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aus Heft 44/2012 Außenpolitik Noch keine Kommentare

»Ein größenwahnsinniges Irrenhaus«

Wer in New York die Präsidentschaftswahlen gewinnt, darüber mussten sie nicht diskutieren. Trotzdem hatten die zehn leidenschaftlichen New Yorker, die wir zum Gespräch über ihre Stadt eingeladen haben, genug zu besprechen: die Mietpreise, Verhaftungen wegen Biertrinkens auf der Straße, Rassismus und die Zähmung ihrer Stadt. Am Ende traten dann noch alle 4800 Dollar mit Füßen. New York? New York!

Von Malte Herwig, Till Krause, Lars Reichardt (Interview)  Foto: Tim Barber; Porträts: Roderick Aichinger



Mitte Oktober in New York: Das »Standard Hotel« im Meatpacking District ist ein viel besuchter Betonklotz am Ufer des Hudson River, mit Fenstern, die ein bisschen matt aussehen. Drinnen ist alles hell und großzügig, auf dem Boden glänzen runde Fliesen aus Bronze, wir werden von überfreundlichen Bedienungen empfangen: Wir haben einen Tisch im Nebenraum des Restaurants reserviert, er wird »The Wine Room« genannt, weil hier in vergitterten Schränken die teuren Weine lagern. Wir haben zehn New Yorker eingeladen, um über die anstehende Präsidentenwahl, die Stadt und das Leben zu reden. Richard Sennett, Soziologe, Philosoph und Professor an der New York University, erscheint als Erster pünktlich um zwölf. Er sieht aus, wie man sich einen New Yorker Intellektuellen vorstellt: runde Nickelbrille, weißer Haarkranz, dunkles Sakko.

Richard Sennett: Oh, ich dachte, wir wären heute mehrere Leute? Warum treffen wir uns ausgerechnet hier? Vor 50 Jahren habe ich ganz in der Nähe gewohnt, da stand dieses merkwürdige Touristenhotel noch nicht hier.

SZ-Magazin: Wir dachten, das Hotel gilt als hip. Und wir brauchten einen ruhigen Nebenraum, um unsere Gäste fragen zu können, ob New York immer noch so ist, wie wir es uns in Deutschland vorstellen: teuer, traumatisiert, aber die führende Weltstadt, deren Bewohner geschlossen hinter Präsident Barack Obama stehen.
Sennett: Dafür hätten wir uns auch bei mir im Büro an der Uni treffen können. Bis in die Neunzigerjahre waren hier im Meatpacking District tatsächlich lauter Schlachthöfe, nachts gingen hier die Transvestiten auf den Strich. Aber es gab auch günstige Wohnungen für Künstler und Studenten. Heute ist es ein teurer, langweiliger Touristenort. Diese Geschichte wiederholt sich ständig. Der Tourismus ist die bedeutendste Industrie für New York. Gleich hinter der Finanzindustrie.

Noch bevor Richard Sennett sich Wasser zu trinken bestellt, hat Aaron Brown den Raum betreten. Der Hedgefonds-Manager mit grauem Vollbart trägt ein leuchtend rotes Hemd zur lilafarbenen Lederjacke.

Aaron Brown: Inzwischen dürfte der Tourismus noch bedeutender sein als der Finanzsektor. Seit der Finanzkrise 2007 haben ja viele Banker ihre Jobs verloren.
Sennett: Wo haben Sie denn Ihr Büro?
Brown: Im Norden, in Greenwich.
Sennett: Oh, dieser Kerl ist ja gar kein echter New Yorker! Er arbeitet in Connecticut.
Brown: Fast die ganze Finanzbranche ist von der Wall Street und der Madison Avenue nach Greenwich gezogen.
Sennett:
Warum denn?
Brown: Größere Firmen brauchen viele gering qualifizierte Mitarbeiter, die können sich keine Wohnungen in der Nähe Manhattans mehr leisten. Nur kleine Firmen mit hoch qualifizierten Leuten sind noch dageblieben. Außerdem muss man in Connecticut weniger Steuern zahlen. Wer Geld hat, wohnt in Manhattan und fährt nach Greenwich.
Sennett: Diese Schweinehunde sind fein raus. Dabei mag ich Manhattan gar nicht besonders: Es ist zu einer riesigen Shoppingmall verkommen, das Leben und Wohnen findet heute woanders statt. In Queens und Brooklyn. Ich bin nicht glücklich darüber. Manhattan besitzt nur noch teilweise eine lebendige Kultur.
Brown: Ich muss Manhattan in Schutz nehmen. Ich wohne in der Gegend von der Juilliard School, man läuft dort ständig irgendwelchen Musikern über den Weg. Andere Universitäten in Manhattan sind auch toll. Studenten aus aller Welt prägen das Gesicht vieler Straßenzüge.


12.10

Die Filmemacherin Kelly Anderson betritt den »Wine Room«. Sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »My Brooklyn«.

