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aus Heft 48/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Da sitzt einer im Zug und quasselt stundenlang in sein Handy. Darf man als unfreiweilliger Zuhörer nachfragen und gegebenenfalls sogar einen guten Rat geben?

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»Im vollen Zug telefonierte mein Gegenüber so laut und lang, dass man gar nicht anders konnte als mitzuhören: ein spannendes Beziehungsdrama. Darf ich ihn danach als unfreiweilliger Zuhörer fragen, ob er es mir, weil ich einiges nicht ganz verstanden habe, noch mal im Ganzen erklären könne? Und ihm gegebenenfalls einen guten Rat geben?« Johann D., Koblenz


Wer öfter öffentliche Verkehrsmittel benutzt, kennt das Problem der Dauertelefonierer. Während zehn Minuten in der turbulenten S-Bahn noch halbwegs erträglich, werden sie auf längeren Zugfahrten zur Tortur. Dort weiß ein ganzer Großraumwagen dann, welche Punkte der Ausschreibung für das Mainz-Projekt wichtig sind oder dass man die wichtigen Dateien im Ordner »Hochhaus« auf Krügers Computer finden kann. Bei Ihnen hingegen geht es um ein Telefonat vom Typ »Du-hast-doch-auch«, das aber meist nicht minder nervt. Gleich, welcher Gesprächstyp: ihn über längere Zeit in der engen Öffentlichkeit eines Zuges zu führen ist rücksichtslos.

Normalerweise ist auch das Mithören von fremden Gesprächen fragwürdig, nur sind Sie in diesem Fall doppelt unschuldig. Zum einen wegen der Nähe, der Sie kaum entkommen können, zum anderen haben wissenschaftliche Untersuchungen nachgewiesen, dass man bei Telefonaten unwillkürlich zuhört, weil man nur eine Hälfte des Dialogs hört und das die Aufmerksamkeit steigert.Wäre deshalb eine Nachfrage nach dem gesamten Inhalt richtig? Schließlich würden Sie damit dem rücksichtslosen Telefonierer auf nicht ganz ernste Weise zeigen, dass er sich falsch verhalten hat. Man muss ein wenig lächeln bei der Idee. Sie tauchen ihn gewissermaßen mit der Nase ins Malheur. Doch spätestens bei dieser Formulierung stutzt man. Bei genauerer Betrachtung ist es nämlich nicht mehr Witz oder Ironie, sondern Süffisanz, spöttische Überheblichkeit. Sie wollen dem anderen mit der raffinierten Volte Ihre geistige Überlegenheit zeigen, fast wie ein Lehrer, der zu den schwätzenden Schülern vor der Klasse sagt: »Lassen Sie uns doch bitte alle an Ihrer Konversation teilhaben.«

Der Telefonierer ist rücksichtslos, das zu unterbinden hätte meine Sympathie, nicht aber die Art und Weise. So ist beides unschön, und das eine wird durch das andere nicht gerechtfertigt.


Literatur:

Galván VV, Vessal RS, Golley MT (2013) The Effects of Cell Phone Conversations on the Attention and Memory of Bystanders.

Volltext hier abrufbar.


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