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aus Heft 05/2014 Kunst

»Picasso hat mich vergöttert«

Malte Herwig (Interview) 

Als junges Mädchen stand sie ihm Modell, seine Porträts machten sie berühmt. Jetzt spricht Sylvette David, die heute Lydia Corbett heißt, über ihre Zeit mit dem bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts.



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Grauer Himmel liegt über der sturmgebeutelten Grafschaft Devonshire, aber im Atelier der Malerin Lydia Corbett leuchtet es bunt. Eine farbenfeuchte Leinwand steht auf der Staffelei, die Frau mit der berühmtesten Frisur der Kunstgeschichte ist längst selbst Malerin. Aus der ernsten jungen Sylvette mit dem Pferdeschwanz ist die sanfte Lydia mit Stirnzöpfen geworden. Die Wände hängen voll mit ihren Ölbildern, Aquarellen und Treibholz, das die 79-Jährige am nahen Strand gesammelt und bemalt hat. Dann kramt sie einen stockfleckigen Lederkoffer voll alter Fotos hervor, die ein atemberaubend schönes Mädchen zeigen. Kein Wunder, dass Picasso sie malen wollte. Schon ein Wunder, dass er ausgerechnet ihr nicht das Herz brach.

SZ-Magazin: Frau Corbett, Sie waren 19, als Picasso Sie fragte, ob er Sie malen dürfe. Er war 73, und sein Ruf als Schwerenöter eilte ihm voraus. Haben Sie Ihre Mutter vorher um Erlaubnis gefragt?

Lydia Corbett: Nein, ich war so frei wie Luft. Meine Mutter hat nie darauf bestanden, dass ich sie frage. Wissen Sie, wir sind nicht bourgeois. Also habe ich sofort Ja gesagt.

Wie kam es zu Ihrer ersten Begegnung?
Ich lebte damals mit meiner Mutter und meinem Verlobten im Töpferdorf Vallauris in Südfrankreich. Freunde von uns hatten ein Studio gegenüber von Picassos Haus. Dort saßen wir Teenager oft auf der Terrasse, tranken Kaffee, rauchten und unterhielten uns. Eines Tages erschien über der Mauer eine Zeichnung, auf der ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz zu sehen war, das genau wie ich aussah. Picasso hielt das Bild über die Mauer, um uns einzuladen. Wir liefen gleich zu seinem Haus, er öffnete die Tür und fragte mich, ob ich für ihn Modell stehen würde. Ich war völlig überrascht, denn in unserer Gruppe war ein Mädchen, das ich viel schöner fand. Sie war sexy und selbstbewusst, aber Picasso fragte ausgerechnet mich.

Haben Sie eine Erklärung, warum er gerade Sie porträtieren wollte?

Die Leute pfiffen mir auf der Straße hinterher, weil ich recht beachtlich aussah. Natürliches blondes Haar, kein Make-up, keine High Heels. Aber in Wirklichkeit war ich ein verschlossenes und schüchternes Mädchen. Im Schrank hatte ich jede Menge graue Wollpullover und lange Herrenmäntel, in denen ich mich verstecken konnte. Das hat Picasso sofort fasziniert. Er fragte sich: Was ist das für ein seltsames Mädchen? Er war ein echter Gentleman. Ich hatte keine Ausbildung und nie studiert. Er hätte ja auch sagen können: Was für ein dummes Ding! Stattdessen hat er mich vergöttert.

Picasso machte Ihren Pferdeschwanz über Nacht so berühmt, dass sogar die damals noch unbekannte Brigitte Bardot ihn kopierte.
Wir sind uns einmal beim Filmfestival von Cannes auf der Promenade begegnet. Sie flanierte dort mit ihrem Mann, dem Regisseur Roger Vadim, und hatte noch dunkles Haar. Nachdem ich auf dem Cover von Paris Match erschienen war, riet Vadim ihr wohl, ihre Haare blond zu färben und einen Pferdeschwanz zu tragen wie ich. Damit ging sie dann zu Picasso, damit er sie auch malte. Aber er hatte überhaupt kein Interesse, weil er ja schon mich gemalt hatte und wir uns äußerlich aufs Haar glichen. Dabei war sie sehr sexy, ganz anders als ich. Verglichen mit ihr war ich ein ganz einfaches Mädchen wie Aschenputtel.

