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aus Heft 25/2013 Fußball 7 Kommentare

»Pep Guardiola ist obsessiv, ohne zu nerven«

Der begehrteste Trainer der Welt nimmt seine Arbeit beim FC Bayern auf. Pünktlich zum Dienstantritt: ein Interview mit Pep Guardiolas großem Vorbild César Luis Menotti.

Von Peter Burghardt (Interview)  Foto: Ricardo Ceppi


Das Büro des früheren Weltmeistertrainers César Luis Menotti liegt seit Jahrzehnten mitten in Buenos Aires. Der künftige Bayern-Trainer Pep Guardiola hat ihn zu einem seiner Vorbilder erklärt – da will man Menotti natürlich sprechen, ehe Guardiola jetzt in München anfängt. Anrufe und Mails gehen erst ins Leere, nicht ungewöhnlich bei ihm, eine Verabredung versinkt im Gewitterregen. Dann empfängt Menotti sehr unkompliziert in diesem etwas düsteren Apartment. Hemd weit offen, graue Mähne. Schlank. El flaco, der Dünne. Auf dem Schreibtisch liegt ein Bild von Che Guevara, der wie Menotti und Lionel Messi aus Rosário stammt. An den Wänden hängen Fotos mit Diego Maradona, Alfredo Di Stéfano, Johan Cruyff und anderen Mythen des Weltfußballs sowie mit dem Schriftsteller Jorge Luis Borges. Auf alten Schränken stapeln sich noch ältere Zeitungsausschnitte. Menotti wird 75. Der Aschenbecher des legendären Kettenrauchers ist auffällig leer.

SZ-Magazin: Sie rauchen nicht mehr?
César Menotti:
Vor zwei Jahren habe ich aufgehört, am 3. Mai. Ab und zu eine Zigarre, bei einem Fest, in einer Runde, aber keine Zigaretten.

War es sehr schlimm?
Ich hatte es mir noch schlimmer vorgestellt. Ist ja alles mental. Am schwierigsten wird es, wenn du allein bist, dann willst du rauchen. Aber das verändert wirklich dein Leben. Ich schwimme auf meiner Finca drei, vier Bahnen im Pool, früher konnte ich schon nach einer Bahn nicht mehr.

Ihre Fußball-Sucht dagegen hat nicht nachgelassen, obwohl Sie schon länger keine Mannschaft mehr trainieren?
Ich schreibe viel und studiere den Fußball immer mehr. Ich debattiere gern über Fußball, das ist so ein hinreißendes Spiel, so komplex. Wenn ich manchen Leuten zuhöre, dann ist es, als ob sie von einem anderen Spiel sprechen. Ich sagte mal zu einem Spieler, der ständig den Ball am Fuß hatte: Weißt du, was das Einzige ist, was man beim Fußball mitnimmt? Die Tasche mit Wäsche, Rasierapparat und Shampoo – das trägt man mit sich herum. Den Ball spielt man ab.

Sie sprechen vom »linken Fußball«, der für den romantischen, offensiven Stil mit kurzen, eleganten, schnellen Pässen steht. Und dem »rechten Fußball«, der den hässlichen, defensiven, körperbetonten Stil charakterisiert. Beim linken Fußball sind Sie immer noch eine Referenz.
Viele Leute fühlen sich von mir repräsentiert, weil oft so furchtbar schlecht gespielt wird. Schon in Rosário hatten wir großartige Spieler und ein wunderbares Spiel, auch Messi stammt von dort. Oft mache ich Witze und sage, ich weiß nicht, ob der heutige FC Barcelona gegen meinen FC Barcelona von 1984 gewinnen würde. Da gab es noch keine zehn Ausländer, nur zwei. Ich hatte Diego Maradona und Bernd Schuster, und beide waren lange verletzt.

Der Bayern-Trainer Pep Guardiola verehrt Sie. Er kam 1984, als Sie Trainer in Barcelona waren, gerade zu Barças Nachwuchs, mit 13. Viel später besuchte er Sie in Buenos Aires. Wie fühlt man sich als Mentor des Wundertrainers?
Guardiola ist ein Trainer aus unserer Ecke, aus Berufung. Als er 2007 beschlossen hatte, Trainer zu werden, kam er nach Argentinien und rief mich an. Wir gingen essen und blieben von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens im Lokal sitzen. Das war, bevor er die zweite Mannschaft des FC Barcelona übernahm. Ich habe viel Zuneigung und Respekt für ihn, er ist ein Fachmann und lerneifrig. Er wusste genau, was er wollte.

Trotzdem brauchte er Rat?
Er wollte sein Wissen erweitern. Es ist so, als ob du zwar weißt, wie eine Geige klingen soll, aber trotzdem Geigenlehrer befragst. So fuhr er überall herum. Traf Leute wie Marcelo Bielsa, Arrigo Sacchi und mich, um seine Ideen zu festigen. Als er anfing, war er sehr gut vorbereitet.

