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Literatur 19. September 2013

»Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln«

Alex Rühle (Zusammenstellung)  Fotos: dpa

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Seine besten Sätze aus der unvergessenen Fernsehsendung »Das Literarische Quartett«, von Anfang bis Zwist.


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Anfang

Die Weltliteratur besteht aus Debütromanen. Das ist doch immer so: Der erste Roman ist das Wichtigste und dann kommt gar nichts mehr. Also, vielleicht sagen wir mal Goethe, der hat mit einem Debütroman angefangen. Und der war sehr gut. ( Literarisches Quartett vom 14.1.1993)

Anthropozentrismus
Mich interessiert in der Literatur eigentlich nur der Mensch. Mäuse und Kühe interessieren mich nicht. (18.2.1991)

Benn, Gottfried
Einer der dümmsten Sätze, der je von einem deutschen Lyriker gesagt wurde, stammt von Benn: Bei jedem Lyriker gebe es fünf oder sechs gute Gedichte. Ich weiß nicht, warum dieser Satz immer wieder zitiert wird. Bei Goethe finde ich 56 oder 76 gute Gedichte. Und bei Heine 16 oder 26. (25. 3. 1988)

Berlinroman
Das gibt's überhaupt nicht. Was ist denn das für'n Unsinn. Das ist Quatsch! Alexanderplatz , nein, nein, nein, nein, nein. Also Balzac hat viele Romane geschrieben, die in Paris spielen, aber es gibt keinen einzigen Parisroman von Balzac. Berlin ist natürlich in Berlin Alexanderplatz nicht das Thema. Ein Roman zeigt die Erlebnisse, die Leiden von Menschen. Eine Stadt kann nur die Szene, den Hintergrund geben. (5.3.1999)

Bernhard, Thomas
Man kann überhaupt nicht Literatur machen, ohne zu übertreiben. Die ganz großen Schriftsteller waren ja pure Übertreibungskünstler. So'n Shakespeare hat doch übertrieben wie'n doller Kerl. Bei Thomas Bernhard ist die Übertreibung ganz extrem. (5.3.1999)

Christentum
Dieses Literarische Quartett ist keine Veranstaltung im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit. Was schlecht ist, ist schlecht, und es muss gesagt werden. (18.2.1991)

Desinteresse
Wozu soll ich eigentlich ein Buch über Kalkutta lesen? Mich persönlich interessiert Kalkutta überhaupt nicht. Wenn ich aber ein Buch über Kalkutta lesen möchte, dann doch nicht von einem Poeten, der dahin gefahren ist für drei oder vier Monate, der sich etwas umgesehen hat. Was hat er dort gesehen? Schmutz, Gestank, Elend, Armut. Das wissen wir doch. (30.9.1988)

Empfindung
Es kommt nicht auf die Beschreibung der physiologischen Prozesse an, das kann jeder, es ist nicht schwer zu beschreiben, wie ein Penis in eine Vagina dringt oder ein Bleistift in eine Tasche gesteckt wird. Es kommt darauf an zu zeigen, was die Frau oder der Mann oder gar beide während dieser Sachen empfinden. (10.3.1989) 

Erotik
Wenn ich die deutsche Literatur der letzten zwanzig Jahre lese, die ist ja unerhört unerotisch. Da war zum Beispiel der große Thomas Bernhard - vollkommen unerotisch. Oder Grass: eigentlich immer unerotisch. Siegfried Lenz - immer. Martin Walser - beinahe immer. Wenn sich das deutsche Volk nach seinen Schriftstellern von heute richten würde, es würde sich überhaupt nicht mehr vermehren. Da sieht man, wie gering der Einfluss dieser Schriftsteller ist. (10.10.1991)

Feld, ein weites
Wertlose Prosa, langweilig und unlesbar. Keiner hat den Grass dazu aufgefordert, über die Wiedervereinigung zu schreiben. Mir wär viel lieber, wenn Grass über die Liebe zu seiner Frau geschrieben hätte. Interessiert mich viel mehr als seine Ansichten zur Wiedervereinigung. (24.8.1995)

