt, die unter Ohrwürmern leiden. Also bitte:

SZ-Magazin: Herr Altenmüller, wer leidet besonders unter Ohrwürmern?
Eckart Altenmüller: So viel wissen wir – sie treten besonders bei Leuten auf, die starke Emotionen beim Musikhören empfinden oder auch selber viel Musik machen. Diese Menschen haben ein geschultes auditives Gedächtnis.

Ist es denn nur eine Frage der Erinnerung? Es kommt einem doch vor, als würde das Lied regelrecht im Kopf ablaufen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind Ohrwürmer am ehesten mit den wackligen Beinen nach einer Schiffsreise vergleichbar: Auf dem Festland meint man immer noch das Schwanken der Planken zu spüren.

Was passiert da in unserem Kopf?
Eine Studie hat ergeben: Der Teil des Gehirns, der beim Hören von Musik aktiv ist, ist es auch dann, wenn wir uns die Musik nur vorstellen. Forscher zeichneten die Gehirntätigkeit von Testpersonen auf, ließen Musik laufen und unterbrachen das Stück für ein paar Sekunden: Wenn die Testpersonen das Lied einigermaßen gut kannten, machte ihr Gehirn einfach weiter, als laufe die Musik immer noch.

Ich hatte vor ein paar Tagen stundenlang das Lied der Schlümpfe im Kopf. Warum bloß?
Sie Armer. Für so etwas genügen schon ganz nebensächliche Assoziationen. Es könnte zum Beispiel sein, das Sie etwas Schlumpfblaues gesehen haben. Oder dass in der Zeitung irgendwas über Oberhausen stand und Sie von da auf Schlumpfhausen gekommen sind.


LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 1

You’re my heart, you’re my soul
I’ll keep it shining everywhere I go
You’re my heart, you’re my soul
I’ll be holding you forever
Stay with you together

Modern Talking: »You’re My Heart, You’re My Soul«


WARUM EIGENTLICH AUSGERECHNET MUSIK?

»Musik ist sehr viel komplexer als die meisten anderen Reize. Vielschichtiger. Wir haben … Melodie, Rhythmus, Text, verschiedene Instrumente, verschiedene Klänge, Dynamik von sehr laut bis ganz leise. Das bedeutet, es gibt für ein Lied sehr viele verschiedene Haken, mit denen es sich im Gehirn verankern kann.«
Andréane McNally-Gagnon, Neurologin und Ohrwurm-Spezialistin, Kanada


UND WARUM SIND WIR SO HILFLOS?

Der New Yorker Psychiater Oliver Sacks schreibt in seinem Buch Der einarmige Pianist darüber, wie unser Gehirn Musik wahrnimmt. Es geht da auch um den Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Bildern und von Musik: »Eine visuelle Szene kann auf hunderterlei Art konstruiert oder rekonstruiert werden, doch der Abruf eines Musikstücks aus dem Gedächtnis muss sich eng an das Original halten.« Sacks spricht von der »widerstandslosen Aufzeichnung der Musik im Gehirn«. Wenn wir uns der Musik aussetzen wollen, dann gibt es nichts Großartigeres, als wenn sie komplett die Regie übernimmt. Auf Konzerten, im Club, beim Festival. Aber wenn wir gerade keine Musik brauchen können, schon gar nicht Musik, die nicht mal vorhanden ist, sondern nur in unserem Kopf rumspukt – dann ist der Spaß vorbei.

Und die Technik macht alles immer schlimmer. Zwar gehen Experten davon aus, dass es Ohrwürmer schon immer gegeben hat, vielleicht hatten unsere Vorfahren das Steineklopfen des Höhlenbewohners nebenan im Ohr. Tatsache ist aber: Wer früher Musik hören wollte, musste dafür andere Menschen treffen. Erst seit Musik aufgezeichnet und unabhängig vom Musiker wiedergegeben werden kann, ist sie überall. Im Radio, im Fernsehen, auf dem iPod, im Handy. Oliver Sacks glaubt, genau das führe zur »Allgegenwart ärgerlich eingängiger Melodien, jener Hirnwürmer, die ungebeten kommen und uns erst wieder verlassen, wenn es ihnen passt«.

