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aus Heft 26/2014 Gesellschaft/Leben

Eine Wahnsinnsgeschichte

Seite 2: Ein für wahnsinnig befundener, dickköpfiger und etwas schrulliger Mann von 57 Jahren erscheint den meisten Beobachtern glaubhafter als ein System aus Richtern, Staatsanwälten, Gutachtern und Ärzten.

Olaf Przybilla, Uwe Ritzer und Rainer Stadler  Fotos: Julian Baumann



»ICH BIN EIN NÜRNBERGER«

Mitte Dezember, abends um sieben. Gustl Mollath kaut zufrieden auf einer Bratwurst mit Senf. Es ist sein erster Christkindlesmarkt seit acht Jahren. Der Christkindlesmarkt, das ist Nürnberg. Und Mollath ist Nürnberger. Es gibt ein Video aus dem März 2003, auf dem Mollath mit Mikrofon in der Nürnberger Lorenzkirche zu sehen ist. Kirchenbesucher diskutieren über den bevorstehenden Krieg im Irak. Mollath leitet seine Worte ein mit der Bemerkung, er sei »von Nürnberg, ein Bürger«.

Zehn Jahre später nun trägt er einen roten Anorak mit dem Button von König Ludwig II. am Kragen. Den König empfinde er gewissermaßen als seinen frühesten Leidensgenossen, der König sei ja bekanntlich Opfer psychiatrischer Aktengutachten geworden. Auch Mollath beurteilten mehrere Gutachter, ohne je mit ihm gesprochen zu haben. Hat er keine Sorge, dass er mit diesem Button etwas sonderbar wirken könnte? »Möglich«, entgegnet Mollath und zuckt mit den Schultern. Man müsse doch »auch mal was davon haben, wenn man schon offiziell für verrückt erklärt worden ist«, sagt er und lacht.

Nach der Bratwurst spaziert Mollath an den Wurst- und Weihnachtskrambuden vorbei. Es geht nur im Schritttempo voran, überall Menschen. Aber sobald sie Mollath erkennen, treten sie zur Seite, und so tut sich vor ihm eine kleine Gasse auf. An einem Lebkuchenstand heben einige Besucher ihre Hände, als wollten sie gleich losklatschen. Mollath spricht eine Frau auf einem Pferdefuhrwerk an: Er habe ihren Vorgänger gekannt, der auch schon Gäste über den Weihnachtsmarkt kutschierte. Die Frau schaut Mollath an, als habe sie eine Erscheinung.

Für viele ist Mollath zur Erlöserfigur geworden, weil er sich einem System widersetzt hat, das auch sie als ungerecht und arrogant wahrnehmen. Es geht im Fall Mollath nicht mehr um einen Justizskandal, sondern um die Skandaljustiz. Kiloweise hat Mollath Post und Unterlagen von Menschen bekommen, die schilderten, wie sie in ihrem eigenen Kampf für Gerechtigkeit gegen Wände laufen. Und wo immer Mollath unterwegs ist, sprechen ihn wildfremde Menschen an, schütteln ihm die Hand, wünschen ihm alles Gute und zeigen keine Ängste gegenüber einem Mann, den Gerichte und Gutachter für gemeingefährlich befunden haben. Mollath hört stets geduldig zu, lächelt schüchtern und bedankt sich für die Wünsche. Wenn er so vor ihnen steht, der grauhaarige Mann mit seinem Schnurrbart, wirkt er wie die personifizierte Harmlosigkeit. Und berichtet er bei seinen öffentlichen Auftritten über die Zustände in der Psychiatrie, in ruhigen, klaren Worten, sind die Zuhörer meistens bereit, ihm alles zu glauben, obwohl es seine subjektiven Eindrücke sind und er natürlich nicht alles beweisen kann, was er erzählt. Das ist eine Folge des monumentalen Rechtsstreits um Gustl Mollath: Ein für wahnsinnig befundener, dickköpfiger und etwas schrulliger Mann von 57 Jahren erscheint den meisten Beobachtern glaubhafter als ein System aus Richtern, Staatsanwälten, Gutachtern und Ärzten.

