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aus Heft 33/2015 Gesellschaft/Leben

Ein ertränktes Leben

Text: Anonym  Illustration: Paula Bulling

Matthias ist schwerer Alkoholiker. Er leugnet es, verschanzt sich, lehnt jede Hilfe ab seit Jahrzehnten. Bald wird er wohl sterben. Sein Bruder erzählt ihre gemeinsame Geschichte.

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Im Februar habe ich meinen Bruder Matthias das letzte Mal gesehen. An einer roten Ampel, ein paar Meter von seiner Wohnung entfernt. Ich saß im Auto, er ging rechts vor mir auf dem Gehsteig, über einen Rollator gebeugt, die Beine dünn wie Stecken, die Haare lang und strähnig. Ich habe mich nicht bemerkbar gemacht. Es erschüttert mich zu sehr, dass er mich wohl nicht mehr erkennt: Neun Monate zuvor, als ich ihn das vorletzte Mal sah, an derselben Ampel, habe ich ihm noch zugewinkt. Er versuchte gerade, die Tür einer Telefonzelle zu öffnen, und schaffte es nicht. Er merkte wohl, dass jemand was von ihm wollte, und schaute mich mit offenem Mund und leerem Blick an – als könne er mich nicht mehr einordnen. Zu Hause habe ich geheult.

Dass wir verabredet waren und einander gegenübersaßen, liegt acht Jahre zurück. Kurz nach der Beerdigung unserer Mutter hatten wir einen Termin bei der Bank. Es ging um ihr Testament und um unser Erbe. Als er kam, roch er so schrecklich nach Bier und Schnaps, dass die Bankangestellte das Fenster öffnete, obwohl er versuchte, seine Fahne mit einem Pfefferminzbonbon zu neutralisieren. Er hat gepoltert und geschimpft, dass ich ihn um sein Erbe betrügen würde und es gewagt hätte, ihn unter Vormundschaft zu stellen. Mein Bruder ist seit vielen Jahren, eher seit Jahrzehnten, schwerer Alkoholiker. Er ist 53. Zufällig werde ich ihm kaum noch begegnen, ich bin aus dem Vorort weggezogen, in dem wir beide die vergangenen zehn Jahre gewohnt haben – gerade mal zwei Kilometer voneinander entfernt.

Wir sind drei Brüder, Alex, Matthias und ich. Matthias, der jüngste, war immer das Sorgenkind, er hatte eine Erbkrankheit, die Perthes’sche Krankheit, bei der zerstört sich das Knochengewebe an der Hüfte. Die Krankheit verhinderte, dass er gehen lernte. Als er drei war, musste er ins Krankenhaus, zwei Jahre lang lag er in einer Gipsschale, bewegungsunfähig. Ich glaube, das war der Anfang vom Ende, das hat sein Schicksal besiegelt. Heute kann man bei dieser Krankheit operieren, Mitte der Sechzigerjahre nicht.

Meine Mutter besuchte ihn täglich in der Klinik, Besuch von anderen Kindern war damals in Krankenhäusern grundsätzlich nicht erlaubt. Alex und ich konnten ihn nur alle drei Monate sehen, aus der Ferne. Dann, wenn seine Gipsschale aufgemacht wurde, damit er an den Hüften gewaschen werden konnte. An diesen Tagen warteten mein älterer Bruder und ich im Garten des Krankenhauses, bis unsere Mutter mit Matthias auf dem Arm ans Fenster trat. Dann winkten wir ihm von unten in den dritten Stock zu. Weil unsere Mutter so viel weg war, habe ich mich von klein auf für die Familie verantwortlich gefühlt, viel mehr als mein älterer Bruder Alex. Schon mit neun habe ich fast täglich nach der Schule für Alex und mich Mittagessen gekocht.

