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aus Heft 49/2012 Fernsehen 2 Kommentare

Zurück auf Start

Vor zehn Jahren scheiterte Juliette Schoppmann im Finale von Deutschland sucht den Superstar – und musste viel Häme einstecken. Jetzt steht sie wieder im Finale einer Castingshow. Warum tut sie sich das nochmal an?

Von Lara Fritzsche  Fotos: Timm Kölln



Juliette hat im Bad Goldene Schallplatten aufgehängt. Die hat sie sich zusammen mit den anderen DSDS-Kandidaten vor zehn Jahren ersungen. Auf die erste eigene Nummer eins wartet sie bis heute.

Es hat nur drei, vier Schritte lang gedauert. Kaum ist Juliette aus dem unbeleuchteten Teil der Bühne in den Kegel des Scheinwerfers getreten, haben die Ersten sie erkannt. Als sie beim Stern angekommen ist, jenem Zeichen auf dem Boden, das den Kandidaten anzeigt, wo sie stehen müssen, wenn sie der Jury ihr Talent darbieten wollen, klatscht das ganze Publikum. Einzelne, das wird man vier Wochen später in der Fernsehfassung dieser Szene besser erkennen können, lehnen sich zu ihrem Sitznachbarn rüber und flüstern. Vermutlich so etwas wie: »Das ist doch die von Deutschland sucht den Superstar

Egal, ob Juliette irgendwo auftaucht oder auch nur ihr Name fällt, die Reaktionen sind immer die gleichen: »Die hätte damals die erste Staffel gewinnen müssen. Die war echt besser«, sagt der eine. Und der andere nickt. Dann wird das Thema gewechselt.
Juliette hat es nie geschafft, das Thema zu wechseln. In zehn Jahren nicht. Dass sie damals hätte gewinnen müssen, oder zumindest können, das lässt ihr keine Ruhe. Sie will immer noch nach ganz oben, auch heute mit 32. Und sie wählt wieder den gleichen Weg: eine Castingshow. Nur dass es diesmal nicht DSDS ist, sondern Das Supertalent, das sie groß rausbringen soll. Ein Format, in dem Menschen auftreten, die sich »das tanzende Fieberthermometer« nennen oder deren Darbietung darin besteht, sich warme Schokolade über den Po gießen zu lassen.

Juliette sitzt in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg auf ihrer braunen Ledercouch und muss sich erklären. Um sie herum ein Wohnzimmer in einer Mischung aus Reispapier-Leuchten, Teakholz und Räucherstäbchen. Es ist warm und gemütlich, überall brennen Kerzen, Juliettes Hund liegt in seinem Bastkorb und döst. Sie führt ein gutes Leben: Hat hin und wieder Auftritte bei Firmengalas, gibt Gesangsunterricht und komponiert Lieder für andere Künstler. Sie kann von der Musik leben. Warum tut sie sich das noch mal an?

Schon jetzt sieht man ihr den Stress an, den Öffentlichkeit auslöst. Sie ist angespannt, ihre Wangenmuskeln krampfen, sie spricht schnell, knetet an ihren Fingern herum. Wenn all diese Nervositäten sich eine halbe Stunde lang aufgestaut haben, macht Juliette sich eine Zigarette an und atmet den Rauch tief durch. »Mir wurde die Möglichkeit genommen, einen tollen Karrierestart hinzulegen«, sagt sie. »Das will ich nun nachholen.« Natürlich habe sie sich für ihren zweiten Versuch wieder die erfolgreichste Castingshow ausgesucht, mit der besten Jury. Das meint sie nicht ironisch, das meint sie ernst.

Dabei müsste doch gerade sie es besser wissen. Müsste wissen, dass man in Castingshows keine Karriere startet. Weil es gar nicht um Talent geht, sondern um Spektakel. Dass nicht gewinnt, wer gut singt, sondern wer das Publikum anrührt, provoziert, aufsext oder beschämt. Wie sonst hätte Daniel Küblböck, ein Teenager ohne Gesangstalent, aber mit unfreiwilligem Unterhaltungswert, damals so weit kommen können? Er wurde immerhin Dritter, landete nur einen Platz hinter Juliette. Wie sonst hätte Alexander Klaws, ein öder, mäßig begabter Kleinstadtjunge, gegen eine ausgebildete Ballerina, Musicaldarstellerin und Sängerin gewinnen können?

Juliette ist die tragische Figur der ersten Castingshow gewesen. Sie war damals angetreten mit der Idee, es gehe um Leistung. Genau wie die Zuschauer eingeschaltet hatten, um bei der Suche nach einem künstlerischen Talent dabei zu sein. Aber es kam anders. Der Ton im Fernsehen änderte sich gerade. Nach vielen Jahren, in denen Menschen wie Linda de Mol, Marijke Amado und Ulla Kock am Brink durch die Fernsehabende führten, war es nun plötzlich vorbei mit der Freundlichkeit. Sympathie allein trug keinen Zuschauer mehr durch 120 Minuten Fernsehshow. Was alle sehen wollten, waren Formate, in denen den Kandidaten die Würde unter den Füßen weggezogen wurde. Stefan Raab hatte 1999 damit angefangen und Big Brother hatte nachgelegt. Heute sind ständig Durchschnittsbürger im Fernsehen zu sehen, die man auslacht, weil man nicht weiß, wie man sonst mit ihrer Arglosigkeit umgehen soll. Damals war das neu. Und auch ein neues Wort fürs neue TV-Konsumverhalten sprach sich rum: Fremdschämen. Was für ein Spaß.

Gerade in diese Zeit fiel Juliette Schoppmanns Erstkontakt mit dem deutschen Fernsehpublikum. Sie hatte keine Chance. Denn Juliette lieferte sich dem Konzept nicht aus: Sie wahrte immer Haltung, weinte nicht, brach nicht zusammen, gab nichts von sich preis, sondern sang einfach nur jede Woche richtig gut einen bekannten Hit nach. Nach drei Wochen wurde das langweilig. Ganz Deutschland hat etwas aus dieser Sache gelernt: Die einen haben Castingshows aufgegeben. Die anderen schauen sie zynisch an. Und Juliette?

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Kommentare

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  • Philipp Faber (0) Ich erschrecke ebenfalls. 10 Jahre Schwachsinn. Herrlich. Und endlich kann ich wirklich sagen: Ich hab es noch nie gesehen! Weiter so TV.
  • Paul Hartmann (0) Wer soll das sein? Gibts den Quatsch wirklich schon seit zehn Jahren?

    Dann mal auf die nächsten zehn fernsehfreien Jahre... Viel Interessantes gibt es ja offenbar nicht zu verpassen.