Die Lieder, die hängen bleiben, müssen also nicht gut sein oder auch nur unseren Geschmack treffen. In der Zeit berichtete mal eine Autorin, dass sie für eine Forschungsarbeit wochenlang Neonazi-Musik hören musste. »Schließlich ertappte ich mich dabei, unter der Dusche Opa war Sturmführer bei der SS zu summen.« Nicht zu beneiden.

        
LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 2

Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow dream away
In the wind of change

Scorpions: »Wind Of Change«


DAS IDEALE OHRWURMLIED?

Plattenproduzenten wären froh, wenn sie das genau vorhersagen könnten. Musikwissenschaftler haben schon mal eine Reihe von Merkmalen gefunden:

a) Einfachheit. Kinderlieder werden eher zum Ohrwurm als Schostakowitsch-Sinfonien. Aber: Komplexe Musikstücke bergen die Gefahr, dass einzelne, ganz kurze Teile sich im Kopf festsetzen. Weil wir nicht einfach das ganze Stück vor uns hin singen können, sondern immer an der gleichen prägnanten Stelle hängen bleiben.

b) Wiederholung. Je häufiger im Lied eine einfache Phrase wiederholt wird, umso besser sind die Chancen, dass die sich im Kopf verhakt. Im Englischen wird die einfache, prägende Melodie eines Hits als »Hookline« bezeichnet – sie bleibt wie ein Haken in unserem Kopf hängen. Typisches Beispiel: Seven Nation Army von den White Stripes.

c) Überraschung. Manchmal kann gerade das Gegenteil von a) und b) zum Ohrwurm führen. Eine Studie hat gezeigt, dass immer wieder auch Stücke hängen bleiben, in denen besonders ungewöhnliche Tonsprünge vorkommen oder rhythmische Stolperer. Versuchen Sie mal, America aus der West Side Story nachzusingen. Sie werden es sehr wahrscheinlich nicht sauber hinkriegen – aber es wird danach noch stundenlang in Ihrem Kopf rumgeistern.

Auf a) und b) setzt die Popwelt fast ausschließlich. Popmusik wird heute oft völlig anders produziert als früher. Die Idee, dass es eine hübsche Strophe geben könnte, dann einen Übergang, danach den starken Refrain – völlig veraltet. Bei Hits von Rihanna oder Pink hat jeder einzelne Takt den sogenannten Ringtone-Charakter, das Element ist so prägnant, dass es auch als Handyklingelton funktionieren würde. Dafür gibt es sogar eigene Spezialisten, Menschen, die keine Lieder schreiben, sondern erst ins Studio geholt werden, sobald die Begleitmusik fertig ist – die denken sich dann kurze Phrasen aus, Einzeiler und Schlachtrufe, die sich im Radio sofort durchsetzen und jedem Hörer ewig im Ohr bleiben.

Was auch gern gemacht wird: Songs überhaupt auf eine einzige Hookline reduzieren. Zum Beispiel Hits wie Eric Prydz’ Call On Me oder Armand Van Heldens Barbra Streisand: Die Produzenten nehmen einzelne Takte aus älteren Stücken und lassen sie endlos in Schleife laufen. Strophen, Zwischenteile, Soli? Kann man alles wegschmeißen. Wichtig ist nur der eine kurze Schnipsel, der schon für das Original charakteristisch war. Als würde man von Beethovens Fünfter immer nur Dadadadaaa im Kreis spielen.


LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 3

We are the champions – my friends
And we’ll keep on fighting – till the end
We are the champions
We are the champions
No time for losers
Cause we are the champions – of the world

Queen: »We Are The Champions«

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Max Fellmann hat in diesem Text genug über seine eigenen Ohrwürmer geschrieben. Er möchte deshalb an dieser Stelle einem verehrten Kollegen das Wort überlassen. Als er den SZ-Kritiker Joachim Kaiser fragte, welches Stück ihn besonders beharrlich in seinem Leben verfolgt habe, verwies der auf das wenig bekannte Schubert-Lied »Wie Ulfru fischt«: »Die trotzige Melodie ist ein Ohrwurm, vehement und düster, mit der Tendenz zum Abgrund.«

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    Von Max Fellmann