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aus Heft 24/2014 Technik

Die All-Wissenden

Von Roland Schulz  Fotos: Noah Rabinowitz

Vor 37 Jahren schoss die NASA die Sonden Voyager 1 und 2 ins All. Sie fliegen immer noch. Und in Kalifornien schauen ihnen ein paar alte Spezialisten eisern hinterher: Sie sind die Letzten, die sie noch steuern können. Besuch bei einer sehr besonderen Rentner-Gang.



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Die Bodenstation, von der die Menschheit ihren ersten erfolgreichen Vorstoß in den interstellaren Weltraum befehligt hat, steht zwischen einer Hundeschule und einem McDonalds *1. Fünf Uhr früh. Dienstbeginn. Draußen ist es noch dunkel, als Enrique Medina den Flachbau an einer Ausfallstraße von Los Angeles aufsperrt und in die Zentrale der längsten Reise der Raumfahrt tritt: acht Bildschirme, zwei Drehstühle, eine Wanduhr, gleich beim Kopiergerät. Einsatztag 13 325 hat begonnen.

Medina, ein knorriger Mann, klinkt sich in den Sprechverkehr, kurzes Knarzen, Stimmen. »Goldstone«, flüstert er. Dort, mitten in der Mojave-Wüste, stehen die Satellitenschüsseln, die über das Sonnensystem wachen. Medina meldet sich, Mission, Rufzeichen *2, Name, dabei braucht er keine Kennung mehr. Sobald seine Stimme aus den Lautsprechern dringt, wissen sie in der Wüste: Enrique ist dran, der dienstälteste Raumlotse unserer dienstältesten Raumsonden.

Auf einer Feuersäule stieg Voyager 2 in den Himmel, schoss mit 40 000 Stundenkilometern aus der Atmosphäre, erreichte Fluchtgeschwindigkeit und war frei von der Erde: Es war der 20. August 1977 – Einsatztag 1.

Medina steuert die Sonden seit 29 Jahren. Er ist 65, das ist Durchschnitt nach den Maßstäben der Mannschaft. Der Leitende Wissenschaftler ist 78. Der Programmierer 77. Der Leitende Ingenieur lacht nur, wenn man sein Alter wissen will.

Die Sonden fliegen seit 37 Jahren. Sie sind 32 Jahre über ihrer garantierten Laufzeit. Ihnen geht langsam die Energie aus, alle halbe Milliarde Kilometer bockt ein Bauteil, oder der Bordcomputer spinnt, die Ausleger der Sensoren sind steif und die Kameras blind.

Ihre Mannschaft ist aber zuversichtlich. Die Sonden machen es noch zehn Jahre, sagen sie, mindestens. Die Gutachter der NASA, die alle Missionen auf Gefahren abklopfen, wagen die daraus folgende Frage kaum auszusprechen: Wer gibt zuerst den Geist auf, Mensch oder Maschine?

An der Spitze einer Rakete des Typs Titan hob Voyager 1 ab, ließ die Erde links liegen und jagte ihrer Schwestersonde hinterher: eine mehr als 175 Millionen Dollar teure Maschine mit Parabolantenne, Radioisotopen-Batterie, semiautonomer Steuerung und beheizbaren Bordsystemen, einem Tank voll Hydrazin, acht redundanten Schubdüsen, Sonnensensor und einer goldenen Schallplatte, die in 55 Sprachen grüßte und Johnny B. Goode *3 spielte – Einsatztag 16.

Zigarette. Zigarette wäre gut jetzt. Geht aber nicht. Sie dürfen schon seit Saturn nicht mehr in der Zentrale rauchen. Seit Uranus nicht mehr in ihren Büros. Medina muss immer hinters Haus auf den Parkplatz. Aber nicht jetzt. Er ist allein in der Zentrale. Vor seinen Augen schimmern die Bildschirme; dahinter gähnen im Dunkel, von grauen Stellwänden abgetrennt, die Büros der anderen. Sind nicht viele. An der Decke alte Schilder, die einst auf ganze Abteilungen hinwiesen, aber das ist vorbei. Sie sind nur noch zu zwölft. Die Schilder nahmen sie mit, als man sie aus dem Hauptgelände des Jet Propulsion Laboratory *4 auslagerte; erst in eine Einkaufsstraße, dann in diesen Flachbau. Medina wartet. Die Wanduhr tickt. Die Wanduhr zeigt Weltzeit, danach richtet sich die Raumfahrt. Dann ist es soweit. Manöver-Einweisung.

