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aus Heft 38/2013 Gesundheit

Warum altern wir?

Max Fellmann und Roland Schulz (Interview)  Foto: FLI, Thomas Mailaender

Und was können wir dagegen tun? Ein Gespräch mit dem Altersforscher Christoph Englert.

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Vielleicht hilft es Christoph Englert, dass er ein leidenschaftlicher Läufer ist: Dem Mann geht die Puste nicht so schnell aus. Auch nicht bei einem zähen Geschäft wie der Altersforschung: Für die Experimente an Fischen, Hefen oder Nacktmullen braucht man viel Geduld. Der Genetiker Englert, 52, gilt als einer der besten seines Fachs. Am Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena untersucht er an seltenen Fischarten, was genau beim Altern passiert, welche Gene dafür verantwortlich sind - und wie sich die gewonnenen Erkenntnisse möglicherweise auf den Menschen übertragen lassen.



SZ-Magazin: Herr Englert, können Sie uns bitte Helmut Schmidt erklären?
Christoph Englert
: Was verstehen Sie an dem nicht?

Warum lebt der Mann noch? Er raucht eine halbe Zigarettenfabrik pro Tag.
Er hat offenbar gute Gene. Da sind Sie sofort bei der Grundsatzfrage: Wie viel am Altern ist umweltbedingt, wie viel ist genetisch bedingt? Es gab vor zwei, drei Jahren eine Familie in den USA, vier Geschwister, die alle über 100 wurden. Extrem selten. Das allein spricht schon dafür, dass es da eine starke genetische Komponente gibt. Und die haben Fast Food gegessen, geraucht bis zum Schluss - und trotzdem sind sie so alt geworden. Auch Schmidt muss eine Kombination von Genen geerbt haben, die ihm erlauben, entgegen seinem Verhalten älter zu werden als der Durchschnitt von uns allen.

Über die Wichtigkeit der Gene liest man völlig Unterschiedliches. Manche Artikel sprechen von gerade mal 20 Prozent.
Schon klar. Die Idee, dass ein einzelnes oder auch fünf Gene darüber entscheiden, wie alt wir werden, wäre naiv. Die Gene setzen uns einen Rahmen, einen maximalen Möglichkeitsraum des Alters, das wir erreichen können. Aber ob wir diesen Rahmen ausfüllen oder nicht, entscheiden wir durch unser Verhalten und durch die Umwelt, in die wir uns begeben.

Kann man bewerten, was wichtiger ist, Gene oder Umwelt?

Nein, es kommt immer auf das Zusammenspiel an. Ein Beispiel: Sie können Würmer herstellen, die isogen sind. Das heißt: Die haben alle die gleiche, fast identische genetische Konstitution. Wenn man diese Würmer unter identischen Umweltbedingungen hält, dann könnte man vermuten, dass sie alle am gleichen Tag sterben - tun sie aber nicht. Es gibt eine riesige Spanne. Obwohl sie die gleichen Gene haben. Damit ist übrigens auch klar, dass es nie möglich sein wird, sich sein Genom aufschlüsseln zu lassen und damit den eigenen Todeszeitpunkt vorauszusagen.

Ganz grundsätzlich: Was ist Altern?

Wir definieren Altern als einen kontinuierlichen und irreversiblen Prozess, der mit dem Nachlassen von Organfunktionen zu tun hat. Viel konkreter kann man nicht werden.

Warum nicht?

Weil es zu dem Thema etwa 300 Theorien gibt, und Sie bekommen von jedem Forscher eine andere Antwort. Es gibt aber im Wesentlichen zwei Aspekte, die alle Forscher gleichermaßen beschäftigen. Das eine ist der Versuch, die molekularen Grundlagen des Alterns an sich zu verstehen: Welche Gene spielen da eine Rolle? Der andere große Bereich sind altersassozierte Krankheiten. Herz- und Gefäßkrankheiten, neurologische Krankheiten, Demenz, Krebs.

Gehört dazu auch die Frage, warum wir altern? Warum alles altert?
Warum-Fragen sind Philosophie, die werden in der Biologie nicht so wirklich erforscht. Da stecken ja zwei Aspekte drin: Was hat das eigentlich für einen Sinn - und was sind die Gründe dafür? Zur Sinnfrage kann man sagen: Vermutlich ist unsere Verweildauer auf der Erde begrenzt, weil es nur begrenzte Ressourcen gibt, und weil es das Interesse der, tja, Natur oder Evolution ist, dass es weitergeht. Mein Interesse ist also, meine Gene weiterzugeben, und wenn ich meine Nachkommen großgezogen habe, kann ich eigentlich weg, dann bin ich nicht mehr von Nutzen.

Frauen kommen mit zirka 50 in die Menopause, können dann aber noch 100 werden. Das wäre nach dieser Theorie unsinnig, oder?
Untersuchungen zeigen, dass das Lebensalter von Frauen nicht nur in Zusammenhang steht mit der Anzahl der eigenen Kinder, sondern auch mit der der nächsten Generationen: Eine Aufgabe von uns Menschen besteht also nicht nur darin, unsere eigenen Kinder zu zeugen und großzuziehen, sondern auch darin, sich um die übernächste Generation zu kümmern.

Sozusagen ein Oma-Prinzip?
Genau.

Jetzt die andere Seite: Warum altern wir, technisch gesehen?
Dazu müsste man klären: Gibt es vielleicht eine Art Programm für das Altern? Man neigt heute dazu zu sagen, nein, gibt es nicht. Es gibt zwar ein genetisches Programm für Entwicklungen in jedem Organismus. Wie ein Herz angelegt, wie die Körperachsen definiert werden, folgt einem genetischen Programm. Für das Altern gibt es aber vermutlich kein definiertes genetisches Programm. Es hat eher etwas mit Vernachlässigung zu tun. Funktionen sind nicht mehr wichtig und werden abgebaut.

Klingt schlüssig, aber damit kann der Mensch sich offensichtlich nicht einfach abfinden.
Deshalb wollen es natürlich viele ändern. Viele Altersforscher betreiben Regenerationsforschung. Denn nur weil Altern irreversibel und kontinuierlich ist, bedeutet das nicht, dass man es nicht verlangsamen könnte. Das kann man sicher.

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Eine besondere Herausforderung der Altersforschung sei, exakte »Alters-Marker« zu definieren, erklärte Christoph Englert, also Merkmale für Alter. Max Fellmann und Roland Schulz schlagen vor: Als alt gilt, wer sich noch mit genauer Ort- und Zeitangabe verabredet, statt sich einfach mit dem Handy zusammenzutelefonieren.

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