Unser Vater, Offizier bei der Bundeswehr, kam meistens nur an den Wochenenden nach Hause. Gegen die Rolle dessen, der sich um alles kümmert, habe ich mich nie gewehrt. Sie ist mir zur Selbstverständlichkeit geworden. Als Matthias fünf war, hatten sich die Hüftknochen so weit stabilisiert, dass er das Krankenhaus verlassen konnte, er musste jedoch im Rollstuhl sitzen. Mit sechs bekam er zusätzlich einen Gehapparat, in dem hing er wie in einem Korsett, an den Beinen Stahlschienen. Er ging in eine normale Schule. Ich zog ihn morgens an und fuhr ihn mitsamt Rollstuhl hin. In der Klasse hatte er sofort eine Sonderrolle: Er war das Kind, das man nicht berühren durfte, weil es sonst umfiel. Eines Tages sagte die Lehrerin, sie könne ihn nicht mehr schützen, er sei so aggressiv und würde andere Kinder an seine Stahlschienen drücken und ihnen Schmerzen zufügen. Dass er dringend psychologische Hilfe gebraucht hätte, nahm damals niemand zur Kenntnis.

Nach ein paar Jahren konnte er normal gehen und die Stahlschienen ablegen. Allerdings liebte er es, mich zu fesseln. Das hatte nichts Sadistisches, ich glaube, er wollte sehen, wie es ist, wenn ein anderer als er bewegungsunfähig ist. Als ich keine Lust mehr auf das Spiel hatte, bot er mir sein gesamtes Taschengeld, wenn ich mich doch fesseln ließe. Manchmal willigte ich ein und nahm das Geld. Er kam aufs Gymnasium, hatte Freunde, mit 17 oder 18 auch eine Freundin. Die Jahre bis zum Abitur waren unsere beste Zeit: Wir spielten stundenlang Backgammon, und er konnte wirklich lustig sein. In seiner Freizeit reparierte er Autos, spielte sich zum Experten auf und gab damit an. Er hatte immer ein Problem mit dem Selbstbewusstsein, mit den Autos aber hatte er eine Nische gefunden, in der ihm niemand das Wasser reichte. Er trug einen Blaumann, der anderen zeigen sollte: Ich arbeite. Bis vor ein paar Jahren trug er ihn jeden Tag. Dabei hat er in seinem Leben fast nie gearbeitet.

Nach dem Abitur begann er eine Lehre als Automechaniker. Unser Vater war entsetzt: In seiner Vorstellung mussten seine Söhne selbstverständlich studieren. Alex und ich haben diesem Wunsch entsprochen, Alex studierte Forstwirtschaft, ich Amerikanistik. Bis zu seiner Lehre hatte Matthias nur abends Bier getrunken. Während der Lehre aber begann er, auch tagsüber zu trinken. Nach eineinhalb Jahren brach er sie angeblich wegen Rückenproblemen ab, er begann ein Studium und zog in eine andere Stadt.

Anfangs fuhr er noch häufig zu unseren Eltern, und er lud sie ein, ihn zu besuchen, sie sollten sich ansehen, wie toll er seine Wohnung eingerichtet hatte. Er wollte ihnen so sehr gefallen. Mein Vater aber lehnte ihn bis zu seinem letzten Atemzug ab, meine Mutter liebte ihn, vielleicht deswegen, umso mehr. Alex, der Erstgeborene, war sein Lieblingssohn, er konnte sich alles leisten, ihm wurde immer verziehen. Ich war eifersüchtig auf ihn, weil ich von unserem Vater auch so bevorzugt behandelt werden wollte. Mir stand unser Vater bestenfalls neutral gegenüber. Auf meine Mutter und Matthias war ich hingegen nie eifersüchtig: Er war der arme Kranke, und wir beide haben uns um ihn gekümmert.

