bedeckt München 26°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 12/2014 Fernsehen

Jetzt oder nie

Stefan Niggemeier  Fotos: Thomas Rabsch

Der Moderator Jan Böhmermann macht großartiges Fernsehen - für ein verschwindend kleines Publikum. Mit ihm wartet eine ganze Generation von Erneuerern auf ihre große Chance. Aber die Senderchefs sträuben sich. Warum?

Anzeige
Das Phänomen Böhmermann: Den Bart hat nur er - nie seine Witze.


Neulich hat sich der Unterhaltungschef des ZDF über Jan Böhmermann geäußert, und was er sagte, hätte man fast als Aussicht auf eine berufliche Perspektive in seinem Sender missverstehen können. Er nannte den 33-jährigen Moderator einen »großartigen Kollegen, Produzenten und Künstler«. Und über seine Sendung Neo Magazin, die im kleinen Schwes-tersender des ZDF läuft, sagte er: »Wenn das Format bei ZDFneo mal eine lange Strecke durchhält, auf der etwas aufgebaut werden kann, dann ist der Schritt ins Hauptprogramm ein möglicher.« Man kann die angestrengt ungefähre Konditionalkonstruktion eigentlich nur so interpretieren: Dazu wird es nie kommen.

Das ist blöd für Jan Böhmermann, viel blöder aber noch für das ZDF. Und so ist dies nicht nur die Geschichte von jemandem, der im vergangenen Jahr von der Presse zum »Hoffnungsträger« des deutschen Fernsehens erklärt wurde. Sondern auch die, wie das deutsche Fernsehen solche Hoffnungen immer wieder enttäuscht.

Das Neo Magazin ist die vielleicht verschwenderischste Sendung im deutschen Fernsehen: die größte Mühe für das kleinste Publikum. In guten Wochen enthält sie schon in den Eröffnungsszenen mehr Ideen und Leidenschaft als anderswo ganze Programmabende. Opulent inszenierte Musical- oder Filmparodien. Oder ein animiertes Riesenwimmelbild des Illustrators Christoph Hoppenbrock, das vor Anspielungen auf Inspirationsquellen für die böhmermannsche Fernsehunterhaltung aus allen Nähten platzt.

Böhmermann ist eigentlich kein Nachwuchstalent mehr. Er hat als Moderator und Komiker bei mehreren ARD-Radiosendern gearbeitet, bekam eine kleine WDR-Show, verlud Menschen auf RTL, arbeitete für Harald Schmidt, macht Comedy in Büchern, mit Hörspielen, auf Bühnen. In diesen Tagen tritt er wieder mit einem Solo-Programm auf, es heißt Schlimmer als Jan Böhmermann, außerdem moderiert er jeden Sonntag eine Radiosendung im RBB mit Olli Schulz.

Die Hoffnungsträgerwerdung begann vor zwei Jahren mit der talk-showkritischen Talkshow Roche & Böhmermann auf ZDFkultur, die wenige sahen und viele liebten. Anfang 2013 war seine Co-Moderatorin Charlotte Roche sehr plötzlich ausgestiegen, nachdem beim Deutschen Fernsehpreis die Produzenten, aber nicht die Moderatoren ausgezeichnet worden waren. Was blieb, war die Zusammenarbeit von Böhmermann mit der Produktionsfirma Bildundtonfabrik.

