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aus Heft 30/2013 Politik

»Ich würde wieder genauso handeln«

Thomas Bärnthaler und Malte Herwig (Interview)  Foto: Armin Smailovic

Im Herbst 1977 entführten Terroristen der Rote Armee Fraktion den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und forderten im Gegenzug die Freilassung inhaftierter RAF-Häftlinge. Für zwei Männer wurden die nächsten Wochen zu den schwersten ihres Lebens: Schleyers Sohn Hanns-Eberhard tat alles, um die Freilassung seines Vater aus der Geiselhaft zu erwirken. Bundeskanzler Helmut Schmidt entschied sich gegen einen Austausch. Nach 44 Tagen ermordete die RAF Schleyer. Hier sprechen Hanns-Eberhard Schleyer und Helmut Schmidt zum ersten Mal öffentlich.

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Späte Aussprache: Helmut Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer in Schmidts Hamburger Büro.


Hanns-Eberhard Schleyer: Guten Tag, Herr Bundeskanzler.
Helmut Schmidt: Schmidt, nicht Bundeskanzler. Nennen Sie mich Schmidt. Guten Tag.

SZ-Magazin: Herr Schmidt, Herr Schleyer, welches Bild fällt Ihnen beiden als erstes ein, wenn Sie an den Herbst 1977 denken?
Schleyer:
Der Abend des 5. Septembers 1977, als mein Vater entführt wurde. Ich saß in der Staatsbibliothek in Stuttgart und ein Freund kam herein und sagte: Du, es ist was Schreckliches passiert, schau dir die Nachrichten an. Mein erstes Bild ist die Tagesschau von damals und auch die Erklärung, die Sie, Herr Schmidt, im deutschen Fernsehen abgegeben haben. Das war so brutal, dass es mich zunächst sprachlos und hilflos gemacht hat.
Schmidt: Wie alt waren Sie damals?
Schleyer: Ich war 33.
Schmidt: Also ein ziemlich junger Mann.
Schleyer: Schlagartig wurde etwas Wirklichkeit, worauf ich mich innerlich vorbereiten musste, woran ich aber nicht wirklich gedacht habe. Wir wussten ja, dass mein Vater auf der Liste der gefährdeten Personen stand.
Schmidt: Da standen wir beide drauf, Ihr Vater und ich.
Schleyer: Wir waren vorgewarnt, trotzdem haben mich die Ereignisse völlig überrollt. Mein Verhältnis zu meinem Vater war erst in den Jahren davor richtig eng geworden. Mit Kindern hat er sich schwergetan. Erst als ich erwachsen war, konnten wir richtig miteinander sprechen. Als im Sommer 1977 die Sicherheitsmaßnahmen eingeführt wurden, also  bewaffnete Polizisten vor der Tür, Leibwächter auf Schritt und Tritt, hat mein Vater mir gesagt: Wenn mir etwas zustößt, sollst du wissen: Ich bin bereit zu akzeptieren, was die Regierung in einer solchen Situation für richtig hält. Mir war nach dem Mord an Ponto, der drei Monate vorher geschehen war, klar, was das Ziel der Terroristen war. Diese Diskussion war also sehr konkret. Und doch war ich zuerst so schockiert, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte.
Schmidt: Hatten Sie damals schon Kenntnis davon, dass es bei dem Kidnapping Ihres Vater vier Tote gegeben hatte?
Schleyer: Das waren ja die Bilder, von denen ich gesprochen habe: der von Kugeln durchsiebte Mercedes auf der Straße, der Kinderwagen, in dem die Terroristen ihre Waffen versteckt hatten.  

Welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, Herr Schmidt?
Schmidt: Keines. Ich denke nicht an den Herbst 1977, wohl aber an die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz im Februar 1975. Am Mittag war der Brief der RAF-Leute eingegangen, und ich lag mit 39 Fieber im Bett im Kanzlerbungalow. Meine Frau holte den Arzt, der mich mit einer Spritze wieder vernehmungsfähig machte. Ich fand zwei Personen in meinem Zimmer vor: Helmut Kohl, damals Chef der Opposition, und Klaus Schütz, damals Regierender Bürgermeister von Berlin. Die waren sich einig: Wir müssen austauschen. Sie brauchten nur noch meine Genehmigung, dachten sie und ich auch. Die habe ich dann gegeben. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und hab gedacht: Um Gottes willen, was haben wir da für einen Fehler gemacht! (Haut auf den Tisch) Das darfst du nie wieder tun!
Schleyer: Mein Dilemma, Herr Schmidt, war ja, dass ich wusste, wie mein Vater dachte. Ich will Ihnen jetzt nicht die Frage stellen, was Sie an meiner Stelle getan hätten. Wohl aber die: Was, wenn Ihrer Frau etwas passiert wäre?
Schmidt: Meine Frau und ich hatten schon lange vorher aktenkundig gemacht, dass wir uns im Falle des Falles nicht austauschen lassen wollten. Da waren wir uns ganz einig.
Schleyer: Aber hätten Sie nie an dieser Entscheidung gezweifelt? Ich war ja auch Sohn.
Schmidt: Aber natürlich. Wenn ich mich an Ihre Stelle denke - was ich damals auch gemacht habe - finde ich das völlig verständlich und richtig, was Sie getan habe.

Herr Schleyer, Sie haben noch vor fünf Jahren gesagt: »Man hat uns im Grunde genommen hängen und in Ungewissheit bangen und hoffen lassen. Letzteres ist vielleicht das Schlimmste gewesen.«
Schleyer: In all den Gesprächen, die ich mit Hans-Jochen Vogel geführt habe, hat man sich um eine klare Aussage immer herumgedrückt. Man hat vielleicht versucht, Rücksicht auf die Familie zu nehmen.
Schmidt: In Wirklichkeit war meine Entscheidung, nicht auszutauschen, längst gefallen. Schon bei der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975 haben wir nicht ausgetauscht. Stockholm ging relativ glimpflich aus mit zwei Toten, wenn ich mich richtig erinnere, und damit begann eine andere Praxis der amtierenden Regierung. Sie wurde von dem Kreis, zu dem Kohl und Genscher und Strauß gehörten, stillschweigend akzeptiert. Die Praxis des Austauschens hatte in Stockholm aufgehört! Das hat man euch natürlich nicht erzählen wollen.
Schleyer: Ich glaube aber, es wäre besser gewesen, dann hätten wir uns nicht so an diese Hoffnung geklammert, dann wäre die Familie nicht so enttäuscht worden. Irgendwann haben wir es dann ohnehin geahnt. Die Terroristen hatten in Briefen und Telefonaten gefordert, dass ich an einem Wochenende 15 Millionen Dollar zu einem unbekannten Ort transportiere. Das ist durch eine bewusste Indiskretion der Bundesregierung durchkreuzt worden, die natürlich eingeweiht war. Sie wollte nicht riskieren, auch noch mein Leben zu gefährden. Also wurde die Presse informiert, dass ich mit dem Geld unterwegs sei. Da war mir klar: Die Regierung wird nicht nachgeben. Inzwischen war ja auch die Landshut entführt worden. Also habe ich mich entschlossen: Jetzt kann uns nur noch das Bundesverfassungsgericht helfen.

Das haben Sie per Eilantrag angerufen. Es sollte anordnen, Ihren Vater auszutauschen. Doch Ihr Antrag wurde abgelehnt.
Schmidt: Wenn ich mich an Ihre Stelle denke, müssen Sie verzweifelt gewesen sein. Schleyer: Es war eine Möglichkeit, meinen Beitrag zu leisten.
Schmidt: Ein letzter Versuch.
Schleyer: Ein letzter, verzweifelter Versuch. Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts bin ich in ein großes Loch gefallen. Ich will keine Urteilsschelte betreiben, aber das Urteil hat einen entscheidenden Bruch: Es führt zu Recht aus, dass die wichtigste Aufgabe des Staates darin besteht, das höchste Gute des Bürgers, nämlich sein Leben, zu schützen - gerade wenn es gefährdet ist. Der Bruch ist, dass man das zwar einfordert, aber dann zurückweicht gegenüber einer politischen Entscheidung, die zu akzeptieren ist.
Schmidt: Wir haben, noch während die Richter berieten, unterstellt, dass sich die Bundesregierung mit ihrer politischen Auffassung, nicht auszutauschen, vor Gericht durchsetzen wird.
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Malte Herwig und Thomas Bärnthaler saßen nicht allein mit Helmut Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer im Büro des Bundeskanzlers a. D. Schleyer hatte seine 14-jährige Tochter mitgebracht, die sich als einzige Nichtraucherin schon nach der Hälfte der dreistündigen Geschichtsstunde die Augen reiben musste. Da erbarmte sich endlich jemand und machte das Fenster auf.

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