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aus Heft 05/2014 Kunst

»Picasso hat mich vergöttert«

Seite 2: »Wir hatten nie Sex miteinander, das macht es einfacher, nicht wahr? Sex macht doch alles kompliziert im Leben.«

Malte Herwig (Interview) 

Sylvette David wurde 1934 in eine Künstlerfamilie in Paris geboren. Ihre englische Mutter war Malerin, der französische Vater führte eine Galerie an den Champs-Élysées. Es war ihr Vater, der Sylvette dazu riet, einen Pferdeschwanz zu tragen, nachdem er die Frisur in einem Theaterstück gesehen hatte. Der Umzug nach Südfrankreich brachte sie nach Vallauris, wo die 19-Jährige bald von Picasso entdeckt wurde, dem sie 1954 drei Monate lang Modell stand. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe fand David zu Gott, zog nach England, ließ sich auf den Namen Lydia taufen und begann im Alter von 45 Jahren selbst zu malen. Ihre Bilder werden von der Francis Kyle Gallery in London verkauft.

Marie-Thérèse Walter, Dora Maar, Françoise Gilot, Jacqueline Roque - sie alle wurden von Picasso gemalt und verführt. Wollen Sie behaupten, der größte Casanova der Kunstgeschichte habe es bei Ihnen nicht mal auf einen Versuch ankommen lassen?
Natürlich hat er es versucht. Einmal führte er mich in einen kleinen Raum im ersten Stock, der wie aus einem Gemälde von van Gogh aussah. Dort standen nur ein Tisch, ein Stuhl und ein Bett. Plötzlich hüpfte Picasso auf das Bett und forderte mich auf, auch hinaufzuspringen. Ich habe mich natürlich geweigert.

Sie waren jung und brauchten Geld. Aber als Picasso Ihnen ein Honorar anbot, lehnten Sie ab. Warum?
Ich hatte Angst, er würde im Gegenzug von mir verlangen, dass ich ihm für Aktporträts Modell stehe. Aber ich wollte ihm meinen Körper nicht zeigen. Ein paar Tage später betrat ich sein Studio und sah, dass dort ein Nacktporträt von mir stand. Picasso grinste verschwörerisch und sagte: »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.« Natürlich wusste ich, was er vorhatte. Er dachte, ich gebe nach und ziehe mich aus. Aber ich sagte nur: »Es ist mir eine Ehre, so ein wundervolles Porträt.«

Haben Sie es je bereut, nicht auf Picassos Avancen eingegangen zu sein?
Wir hatten nie Sex miteinander, das macht es einfacher, nicht wahr? Sex macht doch alles kompliziert im Leben.

Ihre Sitzungen verliefen also immer nüchtern?
Wir haben während der Sitzungen nie gesprochen oder getrunken. Nichts! Picasso hat immer nur Gitanes geraucht. Eines Tages zeigte er mir einen riesigen Haufen leerer Zigarettenschachteln, die er auf dem Fußboden zu einer Pyramide gestapelt hatte, und sagte stolz: »Schau, wie viel ich geraucht habe.« Dann kaufte er mir amerikanische Zigaretten und legte sie auf den Tisch neben mir, damit auch ich während unserer Sitzungen rauchen konnte.

Sie sind auf keinem Bild mit Zigarette zu sehen.    
Ich bitte Sie! Er hat die Zigaretten natürlich ausgelassen. Man malt keine Leute mit Zigaretten.

Was ist mit den Rauchern und Absinth-Trinkern aus Picassos Blauer Periode?
 
Mag sein, aber eine schöne Frau malt man nicht mit Zigarette! Picasso liebte Schönheit. Und er war auch mit 73 ein sehr gut aussehender Mann. Er roch immer nach Eau de Toilette, war stets glatt rasiert und braun gebrannt und hatte diese wunderbaren schwarzen Augen.

