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aus Heft 40/2014 Politik

»Ich glaub, das steht irgendwo im Koran«

Marie Delhaes und Frederik Obermaier  Fotos: Matthias Ziegler

Auch aus Deutschland ziehen junge Menschen für die Terrormiliz IS in den Krieg. Warum? Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

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Auf seiner Mütze und seinem Pullover trägt Erhan A. das Glaubensbekenntnis des Islam: »Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes.«


Die Bilder haben die Welt aufgerüttelt: blutüberströmte Leichen, festgebunden an Holzkreuzen, ausgestellt in einem Kreisverkehr; dazu abgetrennte Köpfe, aufgespießt und ausgestellt. Es sind Bilder aus dem Reich des Islamischen Staats (IS), jener Terrorgruppe, die vor einigen Wochen von Syrien aus in den Irak einmarschiert ist, Armeeposten überrannt und mittlerweile das Kalifat ausgerufen hat: eine Diktatur im Namen Allahs. Ihre Anhänger morden, foltern und vergewaltigen, fast zwei Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht, mehr als tausend Menschen soll der Islamische Staat bereits getötet haben.

Insgesamt, schätzen Experten, besteht die Miliz des Islamischen Staats aus mindestens 20 000 Kämpfern. Die Gotteskrieger kommen aus über 80 Ländern – auch aus Deutschland. Mehr als 400 Männer und auch einige Frauen sollen bereits in Richtung Syrien und Irak ausgereist sein, in Islamistenkreisen wird behauptet, es seien noch mehr. Manche von ihnen tauchen bald nach ihrer Ausreise in Propagandavideos auf. Die meisten jedoch bleiben der Öffentlichkeit unbekannt. Wenn überhaupt, hört man von ihnen erst, wenn sie tot sind.

Was bringt junge Menschen, die hier aufgewachsen sind, dazu, sich einer radikalen Terrormiliz zuzuwenden? Was bewegt sie dazu, ihre Familien zu verlassen, um nach Syrien zu gehen, in den Irak, zum Islamischen Staat? Handelt es sich wirklich nur um labile Halbstarke, um Randalierer, Träumer, die sich auf Sinnsuche befinden und von den simplen Botschaften der Islamisten täuschen lassen, von den Parolen des gemeinsamen Kampfes gegen die Gottlosen?

Das SZ-Magazin hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht: bei Islamisten auf dem Absprung. Bei denjenigen also, die noch in Deutschland sind, aber womöglich schon in ein paar Tagen in Richtung Syrien oder Irak aufbrechen werden. Im Internet – auf Facebook, Twitter, Instagram und Ask.fm – sind wir in Kontakt mit einigen Männern gekommen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie mit dem Islamischen Staat sympathisieren, der Organisation, die der Innenminister Thomas de Maizière gerade verboten hat. Die Unterhaltungen gehen über Tage und Wochen. Mehrmals sind Treffen geplant, dann bricht der Kontakt wieder ab: Die Männer haben es sich anders überlegt. In einigen Fällen erfahren wir, dass unsere Gesprächspartner Deutschland inzwischen verlassen haben, in Richtung Syrien oder Irak.

Im Januar schließlich stoßen wir auf die Facebook-Seite eines jungen Mannes. Er nennt sich »Abdul Aziz«. Auf seinem Profilbild posiert er vermummt, Osama bin Laden ist sein Vorbild. Einer seiner Einträge zeigt das Bild eines blutverschmierten Mannes. Er sieht jung aus, ist fast noch ein Kind. Unter das Bild hat Abdul Aziz, der in Wirklichkeit Erhan A. heißt, wie wir später erfahren, geschrieben:

»Inshallah fliegst du gerade als grüner Vogel umher« – dahinter ein Smiley. Es ist der letzte Gruß von Erhan A. an seinen besten Freund, der wenige Tage zuvor in Syrien getötet wurde. Im Kampf für den Islamischen Staat.

Wir kontaktieren Erhan A. und erfahren, dass er selbst schon auf dem Weg nach Syrien war. Er willigt ein, mit uns zu sprechen. Der junge Islamist lebt in Kempten: 65 000 Einwohner, mehr als ein Dutzend Kirchen, drei Moscheen, bayerische Provinz. In der Nähe des Bahnhofs treffen wir einen ruhigen, fast schüchternen jungen Mann. Er trägt einen Kapuzenpulli, schwarz, mit weißer Aufschrift: das islamische Glaubensbekenntnis, dazu der Siegelring des Propheten Mohammed. Es ist das inzwischen verbotene Logo des Islamischen Staates.