Inzwischen gilt Pep Guardiola als Magier, weil er mit dem FC Barcelona alles gewonnen hat. Dann zog er mit seiner Familie zum Sabbatical nach Manhattan, aß mit Woody Allen und unterschrieb beim FC Bayern. Was für ein Typ ist er?

Ein großartiger, intelligenter Trainer, der den Fußball liebt, aber nicht nur den Fußball. Frei nach Hippokrates: Wer nur die Medizin kennt, der weiß nichts von der Medizin, und wer nur vom Fußball was versteht, der versteht nicht mal was vom Fußball. Guardiola kennt mehr als nur Fußball. Der Junge ist kulturell gebildet, mag Theater. Und er hat ein gutes Gehör, der Fußball braucht auch Ohren.

Ohren?
Der Fußball klingt in deinem Kopf als Trainer. Entweder klingt er wie eine Herde wilder Pferde oder wie ein Sinfonieorchester mit Violinen wie Iniesta und einem Cello wie Busquets. Eine Fußballmannschaft ist wie ein Orchester, ein Ergebnis von Proben und Einsatz der Musiker.

Guardiola hatte beim FC Barcelona einige der weltbesten Spieler, vorneweg Ihren Landsmann Lionel Messi. Kann man mit solchen Leuten etwas falsch machen?
Ich schrieb mal, dass Guardiola als Trainer den Goldenen Ball des Weltfußballers hätte bekommen müssen. Er antwortete mir und schwärmte wieder nur von seinen Spielern. Er ist so bescheiden, ich habe ihn fast ausgeschimpft. Ich glaube, Pep hat diese großartigen Spieler noch großartiger gemacht.

Wie geht das?
Er hat eine Vorstellung, wie sein Orchester klingen soll. Wenn einem Trainer nur wichtig ist zu gewinnen, dann wird es schwieriger. Deshalb klang das bei ihm so perfekt. Außerdem hat er seinen Spielern etwas in den Kopf gesetzt, was andere Mannschaften nicht haben: Aus der Ordnung heraus gibt es eine große Freiheit für das Abenteuer.

So wie bei Jorge Luis Borges, der schrieb, Literatur sei Abenteuer und Ordnung?
Genau, aber immer wieder mit sofortiger Rückkehr aus dem Abenteuer zur Ordnung. Wer das nicht eingehalten hat, den hat Guardiola ausgewechselt.

Ist das so ungewöhnlich?
Es gibt sehr wenige Trainer auf der Welt, die die Kabinentür aufmachen und sagen: »Guten Tag, meine Herren«, und die Spieler wissen, was sie spielen sollen. Ich kann heute noch zu einem 15-Jährigen gehen, und der weiß, was ich will. Dass er nicht 20 Meter mit dem Ball laufen, sondern erst passen und dann rennen soll, solche Sachen. Ich muss das nicht mehr sagen. Wie viele gibt’s davon?
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Kommentare

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Kommentar:

  • Dieter Klemke (0) Jetzt ist wirklich zu hoffen, dass die Verantwortlichen beim FC Hollywood Bayern diesen Beitrag lesen. Für Matthias Sammer empfehle ich eine Pflichtveranstaltung, bei der ihm das Interview häppchenweise vorgelesen wird und er zum Verständnisnachweis jeweils ein feedback geben muss. Als Prüfer und Vorleser empfehle ich Jupp Heynkes.
  • Georg Schmidt (0) überall wo Pep hinkommt, ruft Heynckes: war schon da ! was will der Pep nun machen, den Fussball neu erfinden? mehr und mehr nehm ich Abstand von der Schau, Fussball spielt man auf einem Feld mit einem Ball und 22 Spielern-heute ist das fats schon Nebensache! aber so wie dei Dinge liegen, werden die Bayern in den nächsten 10 Jahren kein Spiel mehr verlieren und damit wirds eh langweilig!
  • Bertold Haas (2) Der Satz: "Die einzige Wahrheit des Lebens ist das Lernen, bis zum Tod", hat mich schmunzeln lassen. Vor einigen Jahren habe ich den Spielern manchmal gesagt:
    "Ihr müßt auf dem Totenbett noch lernfähig sein."
  • Markus Döring-köhler (1) Schau mal mal, was so passiert! Wer schnell hochsteigt, fällt auch tief!
  • Willie Bredemeyer (0) Ich habe selten ein so geistreiches und intelligentes Fußball-Interview gelesen. César Luis Menotti und Peter Burghardt haben mich bestens unterhalten. Danke dafür.
  • Bernd Leinauer (0) belesen, intelligent und arbeitet mit Sportlern, interessante Kombination. Erfrischend und mal was anderes als viele dieser 08/15 Interviews, bitte mehr davon.
  • Karl-Heinz Failenschmid (0) "Der begehrteste Trainer der Welt" Selten so gelacht. Warten wirs mal ab, das Begehren könnte schnell nachlassen.