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aus Heft 22/2014 Familie

Nicht auf den Schoß nehmen!

Max Fellmann  Fotos: Marek Vogel

Viele Eltern halten männliche Kindergärtner für potenzielle Pädophile – und würden ihnen die Nähe zu ihren Kindern am liebsten verbieten. Über das Leben mit einem ungeheuerlichen Generalverdacht.

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Sitzt das Mädchen zu nah? Schaut der Erzieher den Jungen zu intensiv an? Im Kita-Alltag genügen schon kleinste Signale, um Eltern misstrauisch zu machen.



Zum Beispiel Daniel aus Hamburg. Er sagt, er hatte eine schöne Kindheit, er wollte etwas weitergeben. Er war 21 und fand, Erzieher sei der ideale Beruf für ihn. Drei Jahre Ausbildung, schlecht bezahlt, trotzdem, es ging ihm ja um was. Es dauerte keine vier Wochen, da sprach ihn eine Mutter an: Es sei ihr, ehrlich gesagt, nicht recht, wenn er ihre zweijährige Tochter auf den Schoß nehme. Sie fühle sich bei dem Gedanken einfach nicht wohl, er, als Mann, mit ihrem Kind. Nichts für ungut. Heute, zwei Jahre später, sagt Daniel: »Das war ein Schock. Ich habe lang gebraucht, mich davon zu erholen.«

Zum Beispiel Florian aus Mannheim. Ein gut gelaunter Typ, eben 28 geworden, den die Kinder lieben. Es ist nicht lang her, da kam er am Tag nach dem Elternabend in die Kita, in der er arbeitet, und seine Chefin, eine sensible, eine vorsichtige Frau, erklärte ihm, dass er ab sofort die Kinder nicht mehr wickeln dürfe. Wunsch der Eltern. Weil: zu viel Nähe. Weil: zu viel Nacktheit. Florians Kolleginnen zuckten dazu hilflos mit den Schultern. Florian lächelt unsicher und sagt: »Ich habe das so hingenommen. Aber ich habe mich sofort gefragt, welche Verbote wohl als Nächstes kommen.«

Zum Beispiel Sascha aus Potsdam. 31 Jahre alt, sehr sanft, er war der erste männliche Erzieher in seinem Kindergarten. »Wenn ich Eltern angesprochen habe, wurde ich anfangs ignoriert, die wollten lieber mit den Kolleginnen reden«, erzählt er. »Und wenn eine Mutter gehört hat, ›Sascha hat heute Ihr Kind umgezogen‹ – dann habe ich eisige Blicke geerntet.« Dabei waren die Kolleginnen froh, ihn zu haben: endlich einer, der mit den Jungs richtig raufte, einer, der selbst den größten Spaß am Rumtoben hatte. »Aber schließlich hat eine Mutter zu meiner Chefin gesagt, der Mann kommt meinen Kindern zu nahe, das ist mir unheimlich, Schluss damit.«

Keiner der drei Männer möchte unter seinem vollen Namen von seinen Erfahrungen erzählen. Denn auch wenn es niemand in diesen Beispielen explizit ausgesprochen hat – es geht in jedem einzelnen Fall um den schlimmsten denkbaren Vorwurf: den Verdacht auf Kindsmissbrauch. Wenn Eltern den männlichen Erziehern sagen, haltet bitte Abstand, dann heißt das: Im Grunde rechnen wir damit, dass ihr euch an unseren Kindern vergreift.

Das Problem ist neu. Weil männliche Erzieher neu sind. Im Grunde gelten sie immer noch als Exoten. Obwohl seit den bewegten Siebzigerjahren die Gleichberechtigung als Prinzip mit zwei Richtungen diskutiert wird: Genauso, wie Frauen klassische Männerberufe ausüben, versuchen es auch Männer in traditionellen Frauenberufen. Noch dazu belegen ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur, wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird (siehe Interview auf Seite 3).

Also suchen Kindergärten und Kindertagesstätten dringend nach männlichen Mitarbeitern. Das Familienministerium legt seit Jahren Förderprogramme auf, sie heißen »Neue Wege für Jungs« (seit 2005) oder »Boys’ Day« (seit 2011) und sollen laut Ministerium »die Berufswahlorientierung junger Männer erweitern«. Außerdem hat das Ministerium vor vier Jahren an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin die »Koordinationsstelle Männer in Kitas« eingerichtet, die mit Informationsveranstaltungen, Broschüren und Werbung ein Projekt mit dem Titel »MEHR Männer in Kitas« in 16 Städten vorantreiben soll.

In Deutschland arbeiteten im Jahr 2013 insgesamt 19 055 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Freiwillige und ABM-Kräfte in Kindertageseinrichtungen (reine Schulhorte ausgenommen). Das ist zwar weit mehr als noch vor ein paar Jahren – entspricht aber einem relativen Männeranteil von gerade mal vier Prozent. Es ist nicht leicht, Jungs für den Job zu gewinnen. Er ist dramatisch unterbezahlt, Kinderpfleger verdienen zwischen 1500 und 2100 Euro brutto im Monat. Der Job bietet, abgesehen von der Aussicht auf eine Kita-Leitung, kaum Aufstiegschancen. Dass der Beruf des Erziehers attraktiver werden muss, geben sie sogar beim Familienministerium zu. Zitat aus einer Broschüre des Ministeriums: »Die drei- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung für den Beruf ist alles andere als attraktiv. Auch das ist ein Grund, warum besonders Männer sich gegen diesen Beruf entscheiden. Gerade angesichts des enormen Stellenwerts dieser Ausbildung für die Gesellschaft muss hier nachgebessert werden.«

Wer sich diesen Job aussucht, muss ein Idealist sein. Für Männer, die Exoten, gilt das erst recht. Aber wenn ein Mann den Sprung wagt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihm das Berufsleben nach kürzester Zeit zur Hölle gemacht wird. Die Sorge der Eltern ist immer die gleiche: Könnte der junge Mann, der sich da so freundlich um mein Kind kümmert, finstere Absichten haben? Könnte es sein, dass der den Job macht, weil er sich viel zu sehr für Kinder interessiert? Die Berliner Koordinationsstelle hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, derzufolge vierzig Prozent aller Eltern bei männlichen Erziehern an die Gefahr eines möglichen Missbrauchs denken, bei den Trägern der Einrichtungen, also Geschäftsführern und Vorständen, sind es sogar mehr als fünfzig Prozent.

Jeder zweite hat Bedenken. Das heißt: Männer in Erziehungsberufen sind in Deutschland einem Pauschalverdacht ausgesetzt. Jeder, der mit Kindern arbeitet, so scheint es, könnte im Grunde ein Sexualstraftäter sein. Jeder, der sich mit Kindern balgt, könnte sie unsittlich berühren. Jeder, der Windeln wechselt, kommt Geschlechtsteilen verdächtig nahe. Jens Krabel von der Berliner Koordinationsstelle sagt: »Es kann schon ausreichen, wenn eine einzelne Mutter einen Verdacht gegen Männer als Erzieher oder einen konkreten Mann hegt, um das Thema sexueller Missbrauch in der Kita plötzlich zu einem riesigen Thema zu machen und die Mitarbeiter und anderen Eltern zu verunsichern.«

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Max Fellmann hat bei der Recherche auch mit dem Erzieher und den Erzieherinnen des Kindergarten gesprochen, den seine Tochter besucht. Erfreulich: Keiner von ihnen hat traumatische Erfahrungen gemacht. Fellmann möchte aber die Gelegenheit nutzen, ihnen allen mit einer kleinen Verbeugung für ihre tolle Arbeit zu danken.

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