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aus Heft 39/2014 Technik

Die Kommunity

Patrick Bauer  Fotos: Winni Wintermeyer

In San Francisco schließen sich Start-up-Gründer und Computergenies zu neuen Wohngemeinschaften zusammen. Wie einst die Hippies träumen sie von einer besseren Welt. Sie meinen damit aber etwas anderes.


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Eric Rogers sitzt im prunkvollen Wohnzimmer des viktorianischen Herrschaftshauses, das er bewohnt, den Laptop im Schoß, und plant die Revolution. Dafür ist er hier, in dieser Wohngemeinschaft in San Francisco, die sich »The Embassy« nennt, weil sie sich als Botschaft versteht, nämlich als die Vertretung der Welt von morgen. Es haben sich zuletzt in San Francisco etwa fünfzig dieser »Techie-Kommunen« gegründet, Häuser, in denen junge Menschen leben, die jeden Monat zu Hunderten in die Stadt strömen, um in der digitalen Welt Karriere zu machen; die Start-ups gegründet haben, Start-ups gründen wollen oder wenigstens für Start-ups oder Geldgeber von Start-ups arbeiten. Sie zahlen bis zu tausend Dollar für ein Stockbett und für die Hoffnung, ihre Träume zu Technik werden zu lassen.

Eric Rogers, 24 Jahre alt, Student der Politischen Theorie und Ökonomie in Yale, bezeichnet sich als Marxist und träumt von einer App. Mit der App sollen Menschen schöne Orte tauschen können: Wer eine tolle Dachterrasse hat, stellt sie anderen Nutzern kostenlos zur Verfügung und bekommt dafür zum Beispiel für einen Sonntagnachmittag einen Privatsteg am See. Die Mitglieder sparen so die Miete für Veranstaltungsorte oder den Eintritt für das Schwimmbad. Geld, das nicht ausgegeben wird, ist für Eric Rogers gutes Geld, die offizielle Wirtschaft werde so geschwächt, hofft er, es entstehe ein Tauschhandel, eine Parallelökonomie.

Rogers ist in San Francisco aufgewachsen, er sagt: »Ich hasse alles, was die IT-Industrie mit meiner Stadt macht.« San Francisco zog schon immer diejenigen an, die ungewöhnlicher waren und lebten, Nordkalifornien gilt seit Jahrzehnten als Sehnsuchtsort für alle, die den Fortschritt suchen, gesellschaftlich und technisch. Firmen wie Apple entstanden aus dieser Gegenkultur. Aber die Firmen der einstigen Außenseiter sind zu Weltkonzernen geworden, und die Stadt ist jetzt vor allem für diejenigen interessant, die aus Fortschritt Geld machen, eine Entwicklung, die Rogers wütend macht. Er hasst, dass der Bürgermeister seiner Heimatstadt mit Steuererleichterungen millionenschwere Firmen wie Twitter oder Dropbox dazu gebracht hat, zu bleiben – das Silicon Valley, dieser endlose Vorort, der das Technologiezentrum der Welt ist, ist längst an San Francisco herangewachsen. Mehr als 5000 Start-ups sind in San Francisco registriert, im Schnitt sind sie 4,6 Millionen Dollar wert und zahlen ihren Mitarbeitern 105 000 Dollar Jahresgehalt. Und wer draußen im Silicon Valley arbeitet, bei Google oder Facebook, der wohnt trotzdem in »The City«, 35 000 Pendler werden jeden Tag mit klimatisierten Bussen in ihre Zukunftslabore gefahren. Eric Rogers hasst, dass die Stadt dadurch zwar für viele Investoren attraktiv geworden ist, aber für viele Menschen auch unbezahlbar. Es interessiert ihn nicht, dass »Snapchat«, die App eines Schulfreunds, zehn Milliarden Dollar wert sein soll. Er hasst die Venture Capitalists, die in San Francisco ihre Büros eröffnet haben, auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, auf das sie rechtzeitig setzen können.

Nur um seinen Traum, diese App, die das Geld auf Dauer überflüssig machen soll, zu programmieren und auf den Markt zu bringen, braucht Eric Rogers gerade: Geld. Dafür muss er potenziellen Geldgebern schlüssig erklären, dass es genug Menschen gibt, die wie er keine Lust mehr auf den Kapitalismus haben. Seine Anti-Profit-App muss profitabel aussehen, das Kapital, auf das gewettet würde, wären die vielen Nutzer der kostenlosen App. Der Kontakt zu ihnen. Ihre Daten. Das Kapital wären Antikapitalisten. Eric Rogers sagt: »Vielleicht kann ich mit meiner App dem gierigen Drachen da draußen etwas zum Fraß vorwerfen, was ihn vergiftet!«

Erics eigener Lieblingsplatz in der Embassy ist der Whirlpool hinter dem Haus. Hier sitzt er, wenn er mal wieder mit dem Widerspruch in seiner Geschäftsidee hadert. The Embassy, 399 Webster Street, liegt nicht weit von den hügeligen Straßenzügen Haight- Ashburys, wo in den Sechzigerjahren der Hippiemythos der Stadt begründet wurde. Aber mit den Kommunen von damals hat das Domizil wenig gemein: Auf 700 Quadratmeter, die monatlich 15 000 Dollar kosten, verteilen sich acht Schlafzimmer und sechs Bäder. Im Hobbyraum steht ein Flügel, im Keller eine Bowlingbahn, die massive Eleganz der antiken Holzmöbel wird nur gebrochen durch die vielen herumliegenden Apple-Ladekabel. Zwölf Dauermieter und immer auch einige Besucher teilen sich das Haus. Morgens kommt eine Rundmail, in der zusammengefasst wird, wer gerade da ist und ob es abends eine Party gibt. Die großen Schlafzimmer kosten inklusive aller Einkäufe bis zu 2000 Dollar pro Monat. Deutlich günstiger sind die Arbeitsplätze im Keller des Hauses, dort sitzt der Mitbewohner Tony Lai in seinem Büro für das Start-up »LawGives«, das allen Menschen auf der Welt einen guten Anwalt vermitteln soll, und wartet auf den Durchbruch. Und auf der Bowlingbahn haben gerade einige Südkoreaner wacklige Schreibtische aufgestellt und ein Sofa, auf dem sie tagsüber den Schlaf nachholen, zum dem sie nachts nicht kommen. Morgens, wenn die meisten Bewohner die Embassy verlassen und Geld verdienen gehen, kommen diese Untermieter und arbeiten daran, eines Tages auch dazuzugehören. Das Scheppern einer Skype-Verbindung aus dem Keller ist tagsüber manchmal das Einzige, das Eric im Haus hört.

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Patrick Bauer wohnte während seiner Recherchen fünf Tage lang in einem Kellerzimmer der Embassy. Für Bauer war das eine Konfrontation mit der Vergangenheit: Als Kind hatte er mit seinen Eltern einige Jahre in einer WG gelebt. Und danach nie wieder.

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