Anzeige

aus Heft 11/2013 Die Gewissensfrage 5 Kommentare

Die Gewissensfrage

Darf ein von reichen Akademikerfamilien gegründeter Kindergarten großzügige Spenden annehmen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Unser Sohn geht in einen Kindergarten einer Eltern-Kind-Initiative von wohlhabenden Akademikerfamilien. Dank des Engagements einiger Mütter bekommen wir immer wieder großzügige Spenden, etwa hochwertige Instrumente von einem Musikfachgeschäft. Ist es in Ordnung, die Spenden anzunehmen, wenn man weiß, dass es viele Einrichtungen mit Kindern aus weniger begüterten Familien gibt, die sich diese Dinge nicht leisten können?« Maria L., Berlin





Mir scheint, man muss zwei mögliche Konstellationen unterscheiden. Die eine wäre: Die Unternehmen engagieren sich ohnehin sozial, und den Müttern gelingt es, diese Spenden, die es so oder so gäbe, für Ihren Kindergarten zu akquirieren. Sie würden also einen vorhandenen Spendenstrom anzapfen und in Ihren Kindergarten leiten – notgedrungen auf Kosten anderer Einrichtungen, die solche Spenden vielleicht dringender bräuchten. Man kann sich das bildlich vorstellen wie in einer Szene von Charles Dickens: Ein Wagen, voll beladen mit Spielsachen, ist auf dem Weg zu einer Gruppe von zerlumpt gekleideten Kindern in einer ärmlichen Hütte, als plötzlich Mütter aus einer opulenten Villa auf die Straße treten, den Wagen heranwinken und entladen, während die Kinder aus dem kleinen Haus mit großen sehnsüchtigen Augen zusehen müssen. Was davon zu halten ist, liegt auf der Hand.

Wie aber steht es, wenn es ohne den Einsatz der Mütter gar keine Spenden gäbe? Also kein Kind, egal ob arm oder reich, etwas geschenkt bekäme? Dann wäre es doch, könnte man meinen, besser, wenn wenigstens ein paar Kinder etwas bekommen, als gar keine. Und dass das die Kinder der Mütter sind, die den Einsatz erbringen, scheint auch naheliegend. Nur wie sieht die Dickens’sche Szene in diesem Fall aus? Wieder werden Spielsachen in das reiche Haus getragen, während die armen Kinder leer ausgehen. Sie warten zwar nicht auf den Wagen, aber das Ergebnis bleibt das gleiche: Sie haben nichts, während in der großen Villa genug da ist.
 
Und nun verzeihen Sie mir vielleicht sogar dieses etwas platte Bild. Es soll lediglich helfen, den Automatismus »Wenn es für Kinder ist, dann ist es moralisch hochstehend« zu durchbrechen. Kinder sind prinzipiell bedürftig, weil sie sich nicht selbst versorgen und schützen können. Das gilt für alle Kinder und im Vergleich zu Erwachsenen. Im Vergleich mit anderen Kindern jedoch sind nicht alle Kinder gleich bedürftig, da gibt es sehr wohl Unterschiede. Wenn nun Spenden an Kinder gehen, die weniger bedürftig sind, werden diese Unterschiede – für die die Kinder nichts können – durch die Spenden verstärkt statt vermindert. Das aber ist kontraproduktiv, um nicht zu sagen asozial, sogar antisozial, deshalb sind die Spenden auch in diesem Fall fehlgeleitet.

Anzeige



Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Michael Betsch (0) Zu Miss Lupescu: Der Staat kann nur kontrollieren, ob der Empfänger einer Spende im rechtlichen Sinn "gemeinnützig" ist (dafür gibt es feste Verfahren, und für einen Kindergartenverein dürfte das meistens zutreffen); mit der Prüfung, ob Spenden an potentielle Empfänger "sozial gerecht" verteilt werden, wäre er hoffnungslos überfordert. Im Übrigen sparen die öffentlichen Schul- und Kindergartenträger so hemmungslos, daß dadurch selbst die gutwilligsten Eltern zum Egoismus erzogen werden (nach dem Prinzip: Wenn ich schon ein Klassenzimmer streichen soll, dann soll es wenigstens das sein, in dem mein Kind unterrichtet wird).

    Natürlich kann man die Möglichkeit streichen, daß Spenden "steuerlich abgesetzt" werden. In dem Fall würde ich als Musikalienhandlung das Klavier, das ich dem Kindergarten schenke (weil ich es eh nicht verkaufen kann), als Werbeausgabe verbuchen - was mit Blick auf die Elternschaft des Kindergartens völlig realistisch wäre. Der Effekt für den Betriebsgewinn (als Besteuerungsgrundlage) wäre der gleiche.
  • Miss Lupescu (0) Ich finde grundsaetzlich, dass ein Spender bestimmen kann, was er wem spendet. Mir fehlt allerdings bei der Diskussion ein Aspekt: das Musikgeschaeft wird doch wahrscheinlich die Spenden von der Steuer absetzen.
    So gesehen gehen dann die Spenden zu Lasten der Allgemeinheit, und das wiederum finde ich bedenklich.
  • Michael Betsch (0) Ich halte es für legitim, wenn der beschriebene Kindergarten Spenden annimmt, und zwar aus folgenden Gründen:
    1) Freiheit: Wenn X dem Y etwas schenken will, darf er das tun, und Y darf das annehmen. Wenn ein Unternehmen einem Kindergarten ein Musikinstrument schenken will, darf der Kindergarten das annehmen (wenn er denn etwas damit anfangen kann). Der Kindergarten darf das Angebot auch ablehnen; aber dann geht das Geschenk keineswegs automatisch an die ach so viel mehr "bedürftigen" anderen Kindergärten. Unmoralisch wäre allenfalls, wenn die Vereinsvertreter falsche Angaben über den Verein, die dort betreuten Kinder etc. machen würden.
    2) Wer Kinder hat, ist in erster Linie für sie verantwortlich. Die Eltern-Initiative hat die Möglichkeit, ihren Kindern gute Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Das ist auch ihr einziger Zweck. Ein selbstorganisierter Kindergarten verfolgt nie das Ziel, daß alle Kinder gleich gute (in der Praxis meist: gleich miserable) Möglichkeiten haben sollen, sondern er fördert "seine" Kinder. Wenn das solange unmoralisch sein soll, wie andere Kinder materiell schlechter gestellt sind, müßte sich die Vesperküche im Kindergarten schon am Standard von Bangla Desh orientieren...
    3) Unterscheidung zwischen dem Verein und seinen Mitgliedern. Auch wenn viele der betreffenden Eltern gut situiert sind, heißt das nicht, daß der Verein für Vereinszwecke beliebig hohe Mittel verfügbar hat. Würde der Verein aufwendige Anschaffungen selbst tätigen, müßte er leicht so hohe Gebühren fordern, daß er erst recht sozial exklusiv würde. Letztlich sehe ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind solche selbstorganisierten Kindergärten legitim, dann dürfen sie auch Spenden annehmen, oder man sieht sie eben nicht als legitim an.
    4) Akademiker sind nicht immer wohlhabend, häufig leben sie während einer recht langen Ausbildungsperiode relativ bescheiden (jedenfalls finanziell). Von dem, was sie ihren Kindern mehr mitgeben können als andere, ist ein großer Teil nicht materiell (Bildungsinhalte unterschiedlichster Art, Offenheit und Interesse für alles mögliche; im konkreten Fall die Bereitschaft, [klassische] Musik ernstzunehmen). Das heißt allerdings, daß den "ärmeren" Kindern nicht unbedingt geholfen wäre, wenn materielle Güter, z.B. Muskinstrumente, umverteilt würden. [Und aus diesen Gründen wird nebenbei vielleicht eine Musikalienhandlung eher dem "Akademiker-Kindergarten", als ihrer hoffentlich zukünfitgen Stammklientel oder dem Nachwuchs der jetzigen Kunden, etwas spenden, als irgendeiner beliebigen anderen Einrichtung.]
    5) Jede selbstorganisierte Bildungs- und Erziehungseinrichtung ist einerseits für die dort Betreuten positiv, andererseits bietet sie ihnen etwas, was nicht alle bekommen, und dadurch wird sie exklusiv. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Man kann private Kindergärten, Schulen etc. prinzipiell ablehnen; in Deutschland sind sie im Gegenteil grundsätzlich zulässig (unter anderem, weil erst recht nach der Nazizeit das Prinzip gilt, daß der Staat Kinder nicht "verstaatlichen" darf), auch in praktisch allen europäischen Ländern, die ich kenne, sind Privatschulen akzeptiert.
  • Klaus Hinkelmann (0) "Wer hat, dem wird gegeben", heißt es bei Matthäus, oder drastischer: "Der Teufel ... immer auf denselben Haufen". So ist es wohl, nichts wirklich Neues; wenn ich mich recht erinnere, liegen z.B. die Ausgaben für Gymnasien höher als für Hauptschulen usw.
    Wenn also dieser Kindergarten - resp. die Eltern dieser Kinder - solche Geschenke für sich zu requirieren vermögen, handeln sie wie alle anderen auch und tun das Übliche. Es wäre auch kaum hilfreich, darauf zu verzichten, wenn und insofern "bedürftige(re)" Kindergärten auch nichts von diesem Verzicht hätten. Vielleicht aber könnten diese Eltern ihre Verbindungen, ihre soziale Kompetenz, ihren Einfluss dafür nutzen, einen anderen Kiga zu unterstützen.
  • Jochen Grünhagen (0) Die im Artikel vertretene Auffassung führt auf direktem Weg zu einem totalitären Staat. Wenn es "asozial" oder "antisozial" ist, wenn wohlhabende bzw. gut qualifizierte Eltern ihren Kindern helfen wollen, dann müssen auch Nachhilfestunden, Privatschulen und Auslandsaufenthalte verboten werden. All das kann den einen Kindern einen Vorteil vor den anderen Kindern verschaffen.

    Weiter noch, die gesamte Erziehung muss in die Hände des Staates gehen. Ansonsten könnte die bürgerliche Mutter ja mit ihren Kindern üben, was die arme Mutter mangel Qualifikation und Ressourcen nicht im selben Maße kann. Es müsste verhindert werden, dass dem einen Kindern zu Weihnachten ein Chemiekasten, dem anderen aber eine Spielkonsole geschenkt wird. Das wäre nur zu erreichen, wenn die Kinder aus dem Verfügungsbereich der Eltern entfernt werden.

    Natürlich - so hoffe ich - will das der Autor nicht. Die Ansätze zu einer erzwungenen Gleichmacherei im Schulwesen sind links der politischen Mitte aber durchaus vorhanden. So wendet sich die GEW gegen Privatschulen, weil diese "sozial weniger integrativ" seien. Das ist genau das Argument, das ich oben in seiner Konsequenz dargestellt habe. Wehret den Anfängen