Feministische Theorie
Diese Antonia Byatt hält nichts von der feministischen Literaturwissenschaft - allein das macht sie schon sympathisch. Der Teufel soll mich holen, wenn Herr Karasek das nicht mit Vergnügen gelesen hat. Geben Sie's zu! (13.5.1993)

Goebbels, Joseph
Grass sagt seit zehn oder 15 Jahren immer wieder, die deutsche Kritik sei schlecht. Das ist ja seit Lessing bekannt und jeder Autor, der verrissen wurde, wiederholt es. Grass will, dass die Kritiker nur über die Bücher informieren. Das wollte - mit Verlaub - Joseph Goebbels auch. Und Grass muss endlich belehrt werden, es ist höchste Zeit: Kritik ist unter anderem dazu da, die literarischen Werke zu werten und zu beurteilen. (24.8.1995)

Goethe, Johann Wolfgang von

Wissen Sie, wer sympathisch war? Walther von der Vogelweide. Denn von dem wissen wir gar nichts. Und wenn wir über einen Dichter viel wissen, dann ist er arg unsympathisch. Thomas Mann war sehr unsympathisch, Brecht ebenfalls, Heine auch sehr fragwürdig und Goethe, na, keine sympathische Figur. (3.6.1988)

Gordimer, Nadine
Ihre Bücher sind künstlerisch so schwach, dass ich wetten möchte, sie kriegt den Nobelpreis. Zumal sie ja auch noch weiblichen Geschlechts ist. (18.2.1991)

Handke, Peter
Es gibt deutsche Schriftsteller, wenn die kompletten Schwachsinn ihrem Verlag liefern, dann hat der Verlag zwei Möglichkeiten: zu drucken oder abzulehnen. Lehnt er ab, dann geht dieser prominente Schriftsteller zu einem anderen Verlag. Zwölf andere Verlage sind glücklich, wenn sie Handke bekommen. Ob ein Buch gut oder schlecht ist, ist für einen Verleger eine sekundäre Überlegung. Das Entscheidende ist: Bringt es Geld oder bringt es Geld nicht? (24.8.1995)

Heimat
Ich bin eurozentrisch veranlagt! Ich bin und will eurozentrisch sein und das kann mir keiner verwehren! Meine Welt ist zwischen Athen und Dublin oder zwischen Lissabon und Stockholm. (15.12.1996)

Hunde
Es ist, glaube ich, der Peter Handke ein Autor, der seit vielen Jahren schon auf den Hund gekommen ist, man kann sagen, auf den metaphysischen Hund. Und Botho Strauß ist auf den ideologischen Hund gekommen. Er schreibt Unsinn! (25.4.1997)

Indien

Ich kann Ihnen voraussagen, was Martin Walser in Kalkutta schriebe: einen Roman über den Bodensee. (30.9.1988)

Irland
Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch. Elend und muffiger Katholizismus. (15.12.1996)

Joyce, James
Das weiß man, dass der Ulysses in Deutschland maßlos überschätzt wird. Er wird ja nur deshalb so überschätzt, weil ihn kaum jemand gelesen hat. (14.5.1990)

Kafka, Franz

Ganz unter uns: Ich hab nicht gern Insekten. Ob das Die Fliegen sind bei Sartre oder diese Geschichte von Kafka, die nicht zu seinen allerbesten gehört. Insekten verführen die Autoren. (31.3.1994)

Kempowski, Walter
Kempowski ist ein wackerer Sammler, fleißig, hat vier Bände gesammelt und wir danken Gott, dass es nicht fünf geworden sind. (24.2.1994)

Kindheitserinnerungen
Sind meist langweilig in der Literatur. Deswegen sind auch in Autobiografien, die immer so früh anfangen, die ersten Kapitel meist die schwächsten. (23.8.1992)

Kirsch, Sarah
Wenn Sie wüssten, wie viel Arbeit es mich gekostet hat, Sarah Kirsch Gedichte abzuverlangen, sie immer wieder anzurufen oder ihr Briefe zu schreiben: Sarah, ich und die ganze deutsche Nation warten auf Ihre nächsten Gedichte, könnten Sie nicht was schicken? (26.12.1988)

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