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aus Heft 44/2012 Musik 2 Kommentare

Der Unfassbare

Daniel Barenboim ist Künstler und Machtmensch, Israeli und Palästinenser, Dirigent und Pianist. Für seine drei Orchester ist er ständig auf Reisen, aber nie im Stress. Vor seinem 70. Geburtstag haben wir ihn ein halbes Jahr quer durch Europa begleitet. Porträt eines in sich ruhenden Rastlosen.

Von Tobias Haberl  Fotos: Jonas Unger



Der Adel dreht an seinen Siegelringen, Damen fächeln sich Frischluft ins Gesicht, irgendwo spielt Musik – bei den Salzburger Festspielen ist alles wie immer, nur dieser Junge fällt aus der Reihe: Er trägt eine kurze weiße Hose und Klaviernoten unterm Arm. Neben ihm stehen die Eltern, zwei Musiklehrer aus Buenos Aires, die viel Geld bezahlt haben, damit ihr Sohn dem größten Dirigenten seiner Zeit vorspielen kann. Die nächste Stunde, das ahnt er, könnte den Rest seines Lebens bestimmen, könnte es besonders und einzigartig machen. Dass er heute diesem Genie der klassischen Musik zeigen darf, was er kann, ist beides: Belohnung und Bürde. Trotzdem ist er nicht angespannt, eher heiter, als würde er sich darauf freuen.

Als der Maestro nickt, legt der Bub die Hände auf die Tasten, atmet ein, atmet aus, beginnt. Er spielt Mozart, Bach, Beethoven, zum Schluss die zweite Klaviersonate von Prokofjew. Ein vertracktes Stück. Der Dirigent ist beeindruckt, zeigt es aber nicht. Am Ende wechselt er ein paar Sätze mit den Eltern, auf Englisch, der Junge versteht kein Wort. Ein paar Tage später reisen die drei ab, im Gepäck ein Empfehlungsschreiben, das mit dem Satz  beginnt: »Der elfjährige Barenboim ist ein Phänomen.« Vier Monate später stirbt Wilhelm Furtwängler. Der Junge aber macht sich auf in ein Leben, das ihn zum Star und Jahrhundertmusiker machen, aber neben allem Triumph auch Verlust und Schmerz bereithalten wird.


WIEN, 23. MAi 2012, 10 UHR MORGENS

Daniel Barenboim lehnt an der Außenmauer des Wiener Musikvereins. Er sieht aus wie einer der Männer, die in Südfrankreich Boule spielen, leichtes Leinensakko, unrasiert, erste Altersflecken, und hat eindeutig zu wenig Schlaf abbekommen. »Ein Film«, sagt er, »nach Mitternacht, mit Romy Schneider und Michel Piccoli«, der Titel fällt ihm nicht ein. Er wohnt, wie immer, wenn er in Wien ist, im »Imperial«. Wagner hat hier gewohnt, Rilke gefrühstückt, ein geeigneter Ort für einen wie ihn. Und ein praktischer, am Morgen muss er nur aus der Hintertür stolpern; der Musikverein, eines der traditionsreichsten Konzerthäuser der Welt, liegt direkt gegenüber. Gerade treffen die ersten Musiker ein, zu Fuß, mit dem Rad, das Cello auf den Rücken geschnallt.
Daniel Barenboim hat in seinem Leben weit mehr als tausend Konzerte dirigiert, aber heute ist selbst für ihn ein bedeutender Tag: Am Abend wird er mit den Wiener Philharmonikern zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Schönberg-Violinkonzert aufführen – neben ihm, schräg versetzt, wird der Sologeiger des Abends stehen, Michael Barenboim, 27 Jahre alt, sein Sohn, aber jetzt wird erst mal geraucht. Er zieht eine Havanna aus der Brusttasche, schneidet das Kopfende mit einem Cutter auf, sengt sie an, zehn, zwanzig Sekunden lang, mustert prüfend die Glut, zieht und nickt – ja, das Monstrum brennt.

Es ist 10.30 Uhr, bis zum Konzert sind es noch zehn Stunden, also hat er ein paar Termine auf den Tag verteilt: Frühstück mit dem Besetzungschef der Mailänder Scala, anschließend ein Vorsingen, drüben in der Staatsoper, die beiden suchen gerade junge Sänger für eine neue Così fan tutte; danach eine letzte Probe mit dem Orchester und seinem Sohn; es geht um Details, Schlüsselstellen, mal ein anderer Fingersatz bei den Celli, ein verzögertes Atemholen der Holzbläser. Selbst in der Generalprobe lässt er die Stücke nie ganz durchspielen, das hat er von Furtwängler. Und dann ist da noch diese Frau mit den Prada-Schuhen vom ZDF, die ihn seit Tagen belagert. Gut, im November wird er 70, da drehen, schreiben, produzieren sie alle was über ihn, trotzdem muss er noch schlafen, ein, zwei Stunden; macht er immer vor dem Konzert. »Danach bin ich frisch«, sagt er. Noch frischer sei er nur nach dem Konzert, »wenn die Energie der Musik in meinen Körper geflossen ist«. Und deshalb kann er auch nicht verstehen, warum alle behaupten, er mache zu viel. Die Financial Times hat ihn mal einen »pathological overachiever«, genannt, einen krankhaften Allesmacher. »Stimmt nicht«, sagt er. Was ihn anstrenge, seien Termine und Sitzungen. »Dirigieren, Klavierspielen, eine Partitur lesen, das strengt mich nicht an, es macht mich glücklich.«