»DSS-14«, sagt Medina und ruft damit die Wüste, »Minimumpeilung deaktivieren Dreizehn-fünfzig, kommen.« Es ist seltsam: Gerade eben saß da noch ein grauhaariger Herr im Rentenalter in der Zentrale – aber jetzt ist da diese Stimme, »… Rolle 70 Grad negativ … Sichtlinie Erde … AAI und Lage halten …«, so heiser und rau, sie könnte einem Kinohelden gehören, »… Observation auf Alphateilchen …Rolle 290 Grad negativ …«, und wer schnürt da wie ein Fuchs auf und ab, am Handgelenk eine Goldkette wie ein Gangster, um den Hals einen Schal wie ein Tänzer?
Medina.
»… und Rückkehr Marschflug, verstanden?«

Sie waren schon auf dem Weg zum Jupiter, da drehte Voyager 1 zum Abschied den Arm seiner Kamera zurück und schoss aus einer Entfernung von fast zwölf Millionen Kilometern das erste Selbstporträt der Erde mit ihrem Mond – eine schmale blaue Sichel in der Finsternis, hinter der ein kleiner Halbmond kauerte: Einsatztag 28.

Als die Sonne aufgegangen ist, treffen die anderen ein, Medina blickt kaum auf, wenn er grüßt. Sie erkennen einander auch so. Wenn es klimpert, ist es Tom Weeks, Lagekontrolle, der einst nach L. A. kam, um Rockstar *5 zu werden; er trägt seine Schlüssel in einem dicken Bund und sein Haar als stolzer Heavy-Metal-Gitarrist noch immer in einer dichten Matte. Die leise Stimme, das ist Larry Zottarelli, der Programmierer; seine Hörgeräte täuschen, keiner kann die Maschinen besser verstehen. Da, Regina Wong, Instrumentendaten, hat damals noch selbst Hand angelegt an die Sonden, hier, Sun Matsumoto, Risikokontrolle, sie hat sie aus Legosteinen im Büro stehen. Und Suzy und Jeff und Glenda und Roger und, unverkennbar an seinem Schritt: Steve Howard, Bodensysteme.

Sie nennen ihn den »Space Cowboy«.

Nein, das hat nichts mit diesem dummen Song *6 der Steve Miller Band zu tun. Das hat mit den Eagles und ihrem Lied über einen einsamen Reiter zu tun, Desperado. Howard, der in Cowboyhut und Stiefeln zum Dienst kommt, liebt dieses Lied. Er findet, die Arbeit auf der Ranch, die darin besungen wird, gleiche der Arbeit an den Sonden im All: ganz allein ganz weit draußen und dauernd was zu flicken am Zaun.

Jetzt erreichten sie Jupiter und schossen im Schwung um den Planeten an seinen Monden vorbei, da war Io, da war Ganymed, da waren Europa und Kallisto und schon schleuderte sie Jupiter mit seiner Schwerkraft wieder in den Weltraum – ein großes Geschenk, denn erst jetzt, nach Jupiter, hatten sie die Geschwindigkeit, um das Sonnensystem hinter sich lassen zu können. Voyager 1 erreichte sie als Erstes und setzte Kurs auf Saturn: Einsatztag 587.
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*1 Nicht zu empfehlen. Die Mannschaft isst gerne in einem Hot-Dog-Grill, in dem es »Holy Aioli«-Burger für 6,99 Dollar gibt.
*2 Traditionell lautet das Rufzeichen des Chefs aller Raumlotsen in der Missionszentrale »ACE«. Haben sie beibehalten, obwohl der ACE seit Jahrzehnten allein ist.
*3 Und aus Bayern: die Arie der Königin der Nacht (gespielt von der Bayerischen Staatsoper unter Wolfgang Sawallisch).
*4 Ein weitläufiges Areal hinter L. A., an dessen Eingang steht: »Welcome to OUR universe«.
*5 Auf youtube.com den Bandnamen »Push« und das Lied »Ballerina + Tom Weeks« eingeben - Tom ist der Mann neben dem Sänger ohne Hemd, der die haut-enge Elastanhose trägt.
*6 »Some people call me the space cowboy …« The Joker


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Auf welche lustige Art Ingenieure abergläubisch sein können, zeigte Roland Schulz das alte Voyager-Handbuch für den Flug zu Neptun: Kapitel 8 widmet sich dem »Großen Galaktischen Ghul«, der hinter allen Problemen im All stehen soll - die Skizze dazu zeigt ein Monster, das Sonden mampft.

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