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aus Heft 04/2013 Gesundheit

Sparen oder helfen

Alexandros Stefanidis  Fotos: Nikos Pilos

Weil Geld fehlt, sind die Notaufnahmen griechischer Krankenhäuser nur noch alle vier Tage geöffnet. Wer einen Arzt braucht, kann da nur hoffen. Und warten.


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Wartesaal, Notaufnahme. Viele, die einen der rund 50 Sitzplätze ergattert haben, sind eingenickt, sie warten schon seit Stunden. Die meisten stehen eng gedrängt vor dem Eingang und hoffen darauf, dass bald ihr Name aufgerufen wird. Jeder Patient hat zuvor von einer Krankenschwester eine Dringlichkeitsnote zugeordnet bekommen, von vier bis zwei. Vier bedeutet, dass es sich auf den ersten Blick um eine Lappalie handelt, Magen- oder Ohrenschmerzen. Durchschnittliche Wartedauer: etwa fünf Stunden. Drei bedeutet, dass der Fall zwar bald behandelt werden muss, aber nicht akut ist, Kreislaufbeschwerden zum Beispiel. Wartezeit: drei Stunden. Wer eine Zwei zugewiesen bekommen hat, braucht dringend Hilfe. Zweier haben zum Beispiel tiefe Schnittwunden oder leichte Frakturen und deshalb Vorrang. Nur Patienten mit der Note eins kommen ohne Anmeldung sofort in den sogenannten »Shock Room«. Bei ihnen besteht Lebensgefahr.

Manche der Wartenden haben Tränen in den Augen. Einige pressen sich Wattebällchen auf frische Einstiche, sie warten auf die Ergebnisse ihrer Bluttests. Ein Krankenhauspfleger, der sich durch den Saal schlängelt, rät den Menschen im Vorbeigehen: »Wenn Sie den ganzen Tag hier zubringen müssen, waschen Sie sich bitte alle zwei Stunden die Hände oder führen Sie zumindest Ihre Hände nicht an Mund oder Nase.« Die Notaufnahme ist ein Viren- und Bakterienherd. Eine alte Frau sitzt in einem Rollstuhl, der Schlauch aus ihrer Vene führt hoch zu einem Infusionsbeutel. Sie bittet einen der zwei Security-Männer, die den Eingang zu den Behandlungsräumen bewachen, um ein Glas Wasser.

Security-Firmen sichern mittlerweile in vielen griechischen Krankenhäusern den Eingang zur Notaufnahme. Es kommt immer wieder zu Wutausbrüchen, Streit und auch Schlägereien. »Die Menschen haben ihre Geduld verloren«, sagt der Sicherheitschef Konstantinos. »Sie werden schnell wütend oder randalieren, um Frust abzubauen. Wir haben auch mehr Alkoholfälle als früher.« Er deutet zu einem dürren alten Mann hinüber, der in einer Ecke seinen Rausch ausschläft. Nähert man sich ihm, wird der Uringeruch stechender. Manche der Wartenden verlangen lautstark, dass ihn jemand auszieht und wäscht. Einer ruft, man sollte ihn samt Liege nach draußen in die Kälte schieben. Betretenes Schweigen. Der alte Mann bekommt davon nichts mit. Konstantinos betrachtet ihn mitleidig. »Als er vorhin eingeliefert wurde, weinte er, weil er sich schämte, dass seine Hose uringetränkt ist. Er griff meinen Arm und sagte: ›43 Jahre habe ich auf Baustellen in ganz Griechenland gearbeitet: harte, ernste, gute Arbeit. Jetzt haben sie meine Rente noch einmal gekürzt, auf 527 Euro. Kannst du mir sagen, wie ich davon leben soll?‹ Ich habe nur den Kopf geschüttelt. Was sollte ich ihm auch sagen?«

Die Notaufnahme des Papageorgiou-Krankenhauses in Thessaloniki, dem Ruf nach eines der besten Krankenhäuser des Landes, behandelt am Tag etwa 1500 Menschen. Zum Vergleich: In der Notaufnahme des Münchner Klinikums rechts der Isar werden täglich 71 Menschen verarztet, in den verschiedenen Notaufnahmen der Berliner Charité, der größten Universitätsklinik Europas, sind es 580. Der Grund für den enormen Andrang: Die Notaufnahmen griechischer Krankenhäuser haben – um Ausgaben zu sparen – nicht täglich geöffnet, sondern nur alle vier Tage. Die Kliniken wechseln sich ab. Für den Großraum Thessaloniki, dessen Einwohnerzahl in etwa vergleichbar ist mit München, bedeutet das: An einem Tag haben nur zwei Notfall-ambulanzen im gesamten Stadtgebiet Dienst. Man muss sich immer erst telefonisch erkundigen, welche gerade geöffnet ist.

»Das, was Sie hier sehen«, sagt Jobst Rudolf, der deutsche Chefneurologe des Papageorgiou-Krankenhauses in Thessaloniki, »ist ein Auszug aus dem täglichen Überlebenskampf des griechischen Gesundheitssystems. An manchen Tagen herrscht in unserer Notaufnahme das blanke Elend. Wie im Krieg.«

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Alexandros Stefandidis traf im Wartesaal auch auf Patienten, die mit Verwandten in Deutschland telefonierten – und anscheinend ihre Auswanderung planen. Zweimal hörte er die Frage: »Hast du endlich einen Job für mich gefunden?«

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