Nach dem kleinen Spaziergang hat Mollath sein Ziel erreicht: die Stadtpfarrkirche St. Sebald gleich neben dem Rathaus. Sie ist schon geschlossen an diesem Abend, aber Mollath, der nicht dazu neigt, schnell aufzugeben, rüttelt so lange an verschiedenen Türen, bis eine geöffnet wird – von einem Mann, der Besucher erwartet für eine Nachtführung. Mollath sagt ihm, er wolle die Kirche besichtigen. Der Mann erkennt Mollath sofort und lässt ihn eintreten. »Alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragt er. »Muss ja irgendwie«, antwortet Mollath. Wo Mollath auch hinkommt: Die Menschen, die sieben Jahre lang vor ihm geschützt wurden, nehmen ihn mit offenen Armen auf.

Er geht zielstrebig quer durch das Kirchenschiff, zu einer Stelle in größtmöglicher Entfernung zum Altar. Dort hinten, in einer Ecke des Kirchenraumes, zündet Mollath drei Kerzen an. Das habe er auch schon vor seiner Zeit in der Psychiatrie gemacht. Es helfe, sich zu konzentrieren auf die Dinge, die vor einem liegen, sagt er, ganz gleich, ob man religiös sei oder nicht.

Nach einigen Minuten kommt eine Frau hinzu, die ebenfalls eine Gruppe durch die Kirche führen will. Dass dort hinten um diese Uhrzeit noch jemand sitzt, irritiert sie offenkundig. Sie kommt mit schnellen Schritten näher, hält dann aber inne und fragt: »Sie sind der Herr Mollath, stimmt’s?« Er darf daraufhin kostenlos an der Abendführung teilnehmen.

DER BAUM DES LEBENS

Es war ebenfalls kurz vor Weihnachten, ein paar Jahre zuvor, als ein Pfarrer Datteln für die Insassen der Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth mitbrachte. Aus einigen Kernen der Früchte züchtete sich Mollath eine Zimmerpflanze. Als Humus benutzte er den Inhalt aus Teebeuteln. Und weil das so gut funktionierte, gab Mollath ein paar Orangenkerne hinzu. »Das war hier jahrelang meine Mitgefangene«, sagt er, »die hat einige Zimmerrazzien mitgemacht.« Und deshalb hat er sie auch in die Freiheit mitgenommen, was am Tag der Entlassung dieses seltsame Bild ergab, das durch alle Nachrichten geisterte: der etwas gehetzt wirkende Mollath, mit blauem Poloshirt und einer Topfpflanze in der Hand.

Im Frühjahr 2014 wird die Pflanze, die Mollath bei einem guten Freund zwischengelagert hat, nun umgetopft, von dem »erbärmlichen Klinikplastiktopf«, wie Mollath sagt, in ein größeres Gefäß. Zwei Studentinnen der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, die als Abschlussarbeit einen Film über Gustl Mollath drehen, begleiten den symbolträchtigen Vorgang. Mit der Pflanze, sagt Mollath, »fühlt man sich schon in gewissem Maße verbunden«. Diese ihm eigene Umständlichkeit in der Sprache, diese Distanz macht es schwer nachzuvollziehen, was wirklich in ihm vorgeht. Der Freund, der ihn seit Jahrzehnten kennt, sagt, Mollath habe noch nie zu übermäßigen Gefühlswallungen geneigt. Auch ansonsten habe er sich kaum verändert in den sieben Jahren Psychiatrie. »Schon erstaunlich«, sagt der Freund.

