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aus Heft 10/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Beruflich gehe ich meinem Traum nach, was nicht den Karrierevorstellungen entspricht, die meine Eltern für mich erhoffen. Muss ich sie regelmäßig besuchen und mich fortwährender Kritik aussetzen?

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»Meine Eltern missbilligen sehr, dass ich nun mit 26 von einem Teilzeitjob als Lehrerin lebe und mein lang ersehntes, bisher ihretwegen aufgeschobenes Kunststudium finanziere. Dennoch verlangen sie, dass ich sie häufiger treffe. Bin ich moralischdazu verpflichtet, auch wenn ich mich dabei jedes Mal starker persönlicher Kritik aussetzen muss?«  Mia B., Frankfurt

In seiner Nikomachischen Ethik stellt Aristoteles fest, dass zwischen Eltern und Kindern eine asymmetrische Zuneigung bestehe. Die Eltern hätten nicht nur deshalb eine intensivere Beziehung zu den Kindern, weil sie sie von Anfang an liebten, während Kinder das umgekehrt erst mit dem Beginn von Wahrnehmung und Verstehen täten. Vor allem würden Eltern ihre Kinder als »von ihnen herkommend«, also als einen Teil von sich selbst lieben: »Die Eltern lieben also die Kinder wie sich selbst (denn was von ihnen abstammt, ist wie ein anderes Exemplar von ihnen, das sich abgelöst hat)«. Das könnte die Kritik erklären, die Ihre Eltern an Ihnen üben, weil sie Ihr Leben als Teil ihres eigenen Lebens ansehen und Ihre Entscheidung somit als Angriff darauf empfinden.

Nur wie lässt sich das lösen? Auch dafür findet sich etwas bei Aristoteles: »Wenn aber die Kinder den Eltern das gewähren, was ihnen zusteht, und die Eltern den Kindern, was denen zusteht, dann entsteht daraus eine dauerhafte und tugendhafte (gute) Freundschaft.«

Aristoteles meinte damit zwar, dass Art und Stärke der Zuneigung in den beiden Richtungen unterschiedlich sind, mir geht es hier jedoch um die zugrundeliegende Idee, dass es eben etwas gibt, was der eine von dem anderen erwarten kann, und deshalb im Umkehrschluss anderes, was nicht dazugehört. Diese beiden Bereiche sind voneinander abgegrenzt. Und nur wenn diese Abgrenzung der Personen und dessen, was dem anderen jeweils zusteht, beachtet wird, kann ein gutes Verhältnis entstehen.

Ihren Eltern stehen Dankbarkeit und Zuneigung zu, Ihnen umgekehrt ebenso Zuneigung, aber auch die Achtung als eigenständige Persönlichkeit. Wenn Ihre Eltern dem zuwiderhandeln, sind sie es, die ein gutes Verhältnis verhindern und dann können Sie als erwachsene Tochter nicht verpflichtet sein, sich dem ständig auszusetzen.

Literatur:
 

Aristoteles’ Ausführungen finden sich im VIII. Buch seiner Nikomachischen Ethik.

 

Dort stellt er gleich in den ersten Absätzen fest, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern eine Form der Freundschaft ist:

 

„Ja, die Natur selbst scheint sie [die Freundschaft] dem Erzeuger gegen das Erzeugte, und umgekehrt, eingepflanzt zu haben, nicht nur unter den Menschen, sondern auch unter den Vögeln und den meisten anderen Tieren“ (1153a 16-19)

Online nachzulesen hier.

 

Später stellt Aristoteles klar, dass die „Freundschaft“ der Mutter zu den Kindern mehr im Lieben als im Geliebtwerden besteht:

 

„Das zeigen die Mütter, deren Freude es ist, zu lieben. Manche Mütter lassen ihre Kinder von anderen ernähren und schenken ihnen bewußte Liebe, verlangen aber keine Gegenliebe, wenn beides zusammen nicht sein kann, sondern halten sich schon für glücklich, wenn sie nur sehen, daß es ihren Kindern gut geht, und sie haben sie lieb, auch wenn diese aus Unwissenheit ihnen nichts von dem erweisen, was der Mutter gebührt.“ (1159a 27-32)

Online nachzulesen hier.

 

Das Zitat zur asymmetrischen Liebe zwischen Kindern und Eltern lautet im Zusammenhang:

 

„Die Eltern lieben nämlich ihre Kinder wie ein Stück von sich selbst und die Kinder hinwieder ihre Eltern als die, denen sie ihr Dasein verdanken. Die Eltern wissen aber besser, wer als Kind von ihnen abstammt, als die Kinder, daß sie von ihnen abstammen. Und der Erzeuger steht dem Erzeugten näher, als das Werk seinem Urheber und das Gezeugte seinem Erzeuger steht. Denn was von einem herkommt, gehört dem zu eigen, von dem es ist, wie jedem Menschen seine Zähne, seine Haare oder sonst was zu eigen gehören, dem Erzeugten aber gehört der Erzeuger nicht zu eigen, oder doch weniger. Aber auch die Länge der Zeit begründet einen Unterschied, indem die Eltern ihre Kinder gleich von ihrer Geburt an lieben, diese aber jene erst im Verlauf der Zeit, wenn sie Verstand bekommen oder doch schon so weit beobachten, daß sie ihre Eltern von anderen Leuten unterscheiden. Daraus sieht man auch, warum die Mütter ihre Kinder mehr lieben als die Väter.

 

Die Eltern lieben nun ihre Kinder gleichsam als sich selbst – denn die von ihnen abstammen, sind durch die Trennung so zu sagen ihr anderes Selbst –, und die Kinder ihre Eltern, als von ihnen geboren; “ (1151b 16-29)

Online nachzulesen hier.

 

(jeweils in der Übersetzung von Eugen Rolfes, Felix Meiner Verlag Leipzig 1911, zitiert nach Projekt Gutenberg
http://gutenberg.spiegel.de/buch/2361/1)
 

Gute Übersetzungen der Nikomachischen Ethik gibt es in Buchform von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolf im Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 2006

 

Lesenswert:

 

Otfried Höffe (Hrsg.), Aristoteles, Nikomachische Ethik. Klassiker Auslegen, Akademie Verlag, Berlin 3. Auflage 2010

Darin insbesondere: Anthony Price, Friendship (XIII und IX), S. 229-252

 

Weiterhin empfehlenswert zum Nachschlagen:

 

Christoph Rapp, Klaus Corcilius (Hrsg.), Aristoteles-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2011

 

Otfried Höffe (Hrsg.), Aristoteles-Lexikon, Kröner Verlag, Stuttgart 2005

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