Sie wurden über Nacht bekannt wie ein Filmstar. Haben Sie den Ruhm genossen?
Es war grauenhaft. Die Reporter rannten uns in Vallauris die Türen ein. Ich sagte meiner Mutter, sie solle die Tür abschließen, und versteckte mich im Schlafzimmerschrank. Als die Zeitungen über Picassos Sylvette-Bilder berichteten, bekam ich auf einmal Hunderte Briefe aus aller Welt von Männern, die mich heiraten wollten.

Haben Sie geantwortet?  
Nein, keinem Einzigen. Mein Verlobter Toby war schrecklich eifersüchtig. Ich habe die Briefe genommen und vor seinen Augen zerrissen. Ich liebe Männer, aber sie sind schwierig. Picasso spürte, dass ich tief in meinem Inneren verletzt war. Er fragte sich, warum ich so still und furchtsam war. Einmal malte er ein Porträt von mir ohne Mund, weil ich so wenig sprach. Er ahnte, dass es etwas gab, über das ich nicht sprechen konnte.

Was war das?  
Meine Eltern hatten sich schon vor meiner Geburt getrennt, und ich habe meinen Vater immer sehr vermisst. Als ich acht Jahre alt war, missbrauchte mich der Freund meiner Mutter. Ich habe es niemandem erzählt, nicht einmal meiner Mutter oder meinem Mann, und auch selbst völlig verdrängt, bis ich 27 Jahre alt war. Damals verließ mich Toby. Ich war verzweifelt und dachte, ich könnte ohne ihn nicht weiterleben. Dann hatte ich eine Vision. In unserer Wohnung hing ein Kruzifix, das wir auf einem Trödelmarkt gekauft hatten, und ich spürte plötzlich, wie mein ganzer Körper von Licht erfüllt wurde, und ich kniete vor dem blutenden Jesus nieder und heulte und heulte. Picasso hatte das schon Jahre vorher gespürt.

Haben Sie deshalb einmal gesagt, Picasso sei der beste Mann in Ihrem Leben gewesen?
Ja, er war wie ein Ersatzvater zu mir. Ich habe in meinem Leben keinen anderen Mann getroffen, der so liebenswürdig und respektvoll zu mir war. Er hat mir die Tür in ein neues Leben aufgestoßen. Er war so fürsorglich und gütig zu mir. Er hat mir Mut gemacht und mir Selbstvertrauen und Kraft gegeben. Manchmal verkleidete er sich mit Schnurrbart und roter Nase als Clown, um mich zum Lachen zu bringen. Einmal malte er eine Spinne auf den Boden und sprang dann vor Schreck an die Decke, als er ins Zimmer zurückkam und die Spinne sah. Er konnte sehr albern sein.  

Picassos langjährige Lebensgefährtin Françoise Gilot hatte ihn gerade verlassen. In ihren Memoiren vermutet sie, Picasso habe sie eifersüchtig machen wollen, indem er Sie malte. Haben Sie keinen Verdacht geschöpft, dass es ihm nicht nur um Kunst geht?

Als junge Frau hat man ein Gespür dafür, ob Männer zweideutige Absichten haben oder nicht. Und Picasso wusste, dass ich sofort weggelaufen wäre, sobald er etwas Unanständiges getan hätte. Er hat schon an der Türschwelle gemerkt, dass ich ein sehr ernster Mensch war.

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Auf das Gemälde, das ihr Picasso einst schenkte, hatte der Künstler eine persönliche Widmung geschrieben. Allerdings habe er, erklärte Lydia Corbett achselzuckend Malte Herwig, ihren Vornamen falsch geschrieben. Sie selbst schrieb Herwigs Namen dann auch falsch auf eine Postkarte: Alte statt Malte.

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