DER PROZESS

Ende Mai 2014 in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Mollath hat darum gebeten, seinen derzeitigen Aufenthaltsort nicht im SZ-Magazin zu nennen. Ihm graut vor der Vorstellung, dass Journalisten und Kamerateams sein Haus belagern könnten. Er braucht Ruhe, um sich auf seinen Prozess vorzubereiten, sein Fall wird neu aufgerollt. Er ist dabei, die Liste der Zeugen zu erstellen, die in Regensburg aussagen sollen. Wieder geht es um die Frage, welche Vergehen Mollath tatsächlich begangen hat, und wieder wird er psychiatrisch begutachtet. Wie soll er sich gegenüber dem Gutachter verhalten, der ihn während des Verfahrens beobachten wird? Es handelt sich um Norbert Nedopil, einen der erfahrensten Gutachter in Deutschland (SZ-Magazin, Interview vom 31. August 2012). Im Internet hat Mollath gelesen, Nedopil habe während einer Fernsehsendung geäußert, dass Gutachter oft irren würden, in den meisten Fällen zu Lasten des Beschuldigten. Das Risiko, die Allgemeinheit einer Gefahr auszusetzen, wiege für viele Gutachter schwerer. »Und so einem bin ich ausgeliefert!«, erregt sich Mollath.

Er ahnt, dass sein Verfahren »eine schwierige Nummer« wird. Auf »einen kompletten Freispruch« wagt er nicht zu hoffen, das System werde versuchen, »mir irgendwas anzuhängen, um sich selbst reinzuwaschen«. Völlig offen ist, was aus seiner Habe wird. Im Zuge des Rechtsstreits und seiner Entmündigung habe er auch zuschauen müssen, wie er seinen gesamten Besitz verlor. Ein Haus in Nürnberg, das ihm seine Eltern vererbt hatten, 200 Quadratmeter groß, wurde zwangsversteigert und fiel dabei an seine Ex-Frau. Jene Frau also, der Mollath vorgeworfen hatte, im großen Stil Schwarzgeldgeschäfte abzuwickeln. Und die ihn daraufhin anzeigte: Er habe sie wiederholt geschlagen und sogar gewürgt. In dem Haus war alles, was Mollath besaß, Kleidung, Fotos seiner Eltern und Großeltern, »Dinge, die zwei Weltkriege überstanden haben«. Nun hat Mollath nichts mehr außer 26 Kartons voller Papier, Unterlagen und Korrespondenz, die er als emsiger Briefeschreiber in der Psychiatrie anhäufte.

DIE ZUKUNFT

Gustl Mollath hat noch keinen genauen Plan, wie es in seinem Leben weitergehen soll. »Irgendwas mit Fahrzeugen« werde es wohl werden, sagt er, »das ist meine Leidenschaft«. Ein befreundeter Sportwagenhändler hat ihm angeboten, er könne sich um die Oldtimersparte kümmern, Autos in ganz Europa begutachten, ob sich der Kauf lohnt. Ein anderer Freund besitzt eine kleine Flugzeugwerft in Franken, dort könnte er in der Wartung arbeiten. Vielleicht macht er sich sogar selbstständig – das hängt davon ab, ob er eine Entschädigung bekommt und wie hoch sie ausfällt. Und ob er ein Filmprojekt annimmt, er verhandelt derzeit mit mehreren Produktionsfirmen, die seine Geschichte gern verfilmen würden. Und ja, ein Buch will er schreiben, es sei noch so vieles unerzählt, findet er: »Die Bandbreite möglicher Willkür muss einfach dargestellt werden.« Ob er sich dann als freier Mensch fühlen darf, entscheiden andere: Sein Wiederaufnahmeverfahren am Landgericht Regensburg beginnt am 7. Juli.

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Allen Lesern, die am Wiederaufnahmeverfahren im Fall Mollath interessiert sind, empfehlen Olaf Przybilla, Uwe Ritzer und Rainer Stadler die Liveberichte der SZ-Onlineausgabe: www.sz.de/mollath. Und natürlich wird auch die Zeitung den Prozess ausführlich verfolgen.

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