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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Liebe Rabenmutter

Alex Witchell 

Als Mädchen wäre Jeannette Walls fast verhungert, weil ihre Mutter ihr das Essen weggegessen hat. Später wurde sie mit einem Buch über ihre Kindheit zu einer reichen Frau. Und was macht sie mit dem Geld? Baut ihrer Mutter ein Haus gleich neben ihrem eigenen.

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Jeannette Walls
, Schriftstellerin (Foto: John Taylor)


In ihren Familien werden Kinder oft in Rollen gezwängt, aus denen sie nur schwer wieder herauskönnen. Auch die Mutter der Schriftstellerin Jeannette Walls brandmarkte ihre Kinder fürs Leben: Lori, die Älteste, war die Schlaue. Maureen, die Jüngste, die Hübsche. Brian, der einzige Junge, der Mutige. Und Jeannette? Sie sei nichts Besonderes, nur fleißig, sagte die Mutter.

Im Jahr 2005 veröffentlichte Jeannette Walls, die Fleißige, ihre Kindheitserinnerungen: Schloss aus Glas. Sie beschreibt darin, wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten: In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten sie 27 Adressen. Und sie gingen nicht nur immer wieder fort, weil Rex, der Vater, sich nicht unterordnen konnte, seinen Job schmiss und kein Geld für die Miete hatte, sondern weil er sich vom FBI verfolgt fühlte. Rex war Alkoholiker und wahrscheinlich bipolar, also manisch-depressiv; Rose Mary, die Mutter, wahrscheinlich auch bipolar, hielt sich für eine Künstlerin und Abenteuerin.

Die Kinder hungerten und liefen in abgerissenen Kleidern herum. Sie wurden in den Schulen fertiggemacht, weil sie so arm waren. Schließlich landete die Familie im tristen Heimatort des Vaters in den Appalachen, in Welch. Dort lebte sie mit seinen ebenfalls alkoholkranken Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung. Es war feucht und schmutzig, es wimmelte von Ungeziefer, Schlangen und Ratten.

Schloss aus Glas
verkaufte sich 4,2 Millionen Mal und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Die fleißige Tochter hat also Geld verdient. Genug Geld, um nicht mehr hungern zu müssen. Hollywood plant das Buch zu verfilmen. Kürzlich hieß es, Jennifer Lawrence soll Walls spielen.

Jeannette Walls, 53 Jahre alt, ist groß, schmal, rothaarig und sehr gepflegt. Bis heute träumt sie von dem gelben Eimer, sagt sie, den alle Familienmitglieder in Welch nachts benutzen mussten. Das Farmhaus in Virginia, das sie mit ihrem zweiten Ehemann John Taylor bewohnt, ist geschmackvoll renoviert: blitzsaubere Landhausdielen, Arbeitsflächen aus Stein in der Küche, Holzöfen.

Mit 17 hielt Jeannette Walls es in Welch nicht mehr aus und schlug sich durch bis nach New York. Dort wohnte sie in der Bronx, bei ihrer älteren Schwester Lori, machte ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und schob in einer Anwaltskanzlei Telefondienste, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren. Rex, ihr Vater, trug 950 Dollar zu ihrer Ausbildung bei – und einen Nerzmantel, den er beim Pokern gewonnen hatte. 1987, mit 27, fing Walls als Klatsch-Kolumnistin beim New York Magazine an, heiratete einen Unternehmer und lebte acht Jahre lang an der Park Avenue. Das Leben war schön – bis auf die Tatsache, dass Rex und Rose Mary ihren Kindern nach New York gefolgt waren und in besetzten Häusern lebten.

Während Jeannette Walls über die feine New Yorker Gesellschaft schrieb, verschwieg sie ihre Biografie. Und das, obwohl ihre Eltern ständig in den lokalen Nachrichten auftauchten und für die Rechte der Hausbesetzer stritten. Als Walls an einem Text über Scientology arbeitete, fand sie heraus, dass Angehörige der Kirche in ihrer Vergangenheit herumschnüffelten. Etwa zu der Zeit fuhr sie eines Abends mit dem Taxi zu einer Party und sah ihre Mutter im Müll wühlen. Sie kehrte sofort um, saß schuldbewusst zu Hause und beschloss, die Wahrheit aufzuschreiben: Schloss aus Glas. Das Buch heißt so nach dem Traumhaus, das Rex seiner Familie bauen wollte und dessen Entwurf er bis ins kleinste Detail aufgezeichnet hatte. Zu seinen Kindern sagte er, nun müssten sie nur noch Gold finden, dann könnten sie es bauen, das Schloss aus Glas.

Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Jeannette Walls als Dreijährige auf einem Hocker am Herd des Wohnwagens der Familie steht und Würstchen ins kochende Wasser wirft, während ihre Mutter malt. Jeannettes rosa Tutu fängt Feuer, sie erleidet schwere Verbrennungen an Bauch und Brust. Nach sechs Wochen holt ihr Vater sie gegen den Rat der Ärzte aus dem Krankenhaus. Zu Hause bereitet Jeannette bald wieder Hotdogs zu. Ihre Mutter, die kaum von ihrer Malerei hochschaut, sagte nur: »Gut so. Man muss gleich wieder in den Sattel steigen, wenn das Pferd einen abgeworfen hat.«

Diese Mutter, Rose Mary, lebt heute in einem schnuckeligen Haus auf der Farm ihrer Tochter in Virginia. Gleich nebenan also. Und das, obwohl sie im Buch viel schlechter wegkommt als ihr Mann Rex, der zwar seinen Kindern die Ersparnisse stiehlt, um davon einen saufen zu gehen, aber ein großes Herz hat. Zu ihrem Vater, der 1994 mit 59 Jahren starb, hatte Jeannette eine enge, besondere Beziehung. Ihre Mutter hingegen wirkt selbstsüchtig und herzlos. Einmal versteckt sie eine Tafel Schokolade vor ihren hungernden Kindern, um sie heimlich zu essen. Das verzeiht man ihr nicht, als Leser. Und als Tochter?

»Viele Leute fragen, wie kannst du deiner Mutter vergeben? Aber ich habe ihr nicht verziehen. Ich habe sie und das, was geschehen ist, akzeptiert.« Jeannette Walls lacht, es wirkt ein bisschen angestrengt. Ständig schaut sie sich um. Die Mutter, von der die Rede ist, könnte ja jeden Moment im Zimmer stehen.

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Alex Witchel hat auch ein Erinnerungsbuch geschrieben. In All Gone trauert sie ihrer umsorgenden, klugen, starken, geliebten Mutter nach, die an Demenz erkrankt ist.

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