Und weil Barenboim gern glücklich ist – er ist besessen, aber kein Neurotiker und schon gar keiner, der leiden muss, um zu empfinden –, weil er also gern glücklich ist, macht er Musik sooft und wo immer er dazu kommt. Mit der Staatskapelle Berlin und dem Orchester der Mailänder Scala leitet er gleich zwei Orchester von Weltrang; ein drittes, das West-Eastern Divan Orchestra, hat er 1999 zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet; die 92 Mitglieder, Juden, Moslems und Christen aus dem Nahen Osten, viele davon aus Israel und Palästina, sind seine zweite Familie, seine Mini-Zwei-Staaten-Lösung, sein Beweis, dass es geht, wenn man will.

Dazu kommen Gastdirigate, Solo-Auftritte, Festivals, eine Stiftung für seine Nahost-Projekte, zwei Musikkindergärten in Berlin und Ramallah und seine Barenboim-Akademie, eine Art Musikhochschule mit Universalbildungsanspruch, die gerade in Berlin gebaut wird, entworfen von seinem Freund, dem berühmten Architekten Frank Gehry. »Das Unmögliche ist leichter als das Schwierige«, sagt Barenboim, »denn an das Unmögliche sind keine Erwartungen geknüpft.« Was soll man von so einem halten?


MANN OHNE HEIMAT – MANN OHNE MITTE?

Daniel Barenboim ist Spanier, Argentinier und – als einziger Mensch auf der Welt – Israeli und Palästinenser. Er hat vier Staatsbürgerschaften, die palästinensische wurde ihm 2007 nach dem Abschiedskonzert für den UN-Generalsekretär Kofi Annan vom palästinensischen Botschafter angeboten. Mit seiner Frau, der russischen Pianistin Jelena Baschkirowa, spricht er Englisch, mit seinen Söhnen, die in Paris aufgewachsen sind, Französisch. Insgesamt beherrscht er sechs Sprachen fließend, ein paar andere holprig. Er hat in Buenos Aires, Tel Aviv, London, Paris, Chicago und Berlin gelebt,
das Orchestre de Paris 14, das Chicago Symphony Orchestra 15 Jahre geleitet. Seit mehr als 60 Jahren rast er um den Erdball, um den Menschen Musik zu bringen: Musik, um zu vergessen. Musik, um sich zu erinnern. Musik, um zu verstehen.

»Daniel Barenboim ist das letzte Genie der klassischen Musik«, sagt der Kritiker Joachim Kaiser. »Er ist der einzige Weltstar, den Berlin hat«, sagt Klaus Wowereit. Und wirklich, lässt man sich ein auf die Art, wie er Musik macht, über sie spricht und in ihr lebt, schaut man zu, wie er mal still und bescheiden, ganz Diener der Musik, und zwei Sekunden später streng und unnachgiebig sein kann, dann spürt man, dass die schon recht hatten, damals in Argentinien, die ganz sicher waren, so einer kommt nur alle paar Jahrzehnte auf die Welt, der kleine Barenboim ist ein Wunderkind.

Am 15. November wird der Bub mit der kurzen weißen Hose 70 Jahre alt. Vielleicht war er deswegen bereit, sich diesmal nicht nur zuhören, sondern zuschauen zu lassen, sechs Monate lang, im Alltag, im Flugzeug, in seiner Garderobe, vor und nach dem Konzert, beim Nachdenklich-, Stolz- und Wütendwerden. Er bestand auf einem Vorgespräch und ein paar Tagen Bedenkzeit, dann willigte er ein. Am Ende dieser sechs Monate wird er fünf davon nicht in seinem Bett in Berlin geschlafen und Konzerte in Wien, Dubrovnik, London, Prag gegeben haben, in München, Mailand, Berlin, Salzburg, Sevilla, Genf, Dresden und Moskau; nur Asien und Amerika macht er nicht mehr so oft, sein Zugeständnis ans Alter. »Er kann auch mal nichts machen«, sagt sein Sohn Michael, »er macht es nur nie.« »Früher waren wir manchmal zusammen im Kino«, sagt sein anderer Sohn David, »ich habe nie erlebt, dass er nicht nach zehn Minuten eingeschlafen ist.« Es gibt einen Film über ihn aus dem Jahr 2002. Titel: Multiple Identities. Daniel Barenboim ist alles auf einmal: Dirigent und Pianist, Geschäftsmann, Netzwerker, Politiker und Pädagoge, aber auch Rebell, Machtmensch, Schönheitssucher, Charmeur, Kettenraucher und Krimifan.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Paul Schmitt (0) Barenboim ist mir von allen Israelis der Liebste: Ein Versöhner statt ein Spalter! Ein großer Musiker und ein großes Vorbild!
  • marie bardischewski (0) DANKE FÜR DAS WUNDERBARE BARENBOIM PORTRAIT! Es war mir eine Freude, dieses halbe Jahr lesend, mit auf die Reise gehen zu dürfen. Excellent geschrieben, ebenso waren es die Fotos.
    Mit Dank
    MB