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aus Heft 50/2012 Religion 3 Kommentare

Jenseits von Afrika

Jedes Jahr holt die katholische Kirche Hunderte Priester aus aller Welt, die in deutschen Kirchen aushelfen. Francis Ssengendo aus Uganda ist das erste Mal dabei. Eine Situation, die viele erst mal ein bisschen überfordert - auch ihn selbst.

Von Roland Schulz  Fotos: Robert Brembeck



Minuten vor der Messe, wenn nur die Mesnerin es sehen kann, wandelt er sich. Manche Priester ziehen Messgewänder an wie einen Panzer, Lage um Lage, jede beladen mit Bedeutung: Schultertuch, Schatten Gottes. Zingulum, Strick der Stärke. Stola, das Joch Jesu. Sie rüsten sich für den Gottesdienst wie Soldaten für die Schlacht. Er zählt zu den anderen. Er kleidet sich an, aber es ist, als lege er ab. Am Ende tritt er federnd an die Tür der Sakristei und streckt die Arme aus, als stehe er auf einem Sprungturm. So fällt der Stoff schön. Gleich ist es so weit. Dann ist egal, woher er kommt. Dann ist nur noch wichtig, wozu er hier ist.

Als er in Uganda aufbrach, hatte Francis Ssengendo seine Erwartungen an Deutschland gezügelt. Er wolle die Heimat des Papstes mit offenem Herzen erleben, sagte er. Nun ist er drei Tage da, ein ugandischer Pfarrer in Unterfranken. Sein Deutsch zerschellt am Dialekt der Menschen. Sein Magen ringt mit Sauerbraten, sein Kopf mit Namen: Haßberge der Landkreis, Rauhenebrach die Gemeinde. Sie haben ihn in den Steigerwald geschickt, wo sich die wenigen Dörfer in weitläufigen Buchenwäldern verlieren. In wenigen Tagen werden drei Pfarreien, 15 Kirchen und fast 3000 Christen seiner Seelsorge anvertraut sein, einen Sommer lang.

Auch Pfarrer haben Anrecht auf Urlaub. Zu ihrer Vertretung holt die katholische Kirche jedes Jahr Hunderte Priester aus dem Ausland, vor allem aus Asien und Afrika. Einige studieren in Rom, die meisten arbeiten schon als Seelsorger. Manche kommen seit Jahren, manche das erste Mal, wie Francis Ssengendo in die Diözese Würzburg. Wie er-lebt ein afrikanischer Priester deutsche Kirche?

Kurz nach der Frühmesse, Ssengendo sieht den Pfarrer, den er vertreten wird, aus der Kirche kommen, den Arm voll angebrochener Weinflaschen. In Afrika wäre das ein seltsamer Anblick, ein Priester, der flaschenweise Messwein aus der Sakristei schafft. Ssengendo fragt nach dem Grund. Der deutsche Pfarrer Kurt Wolf erklärt, er sei inzwischen so selten in den einzelnen Kirchen der Gemeinde, dass der Messwein sauer wird. Erst glaubt Ssengendo, er verstehe falsch. Aber es ist wahr. Der Messwein versauert.

Er ist ein hagerer Mensch. Schmale Brille, kahl geschorener Kopf. Immer trägt er Pries-terkragen. Trotzdem wirkt er auf flüchtigen Blick wie ein Jüngling. In der Gemeinde lautet das erste Urteil: keine 25 und sicher frisch aus dem Seminar. Ssengendo ist 39. Er leitet in Uganda das Knabenseminar von Kisubi, ein Internat für Jugendliche, die den Gedanken hegen, Priester zu werden. Es erstaunt ihn, dass es dieses Modell in Deutschland kaum mehr gibt.

Die ersten Gottesdienste feiert er noch an der Seite Kurt Wolfs. Er spricht nur wenige Worte: wie er heißt, woher er kommt. Dann sein Wunsch. »Ich hoffe, viele neue Freunde zu machen. Aber Sie müssen sprechen langsam. Ja okay. Danke schön.« Einmal wartet vor der Kirche eine Handvoll alter Frauen, sie loben ihn für sein Deutsch. »Welche Sprache in Uganda?«, fragen sie. Seine Muttersprache ist Luganda, aber er spricht auch Lusoga, Lutooro, Lunyoro, Lunyakole. Latein noch. Griechisch liest er nur. Er antwortet: »Englisch. In Uganda wir sprechen Englisch.« Die Frauen sagen, er rede besser Deutsch als der Pole, der früher Aushilfe war.

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Kommentare

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  • Norbert Mager (0) Ein wirklich sehr guter und interessanter Artikel, besonders die Sicht auf Deutschland aus dem Blickwinkel eines Uganders.
    Ich war selbst längere Zeit in West- und Zentralafrika und hatte Deutschland nach meiner Rückkehr ähnlich erlebt wie der Priester. Ich war überrascht vom allgegenwärtigen Wohlstand, der für uns schon so selbstverständlich ist, und der gleichzeitigen Unzufriedenheit der Menschen hier. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Zufriedenheit von Menschen umgekehrt proportional zum Wohlstand ist. Ich habe die Menschen in Afrika im Allgemeinen trotz der großen Not viel glücklicher und zufriedener erleben dürfen als hier in Europa.
    Bei dem Artikel muss man sich aber auch vor Augen halten, dass es Uganda im Vergleich zu seinen Nachbarn noch relativ gut geht. Ich bin anno 1996 aus der Demokratischen Republik Kongo, damals noch Zaire, nach Uganda eingereist und kam mir erst einmal vor wie in einer Art afrikanischen Schweiz.
    Ich möchte deshalb alle Leser daran erinnern, sich bewusst zu machen, wie gut wir es hier in Mitteleuropa trotz aller Krisen haben. Es gibt hier keinen Krieg, keine marodierenden Soldaten oder Rebellen und keine Landminen. Es gibt sauberes Trinkwasse und niemand muss verhungern. Dies sind Dinge über die wir nicht weiter nachdenken, die aber anderswo keine Selbstverständlichkeiten sind. MFG
  • Roderick Aichinger (0) Tolles Thema! Aber was soll der Telegramm-Stil? Man hat teilweise das Gefühl Notizen des Autoren zu lesen.
  • Martina Mertens (0) Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.
    MfG