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aus Heft 35/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unser Leser fährt mit einem psychisch labilen Freund in den Urlaub. Die Ferien sind mies. Soll er trotzdem im Nachhinein die Reise bei gemeinsamen Freunden beschönigen, um den Freund zu schützen?

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»Ich war kürzlich mit einem meiner besten Freunde im Urlaub. Leider hat er gerade eine totale Psychokrise durchlebt und mir den Urlaub damit gehörig versaut. Wie reagiere ich nun, wenn ich von gemeinsamen Bekannten auf den Urlaub angesprochen werde? Soll ich antworten: ›Tolles Wetter und viel Entspannung‹ und die anderen Freunde ein Stück weit belügen - oder die Wahrheit sagen?« Patrick L., Stuttgart

Manchmal hat man Glück im Unglück. Natürlich wäre ein Urlaub ohne Krise schöner gewesen, aber so hatten Sie beide eben noch Glück im Unglück. Ja, beide. Ihr Freund sowieso, denn wenn man schon eine Psychokrise durchleben muss, dann doch wohl am besten, wenn man einen seiner besten Freunde dabei hat. Und auch für Sie ist es gewissermaßen ein Glück, denn wenn schon einer Ihrer besten Freunde eine derartige Krise durchleben muss, sollte es Ihnen doch auch recht sein, dass Sie dabei sein können, um ihm zu helfen - selbst wenn es den Urlaub verdirbt. Michel de Montaigne schrieb in seinen Essais davon, »den Freunden die Gunst und Gefälligkeit zu erweisen, sie für seine Bedürfnisse in Anspruch zu nehmen«. Falls Sie keinerlei Hang verspüren, Ihrem Freund beizustehen, sollten Sie überlegen, ob Sie sich wirklich als beste Freunde bezeichnen wollen. Und was Dritten sagen, von denen Sie auf den Urlaub angesprochen werden? Das kommt darauf an, wer fragt. Es gibt kein Recht auf umfassende Information über alle Aspekte des Lebens eines anderen, nur weil man fragt. Als Freund sind Sie Ihrem Freund Loyalität schuldig, nicht jedem Fremden Auskunft. Schopenhauer sah in solchen Fällen sogar ein Recht zu lügen, aber das müssen Sie nicht einmal. Es lebe die Diskretion! Wenn ein entfernter Bekannter, den die Psyche Ihres Freundes nichts angeht, sich nach dem Urlaub erkundigt, können Sie wahrheitsgemäß sagen, dass das Wetter gut war. Punkt. Jemandem, der Sie beide besser kennt, können Sie sagen, dass Ihr Freund eine schwierige Zeit hatte. Wenn derjenige dann mehr wissen will, bitten Sie ihn, er möge doch den Freund selbst fragen. Und nur wirklich guten gemeinsamen Freunden gegenüber fände ich es angebracht, offen über die Probleme Ihres Freundes während des Urlaubs zu sprechen.
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Literatur:

Eine schöne Sammlung von philosophischen Texten zur Freundschaft findet sich in dem von Klaus Dieter Eichler herausgegebenen Buch „Philosophie der Freundschaft", Reclam Verlag 1999

Michel de Montaigne, Essais, übersetzt von Hans Stilett, Die andere Bibliothek, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 103.
Eine günstigere Ausgabe dieser neuen Übersetzung gibt es mittlerweile bei dtv
Die zitierte Stelle, die sich auf den Korinther Eudamidas und dessen Testament bezieht, ist in den meisten anderen gekürzten Ausgaben der Essais von Montaigne nicht enthalten.

Arthur Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral, Neuausgabe im Meiner Verlag 2006

Sehr gute Ausführungen zum Recht zum Schutz der Privatsphäre zu lügen finden sich bei : Simone Dietz, Die Kunst des Lügens, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger gewissensfrage@sz-magazin.de

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