Sennett: Wo leben Sie denn?
Kelly Anderson: Sieht man doch: Sunset Park, Brooklyn. Gefällt mir großartig. Manhattan ist für Filmemacher viel zu teuer. Über Mid-Brooklyn habe ich gerade einen Dokumentarfilm gedreht. Darüber, wie auch dort alle Leute mit wenig Geld wegziehen müssen, weil die Stadt ein riesiges Einkaufszentrum bauen ließ. Der Bürgermeister hat dort aus einem Wohnviertel kurzerhand ein Geschäftsviertel gemacht. Er hat sich dem Willen großer Baufirmen gebeugt.
Sennett: In meiner Gegenwart dürfen Sie ruhig das Wort Kapitalist gebrauchen.
Brown: Ach, bei den Baufirmen handelt es sich leider in den seltensten Fällen um echte Kapitalisten, das Geschäft ist viel zu korrupt, mit fairem Wettbewerb hat das nichts zu tun. Aber wenn etwas schiefläuft, sind natürlich die Kapitalisten schuld. Dabei sind es Stadtverwaltung und Baufirmen, die das Blaue vom Himmel versprechen, aber alles vergessen, sobald die Bagger kommen. An der 72. Straße sollte der U-Bahnsteig erweitert werden, damit sich die Bewohner der vielen neuen Apartments nicht gegenseitig auf die Gleise drängeln. Nichts passierte. Nur ein neues Warnschild wurde aufgehängt. Bis heute ist es der gefährlichste U-Bahnhof in New York.
Anderson: Die Immobilienbranche hat eine mächtige Lobby in der Stadtverwaltung.
Sennett: New York war bankrott in den Siebzigerjahren, das schuf ein Klima, in dem jede Investition willkommen war. So sind viele verpfuschte Gebäude entstanden. Höhe war plötzlich das Einzige, was zählte.
Brown: Die Renovierung des Grand Central Terminal finde ich recht gelungen. Aber Sie haben schon recht: Nach 1920 entstanden kaum noch schöne Häuser in Manhattan.
Anderson: Ein paar Dinge haben sie gut hinbekommen: Die Piers hat man schön renoviert, der Zugang zum Wasser wurde an vielen Stellen verbessert. Und auch die Fußgängerzone am Times Square war eine gute Idee, für New York auch sehr neu. Trotzdem ziehen immer mehr Menschen weg aus Manhattan.
Sennett: Früher hatten junge Künstler gar keine Wahl, sie mussten einfach hierherkommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Manhattan viel mehr kleinere Galerien als heute, auch mehr Konzertsäle. Berufsmusiker arbeiteten in Kirchen, während der weiße alte Geldadel Oper und Philharmonie kontrollierte. Das hat sich alles geändert. Die Kirchen sind als Kulturveranstaltungsort weggefallen, junge Tänzer und Musiker tun sich schwer, noch bezahlbare Übungsräume zu finden.
Anderson: Ich höre immer noch von jungen Leuten, die nach New York kommen und nach Inspiration suchen. Müsste das nicht von der Stadt unterstützt werden? Brown: Die Stadt unterstützt nur die Disneyfizierung, Touristen sollen die großen Broadway-Theater und Konzertbühnen besuchen.
Sennett: Mein Sohn ist Bildhauer, er lebt in London und sagt: Dort werden auch unbekannte Künstler gekauft, in New York nur die großen Namen. Die entscheidende Frage ist doch, ob sich eine Stadt mit einer lebhaften Kulturszene vom Tourismus abhängig machen darf? Ich glaube: nein. Wenn eine Stadt nur noch aus Ladenketten besteht, gehen alle Jobs flöten, wenn die Touristen nicht mehr kommen.
Brown: Solche Läden bringen doch auch Jobs, gerade für ältere Arbeiter mit geringer Qualifikation, die sich sonst schwertun.
Sennett: Zuerst habe ich Sie für einen linken Banker gehalten, jetzt stellt sich heraus: Sie sind einfach nur romantisch.


12.30

Geht ja gut los. Die ersten drei Gäste scheinen sich gut zu verstehen und reden munter drauflos.


Anderson: Worauf wollt ihr eigentlich hinaus mit diesem Interview?
Sennett: Würde ich auch gern wissen. Ich muss leider bald gehen, ich habe heute Nachmittag noch eine Vorlesung zu halten.

SZ-Magazin: Zunächst mal würden wir gern wissen: Sind wir Touristen schuld, dass New York so teuer ist?
Sennett: Auch. Hier ist einiges schiefgelaufen in den letzten Jahren. Chicago zum Beispiel hat die Finanzkrise viel besser weggesteckt als New York, weil es dort nicht so eine Monokultur gibt, die nur aus Bankern und Tourismus besteht. In New York ist die Zahl der Banker in den letzten fünf Jahren um neun Prozent gefallen.
Brown: Ach, es gab eh zu viele von uns. Was mich wundert: Eigentlich hätten die Mieten sinken müssen, als die Banker ihre Jobs verloren. Aber Manhattan wird einfach nicht billiger. Die reichen Leute behalten ihre Wohnungen, auch wenn sie woanders arbeiten. Und es gibt immer noch genügend reiche Ausländer, die sich am Central Park was kaufen wollen.
Sennett: Als junger Künstler würde ich heute nach Berlin ziehen. Oder Athen. 8000 amerikanische Künstler leben schon in Berlin. Und solche Leute bräuchte man eigentlich hier: Künstler oder Internet-Typen mit guten Ideen. Aber wenn man die in einen Büroturm steckt, wird es ihnen nicht gut gehen. Sie brauchen kleine, günstige Räume, eine lebendige Stadt. So, ich muss jetzt los.

SZ-Magazin: Noch eine wichtige Frage: Wer wird die Präsidentschaftswahlen gewinnen?
Sennett: Falls Obama kein weiteres Eigentor schießt, wird er hoffentlich durchkommen. Dabei ist er eigentlich immer dann besonders gut, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Aber manches Mal wird man an der Wand eben erschossen.
Brown: Den Zahlen nach kann er es schwerlich noch verlieren. Er führt in den sogenannten Swing States.
Sennett: Oh, du hast meinen Tag gerettet. Kelly, hättest du nicht Lust, mal meine Klasse zu unterrichten? Darf ich deine Karte haben? Auch deine, Aaron? Sehen Sie: So sind wir New Yorker: Wir networken ständig. Auf Wiedersehen.

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