Françoise Gilot bezeichnete sie einmal als »Basiliskenaugen«, weil Picasso auch mit Blicken töten konnte …
Mir hat es nichts ausgemacht, wenn er mich angeschaut hat. Wenn ich ehrlich bin, bereue ich heute, dass ich mich nicht ausgezogen habe. Dann gäbe es doch jetzt einen schönen Akt von mir, nicht wahr? So gibt es nur die Porträts. Ich durfte mir nach den drei Monaten bei ihm ein Ölgemälde und eine Zeichnung aussuchen, die er von mir gemacht hatte. Ich entschied mich für das realistischste Porträt, leider. Heute würde ich ein kubistisches nehmen. Aber als junger Mensch hat man noch keinen Geschmack.

Was ist aus dem Gemälde geworden?
Ein amerikanischer Arzt hat es in den Sechzigerjahren für 10 000 Pfund gekauft. Toby und ich hatten damals sehr wenig Geld. Ich habe geweint, als ich das Bild verkaufen musste. Der Amerikaner sagte, er habe keine Familie, und versprach, dass ich es nach seinem Tod wiederbekommen würde. Später erkrankte er wohl an Demenz und vergaß sein Versprechen.

Haben Sie es je wiedergesehen?
Ja, vor sechs Jahren. Ich bekam einen Anruf von einem Mann aus London, der mein Porträt für viele Millionen Pfund gekauft hatte. Er lud mich und meine Familie ein, ihn zu besuchen und es noch einmal zu sehen.  

Was haben Sie gedacht, als Sie Ihr Bild nach einem halben Jahrhundert wiedersahen?
Ich habe gar nichts gedacht. Ich habe geweint, als ich die 19-jährige Sylvette sah. Denn es hat mich daran erinnert, was unwiederbringlich verloren ist.

Ist das nicht ein schrecklicher Gedanke?
Es ist, wie wenn jemand stirbt. Meine Mutter ist gestorben, mein Vater ist gestorben, alle sind fort. Und ich werde die Nächste sein. Das Bild ist unsterblich. Die 19-jährige Sylvette ist unsterblich. Jemand hat mir neulich gesagt: Lydia, du bist Picassos Mona Lisa.

Sie sind die wohl einzige Malerin der Kunstgeschichte, die alle ihre Gemälde gleichzeitig mit zwei Namen signiert: Sylvette David und Lydia Corbett. Warum?
Ich habe mich mit 36 Jahren taufen lassen und heiße seitdem Lydia. Aber die kleine unschuldige Sylvette ist immer noch da und ein Teil von mir. Deshalb male ich auch gern Selbstporträts mit meinen zwei Gesichtern: Sylvette mit dem Pferdeschwanz und Lydia mit den Stirnlocken.  

Haben Sie Picasso je wiedergesehen?

Nur einmal. 1965 besuchte ich ihn mit meinem Mann und meiner Tochter Isabel. Der Schriftsteller Pierre Daix war auch dort und Picasso sagte zu ihm: »Nun ja, das Gemälde ist stärker als Sylvette.«

Pardon, das ist nicht sehr charmant.
Nein, aber es ist die Wahrheit. 1965 sah ich immer noch gut aus, aber ich war nicht mehr die Sylvette, die er gemalt hat. Ich war reifer geworden.

Wie lange haben Sie den berühmten Pferdeschwanz eigentlich behalten?
Von 1949 bis 1962. Danach habe ich die Haare wie Brigitte Bardot getragen.

(Fotos: François Pages / Paris Match via Getty Images, VG Bild-Kund, Bonn 2013; Isabel Coulton; Pablo Picasso, Sylvette, 1954, Öl auf Leinwand © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2013. Abbildung aus dem Buch Picasso und das Modell Sylvette, Sylvette, Sylvette, Prestel Verlag)
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Auf das Gemälde, das ihr Picasso einst schenkte, hatte der Künstler eine persönliche Widmung geschrieben. Allerdings habe er, erklärte Lydia Corbett achselzuckend Malte Herwig, ihren Vornamen falsch geschrieben. Sie selbst schrieb Herwigs Namen dann auch falsch auf eine Postkarte: Alte statt Malte.

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