Ihr Studio liegt im Kölner Stadtteil Ehrenfeld inmitten einiger unansehnlicher Gewerbegrundstücke. Böhmermann sitzt im Kapuzenpulli im Besprechungszimmer, das wie die Wohnküche einer WG wirkt. Ein lustiges Motto für die nächste Sendung wird gesucht. Kann man schon eine Pointe wagen über Philip Seymour Hoffman, der zwei Tage zuvor gestorben ist? »Er wurde mit Naddel im Arm im Badezimmer gefunden«, geht der Witz, über den sich Böhmermann die ganze Zeit schon amüsiert. »Tragödie plus Zeit ist Komödie«, zitiert er Woody Allen. »Fahr mal mit der Zeitmaschine eine Woche in die Zukunft und sag, ob es da schon lustig ist.«

Böhmermann hat bei Harald Schmidt gelernt. Er beherrscht das ganze Repertoire der Uneigentlichkeit. Jedes Scheitern lässt sich mit einer ironischen Geste als Gelingen verkaufen. »Aber man kommt nicht ewig mit der Ironie weiter«, sagt er, »irgendwann ist Schluss.«

Im Februar war die Sängerin Judith Holofernes zu Gast im Neo Magazin. Also produzierte das Team eine neue Version ihrer Single Liebe Teil 2, in der sie beschreibt, wie ein erschöpftes Paar gemeinsam die Kinder erzieht. Böhmermann tauchte in dem Musikvideo als genervter Ehemann auf und sang ihr dazwischen, was nicht nur lustig aussah, sondern einen ernsten Widerspruch bildete zu dem, was er für eine lebensferne Illusion privilegierter Berlin-Mitte-Eltern hält. Bierdosenwerfend brachte er da Zeilen unter wie: »Deine schlechte Laune schiebe ich der Emanzipation in die Schuhe.«

Er scheut auch nicht den Nahkampf. Als David Garrett zu Gast im Neo Magazin war und einen schrecklich peinlichen Trailer für seinen Film Der Teufelsgeiger über Paganini mitbrachte, drehte Böhmermann seine eigene Version: »Der Satanstrianglist«, in der er sich über den Trailer und Garrett und sein ganzes Gehabe lustig machte. Während der ihm gegenübersaß.

Für einen vermeintlichen Dauerironiker ist erstaunlich vieles von dem, was er macht, echt, und von dem, was er sagt, wahr. Dass Sky Du Mont bei ihm nur einen sehr kurzen Auftritt hatte, den er überwiegend damit verbrachte, über die Produktionsfirma zu schimpfen, die es nicht schaffe, Zeitpläne einzuhalten, lag daran, dass es genau so war. Andererseits ist so ein Mini-Mini-Eklat mit einem verärgerten Sky Du Mont mindestens so unterhaltsam wie ein Fernsehgespräch mit Sky Du Mont über, sagen wir, Sky Du Mont.
Anzeige

Seite 1 2

Stefan Niggemeier ist nicht sicher, ob er Böhmermann den Grimme-Preis wünschen soll. Nach dem Deutschen Fernsehpreis für Roche & Böhmermann trennten sich die Beteiligten im Streit; und als die RTL-Satire TV-Helden, in der Böhmermann einer der Protagonisten war, 2009 den Deutschen Fernsehpreis bekam, war sie schon eingestellt.

  • Fernsehen

    »Ich bin kein Freund der Doppelmoderation«

    Sie interessiert sich für ernsthafte Gespräche. Er möchte Sackhüpfen. Ein Gespräch mit dem wohl unterschiedlichsten und wahrscheinlich besten Moderatorenduo des deutschen Fernsehens.

    Von Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler
  • Anzeige
    Fernsehen

    »Ich sagte, pfff, Herr Dietl, das muss ich mir erst überlegen«

    Im Münchner Hofgarten schien die erste Frühlingssonne, als sich das SZ-Magazin hier zu einem besonderen Interview traf: Senta Berger und Mario Adorf schwelgten in Erinnerungen an »Kir-Royal«-Regisseur Helmut Dietl.

    Von Thomas Bärnthaler
  • Fernsehen

    Die Rache des Bergdoktors

    Schneeweißer Schnee, blühende Geranien – seit neuestem steht unsere Autorin auf Heimatfilme. Und konnte damit in ihrer Familie einen kaum für möglich gehaltenen Erfolg erreichen.

    Von Nataly Bleuel