Erhan A. ist 22 Jahre alt. Er kam in der Türkei auf die Welt. Als er zwei Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, ins Allgäu. Hier besuchte er die Fachoberschule, macht das Abitur, fing ein Wirtschaftsinformatik-Studium an. Seine Eltern sind Muslime; sie würden sagen, ihr Sohn auch. Doch Erhan erzählt immer wieder davon, wie er vor einigen Jahren »konvertiert« sei. Zuvor sei er kein echter Muslim gewesen, schließlich habe er sogar Schweinefleisch gegessen. »Ich habe einen Euro-Fake-Islam gelebt, so wie meine Eltern.« Er aber wollte mehr, sagt er. Er begann den Koran zu lesen, betete fünfmal am Tag, ging in die Moschee. Er ließ seinen Bart wachsen, manchmal ging er sogar mit Turban in die Schule.

Sie wurden von heute auf morgen ein strenggläubiger Muslim, einer, der den Koran wörtlich auslegt. Wie haben Ihre Mitschüler reagiert?
Die haben nur einmal gefragt, warum ich das mache. Ich habe ihnen vom Koran erzählt. Damit war die Sache erledigt. Von diesen Andersgläubigen hätte ich mehr Kritik erwartet. Aber die waren toleranter als die Muslime. Aus allein drei Moscheegemeinden in Kempten haben sie mich und meine Freunde rausgeschmissen. Die wollten uns nicht dort haben.

Warum nicht?
Sie meinten, wir seien Wahhabiten, Salafisten, Radikale. Die hatten auch was gegen meinen Bart. Sie meinten, dass ich ihn kürzen soll. Ich habe dann gesagt: Nein, der Bart ist Pflicht, so steht es im Koran. Damit fing das Ganze an. Wir haben ständig diskutiert. Wir haben die anderen Leute in der Moschee auf ihre Fehler hingewiesen. Aber sie wollten es nicht verstehen. Das war uns auch egal. Im Koran steht, dass man Gegenwehr bekommt. Das hat uns gerade bestätigt, dass es richtig ist, was wir tun.

Auf was für Fehler?
So Kleinigkeiten. Sie praktizieren den Islam einfach nicht richtig, sie beten falsch, und außerdem lehnen sie die Demokratie nicht ab. Demokratie und Islam, das ist wie Feuer und Wasser. Es ist nicht miteinander vereinbar.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Die sind wie alle anderen, die sind gegen mich.

Hat Ihnen das nicht zu denken gegeben? Ihre Eltern sind immerhin auch Muslime.

Mein Vater nicht. Der betet nicht mal. Meine Mutter betet noch, aber sie hat ein falsches Verständnis vom Islam. Sie versucht, die Wörter im Koran umzudrehen und umzudeuten. Ich mache genau das, was im Koran steht, und nur das ist richtig, Punkt.

Erhan A. ist nervös. Er schaut sich immer wieder um, er sucht die verdächtigen Autos, die ihm in den vergangenen Wochen aufgefallen sind. Die Männer, die darin saßen, waren Geheimdienstler oder Polizisten, vermutet er. Wir gehen also herunter an den Fluss Iller, der Kempten in zwei Teile teilt. Hier betet Erhan A. regelmäßig, seit er nicht mehr in die Moscheen darf. Alle paar Minuten kommen Spaziergänger vorbei, sie drehen sich um, tuscheln. In Kempten kennt man Erhan A., den Islamisten. In der Lokalzeitung war zuletzt viel über ihn und seine Freunde zu lesen. Vom »Gotteskrieger aus Kempten« war die Rede, gemeint war David G. – der beste Freund von Erhan A. Er ist vor einigen Monaten nach Syrien ausgereist, um für den Islamischen Staat zu kämpfen.
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Frederik Obermaier, SZ-Redakteur im Ressort Investigative Recherche, hat sich zusammen mit Reportern des WDR-Magazins Monitor auf die Suche nach deutschen IS-Anhängern gemacht. Den Kemptener Dschihadisten Erhan A. traf er zusammen mit Marie Delhaes. Sie recherchiert schon seit Jahren in der deutschen Islamisten-Szene. Um ihre Arbeit nicht zu gefährden, schreibt sie unter Pseudonym.

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