Anzeige

aus Heft 06/2013 Reise Noch keine Kommentare

Sankt Petersburg

Weiße Nächte: zu Besuch bei Dostojewskis Urenkel.

Von Lars Reichardt  Fotos: Alexander Gronsky/Institute Illustration: Jean Jullien


Stadtschreiber
Lange hat Dmitri Andrejewitsch Dostojewski seinen Nachnamen als Fluch empfunden. Seine Mutter hat ihm als Kind von seinem berühmten Urgroßvater erzählt und ihn gewarnt, er solle das lieber für sich behalten. Ein kluger Rat, so schien es: Wegen dieses Namens ist Dmitris Vater 1931 kurz verhaftet worden, und auch in Dmitris Schule sei der Name Dostojewski lange verpönt gewesen, kein einziges seiner Bücher sei auf dem Lehrplan aufgetaucht. So war das an einigen sowjetischen Schulen zur Stalin- und Chruschtschow-Zeit. Die Dämonen etwa, die Geschichte einer Verschwörung, wurde erst Ende der Siebzigerjahre neu aufgelegt, zu unwägbar schien die Wirkung dieses Buchs.

Dmitri ist so klein wie sein Urgroßvater und auch im Gesicht meint man sofort eine Ähnlichkeit entdecken zu können: die gleichen tiefen Augenhöhlen, leicht eingefallene Wangen, das dünne Haar, ein ähnlicher altrussischer Bart. Dmitri ist mit 67 allerdings schon sieben Jahre älter als Fjodor zum Zeitpunkt seines Todes.

Das erste Buch aus dem Werk seines Urgroßvaters, das Dmitri las, war Schuld und Sühne, der in Sankt Petersburg spielende psychologische Kriminalroman um den Mörder Rodion Raskolnikow. »Ich war damals 19 Jahre alt, zu jung und dumm, um es zu verstehen«, sagt er, er legte es bald wieder weg. Schuld und Sühne, neudeutsch: »Verbrechen und Strafe«, gilt als Dostojewskis populärster Roman. Den Hinterhof, wo Raskolnikow wohnte, kann man heute noch besuchen, ebenso wie die letzte Wohnung Fjodor Dostojewskis, aus der man 1971 ein Museum gemacht hat.

Dmitris Vater trug im Krieg immer eine Büste von seinem Großvater Fjodor bei sich, als Glücksbringer. Dmitri dagegen begann erst in den Sechzigerjahren, seinen Familiennamen zu schätzen. Er war ohne höheren Schulabschluss zur Armee gegegangen, zu DDR-Zeiten in Potsdam stationiert, später auf Kuba, arbeitete nach seiner Rückkehr als Straßenbahnführer und schlug sich mit kleineren Reparaturjobs durch. Aber er wurde eingeladen in die ganze Welt. Zu Tagungen der Dostojewski-Gesellschaft, zu Dreharbeiten einiger Dokumentarsendungen über das Leben des Urgroßvaters. 1964 war er für eine BBC-Dokumentation in Baden-Baden, er ging abends ins Kasino und gewann mit dem System, das der Urgroßvater in seinem Roman Der Spieler skizziert hatte, 190 Mark, viel Geld in der damaligen Zeit. 1981 bekam Dmitri Krebs und brauchte dringend ein teures, für ihn unbezahlbares Medikament aus Japan. Dmitris Mutter bat den japanischen Übersetzer um Hilfe, der half gerne und schnell, Fjodor Dostojewski wird merkwürdigerweise in Japan wie ein Nationalheld verehrt. Dmitri wurde geheilt und sagt heute: »Fjodor hat mir das Leben gerettet.«

Inzwischen lebt Dmitri am Stadtrand von Sankt Petersburg, in einem Plattenbau auf 46 Quadratmetern, zusammen mit seiner Schwiegertochter und drei Enkelkindern. Er arbeitet schon lange nicht mehr, das Bein schmerzt immer wieder. Manchmal fährt er ins Museum, um Literaturwissenschaftler und Touristen im Namen der Familie zu begrüßen. Ganz selten empfängt er Besuch zu Hause in der kleinen Küche inmitten der tobenden Enkelkinder.

Sein Sohn Alexei arbeitet als Fährkapitän für ein Kloster, das auf einer Insel im Lagoda-See liegt; er kommt nur alle zwei Wochen nach Hause. Auch Alexei hat nie studiert, musste zur Armee, arbeitete kurze Zeit als Straßenbahnführer. Wenn Dmitris Bein ihn wieder zwingt, zu Hause zu bleiben, schickt er Alexei als Vertreter der Familie zu den Tagungen in aller Welt. Die Dostojewskis haben seit der Revolution 1917 keine Tantiemen erhalten, aber im Russland Putins sind der Name des Schriftstellers und seine Überlegungen zur russischen Nation so populär wie lange nicht mehr.

Dmitris Enkeltochter war vier, als ihr die Eltern vom berühmten Vorfahren erzählten; sie verstand es noch nicht. Sein jüngster Enkel Fjodor ist gerade einmal zweieinhalb Jahre alt. Er ist der vierte Fjodor Dostojewski, und die Familie ist glücklich, dass der Nachname nun nicht aussterben wird. Die Familie Dostojewski führe ein glückliches Leben, sagt Dmitri. »Fjodor hat drei Dinge für alle seine Nachkommen besiegt: den Alkohol, die Epilepsie und die Spielsucht.«

Natürlich hat Dmitri inzwischen alles vom Urgroßvater gelesen. Immer noch ist Schuld und Sühne das Buch, über das fast alle mit ihm sprechen wollen. Dmitris Lieblingsbuch ist jedoch ein anderes: Die Brüder Karamasow. »Wer die russische Seele kennenlernen und verstehen will, muss dieses Buch lesen. Die drei Brüder symbolisieren alles, was uns Russen ausmacht: den Glauben, den Zweifel, die Rebellion.«

Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: