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aus Heft 21/2013 Politik

»Die wirkliche Politik ist klein, grau, hässlich und schweißtreibend«

Seite 2: »Das ist genau der Punkt. Man wünscht sich immer, dass die Politiker deutlich reden. Aber wehe, sie tun es.«

Andreas Bernard und Evelyn Roll (Interview)  Fotos: Jonas Holthaus




WOLFGANG THIERSE

... ist Bewohner des Prenzlauer Bergs. In der DDR war er Schriftsetzer, später studierte er und war wegen seiner Haltung zur Biermann-Ausbürgerung ausgebremster Kulturwissenschaftler. 1990 wurde er Vorsitzender der Ost-SPD. Seit der Vereinigung ist er Bundestagsabgeordneter. Von 1998 bis 2005 war er der Präsident des Deutschen Bundestages. Er ist einer der erfolgreichsten ostdeutschen Politiker.


Das heißt, dieser Straßen- und Häuserwahlkampf ist genau das, was für ein Direktmandat getan werden muss. Haben Sie eigentlich schon Ihre ersten Wahlkampfreden gehalten vor großem Publikum?
Nürnberger:
Ja.

Unterscheidet sich die Überzeugungslust als Redner von der, die Sie als schreibender Journalist antreibt?
Nürnberger:
Es ist schon was anderes, sofort die unmittelbare Reaktion des Publikums zu sehen. Die klatschen plötzlich, und manchmal schreien sie sogar laut auf. Und dann merke ich: Ah, jetzt musst du vom Gas gehen! Weil: Demagoge will ich nicht sein.

Aber Sie genießen das schon, wenn Sie so einen Saal in der Hand haben?
Nürnberger:
Es macht Vergnügen, diese Wirkung zu erzielen. Was ich aber noch lernen muss, ist das freie Sprechen. Ich schreibe immer alles fein ziseliert auf und möchte es dann auch so rüberbringen, wie ich es mir formuliert habe. Also lese ich immer ab.

Hat man Ihnen schon einen Coach angeboten für Reden und öffentliche Auftritte?
Nürnberger:
Ja, aber ich habe bisher darauf verzichtet.

Sie haben ja auch einen Profi zu Hause – Ihre Ehefrau, die ZDF-Nachrichten-Moderatorin Petra Gerster.
Nürnberger:
Die kritisiert mich auch dauernd und sagt mir, was ich alles falsch mache.
Was denn zum Beispiel?
Nürnberger:
Dass ich nuschle und zu schnell rede.

Wie muss man sich das denn im Hause Gerster/Nürnberger vorstellen? Schauen Sie sich zusammen Heute-Sendungen Ihrer Frau an, als Übungseinheit?
Nürnberger:
Nein, aber wir haben uns zwei- oder dreimal eine Talkshow angeguckt, in der ich zu Gast war. Da kritisiert sie mich gnadenlos und regt sich besonders auf, wenn ich mich unterbrechen lasse.
Thierse:
Außerdem ist ihre Situation nicht vergleichbar mit deiner.
Nürnberger:
Stimmt.
Thierse: Sie sitzt da, keiner kann ihr widersprechen, keiner redet rein.
Nürnberger:
Also, ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich so, wie ich bin, ganz gut ankomme bei den Leuten. Deshalb sehe ich keinen Bedarf, groß etwas zu ändern.

Und wie gehen Sie bei Ihren Auftritten mit Wiederholungen um, mit Redundanzen? In Ihrem bisherigen Beruf sind die ja verpönt. Als Politiker müssen Sie es mögen, ständig dasselbe zu sagen.
Nürnberger:
Mit Wiederholungen bin ich sparsam, da muss ich nur an mein Team denken, die das alles schon hundertmal gehört haben.
Thierse:
Na, das ist aber eine komische Einstellung. Du redest doch nicht für deine Mitarbeiter. Die müssen sich gefälligst Hornhaut übers Ohr ziehen. Du hast doch jedes Mal ein anderes Publikum.
Nürnberger: An der Hornhautbildung arbeite ich bereits.
Thierse: Wenn eine bestimmte Art von Argumentation oder eine bestimmte Formulierung sehr gut ankommt, dann musst du die doch wieder einbauen beim nächsten Mal. Dadurch werden deine Reden immer besser.
Nürnberger:
Pointen, die gut ankommen, wiederhole ich schon ziemlich penetrant. Aber es bleibt das Mitleid mit meinem Team.

Ist das ein Erkennungsmerkmal des etablierten Politikers – dass er die Wiederholung nicht scheut?

Thierse: Ich erinnere mich genau, wie ich meine Reden immer weiterentwickelt habe aus den Erfahrungen, wie die Zuhörer reagieren. Ich hatte übrigens das Glück, zu Beginn meines politischen Lebens Leuten wie Hans-Jochen Vogel oder Willy Brandt zuhören zu können. Bei meinem allerersten Wahlkampfauftritt in Berlin war auch Vogel dabei. Ich notierte mir wie immer die Fragen der Leute, dazu Stichworte für die Antwort. Vogel aber notierte sich nur die Namen der Fragesteller. Und dann redete er sie mit Namen an.

Und seitdem machen Sie es genauso?
Thierse:
Ja. Wenig später bei einer großen Kundgebung stand ich neben Willy Brandt, und mir schlotterten die Knie. Dann hörte ich ihm zu und merkte, wie langsam der zu den Menschen redete. Mit Pausen. Ich haspelte immer los, wollte möglichst viel
möglichst schnell loswerden. Brandt war ganz langsam. Da habe ich eine Menge gelernt in diesem ersten Jahr.

Bei Ihnen, Herr Thierse, merkt man, dass Reden ein Teil der politischen Arbeit ist, der Ihnen richtig Spaß macht – die Idee, in fünf Minuten in den Gehirnen und Bäuchen etwas zu ändern. Wenn Sie im September mit fast 70 Jahren den Bundestag verlassen, wird der tägliche Rahmen für diese Überzeugungslust wegfallen.
Thierse:
Ja, und jetzt fragen mich natürlich alle, was ich dann tun werde.
Und?
Thierse: Dazu sage ich erst etwas, wenn es so weit ist. Ich kann mich jedenfalls gut daran erinnern, dass ich mich vor der Politik nicht gelangweilt habe, und habe deswegen Hoffnung, mich auch nach der Politik nicht langweilen zu müssen.

War die merkwürdige »Schwaben-Affäre« Ende vergangenen Jahres vielleicht ein Experiment von Ihnen, ein letztes Mal zu testen, ob die Medien noch tun, was Sie wollen?
Thierse:
Nein. Ich bin nicht Angela Merkel. Selbst nach 24 Jahren in der Politik sage ich nicht etwas, nur um eine mediale Rakete zu zünden. In einem ziemlich ernsthaften Interview wurde mir damals die Frage nach den Veränderungen am Prenzlauer Berg gestellt. Ich habe erklärt, dass ich mich über die vielen jungen Leute mit Kindern freue, und erkennbar ironisch gesagt: Es geht mir nur zu weit, wenn von mir verlangt wird, nicht mehr »Schrippe« zu sagen, sondern »Weckle«.

Dann brach ein medialer Sturm aus.
Thierse:
Mit über 3000 Mails. Ein Teil der Schwaben war damit beschäftigt, alle Vorurteile gegen sich zu bestätigen: Wie ich mich erdreisten könne, etwas gegen die Schwaben zu sagen, wo sie doch Berlin finanzieren. Das eigentlich Betrübliche an diesem nebensächlichen Erlebnis war aber: Eine ironische Nebenbemerkung erzeugt ein Echo, wie ich es in einem Vierteljahrhundert fleißiger Arbeit als Politiker nicht erlebt habe. Da könnte man verzweifeln.

Kann man daraus auch etwas lernen?
Thierse:
Nein, denn daraus lernen hieße, so wie Angela Merkel zu reden. Nämlich möglichst nichtssagend – unangreifbar. Das kann ich nicht, weil ich das für tieftraurig halte.
Nürnberger:
Ich habe leider auch schon gemerkt, dass ich in der Politik nicht mehr so frei von der Leber weg reden kann wie bisher. Auf meiner Facebook-Seite habe ich neulich ein Foto von Kühen gepostet und »Mein Wahlkreis« druntergeschrieben. Da war ganz schön was los.

Jetzt sind Sie noch gar nicht richtig angekommen in der Politik und müssen schon vorsichtig sein?
Nürnberger:
Ich habe auch zuerst gesagt: Wenn das so losgeht, können wir gleich wieder aufhören! Die Genossen haben mich aber überzeugt, dass es besser ist, das Bild rauszunehmen.
Thierse: Das ist genau der Punkt. Man wünscht sich immer, dass die Politiker deutlich reden. Aber wehe, sie tun es. Dann werden sie von denselben Leuten niedergemacht, die das eben noch gefordert haben.

Wortpolizei und Fraktionszwang: Kann man als wahrheitsliebender Mensch seine Leidenschaften und Überzeugungen überhaupt behalten in der Parteipolitik?
Thierse:
Halt! Man muss sich einen fundamentalen Unterschied klarmachen: In der
Politik geht es nicht um Wahrheit; es geht um bessere oder schlechtere Lösungen. Politik ist die Sphäre des Relativen. Man sollte diese Art von demokratischer Auseinandersetzung nicht denunzieren. Wer das tut, ist latent in der Gefahr, lieber den einen starken Mann haben zu wollen, der im Besitz der Wahrheit ist.

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Eigentlich sollten die Fotos für dieses Interview in einem Friseursalon aufgenommen werden. Aber Thierse lehnte ab. Er sei vor fünfzig Jahren das letzte Mal bei einem Friseur gewesen, erzählte er Andreas Bernard und Evelyn Roll. Bis heute schneidet seine Frau ihm die Haare.

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