Matthias studierte lange. In seinen Erzählungen war er der beste Student, den man sich vorstellen konnte, von den Professoren geliebt. Meine Mutter glaubte jedes Wort und sagte: »Er macht das ganz wunderbar.« Mein Vater entgegnete: »Der säuft.« Meine Mutter: »Ach, die paar Bierchen, die er abends trinkt.« Sein Verfall verlief langsam. Irgendwann durfte man ihn nur nach langer Ankündigung besuchen. Wohl weil er Zeit brauchte, um die Wohnung aufzuräumen und die Flaschen zu entsorgen. Um Fragen über den Fortgang seines Studiums zu entgehen, gab er es nach fünf, sechs Jahren auf, das war Ende der Achtzigerjahre. Angeblich wurde er Bauleiter, in seinen Worten natürlich der beste weit und breit.

Ich verliebte mich in eine Südafrikanerin und zog Ende der Achtziger zu ihr nach Johannesburg. Schrieb mein Vater mir in einem Brief: »Matthias ist Alkoholiker«, so schrieb meine Mutter garantiert im nächsten: »Glaub ihm kein Wort, er verleumdet den Matthias.« Inzwischen besuchte er auch meine Eltern nicht mehr. Es verlangte ihm zu viel ab, Normalität aufrechtzuerhalten. Meine Mutter hat das so begründet: weil unser Vater zu grausam war zu ihm.

1993 kehrte ich mit meiner hochschwangeren Frau und unserem kleinen Sohn nach Deutschland zurück. Ein paar Tage nach der Geburt unseres zweiten Kindes rief mich ein mir unbekannter Mann an und fragte, ob ich wisse, dass mein Bruder im Gefängnis sitze. Ich wusste es nicht. Er hatte einen Strafzettel wegen Falschparkens jahrelang ignoriert, die Summe hatte sich auf 400 Mark hochgeschaukelt, die er nicht bezahlen konnte oder wollte, 14 Tage sollte er deshalb absitzen. Es wäre einfach gewesen, ihn freizubekommen, ich hätte nur einen Scheck über 400 Mark ausstellen müssen. Im Gefängnis riet mir die zuständige Psychologin, das nicht zu tun, sondern die zwei Wochen zu nutzen, um Matthias trockenzulegen. Treffen konnte ich ihn erst mal nicht, er durfte nur einmal in diesen ­ 14 Tagen Besuch empfangen.

Ich musste in seine Wohnung, um Unterlagen zu suchen und Kleidung einzupacken. Der Hausmeister sperrte mir auf. Das bekamen die Nachbarn spitz und lauerten wie die Geier, um einen Blick in Matthias’ Wohnung zu werfen. Der Anblick war das Schlimmste, was ich je ge­sehen hatte: Berge von Zigarettenstummeln, ein Meer leerer Flaschen, Müll und Katzenkot über den ganzen Boden verteilt, dazwischen leere und halb leere Pizzakartons. Es stank zum Erbrechen. Ich habe die gaffenden und geifernden Nachbarn rausgedrängt, die Entrümpelung organisiert und den einen Besuchstermin im Gefängnis wahrgenommen, der mir zustand.

Als er in das Besuchszimmer kam, war er aufgedunsen, verkommen, die Haare schulterlang. Er saß da und sagte: »Hol mich hier raus.« Immer nur diesen einen Satz. Ich sagte: »Ich hol dich hier raus, nur ein paar Tage noch«, aber er war zu keinem Gespräch fähig. Wahrscheinlich, weil er auf Entzug war. Er sah so fürchterlich aus, dass der Friseur, zu dem ich ihn nach seiner Entlassung fuhr, nicht ihn, sondern gleich mich fragte, wie viel er denn abschneiden solle.

Ich nahm ihn mit zu mir nach Hause, ich wusste keinen anderen Rat. Ich dachte, ich hätte ihn da besser unter Kontrolle. Auf der Fahrt sagte ich zu ihm: »Matthias, gib zu, du säufst.« Er druckste rum und meinte, na ja, er würde ein bisschen trinken, aber er habe die Sache völlig im Griff. Dann sagte er plötzlich: »Ich muss wohl eine Therapie machen.« Ich bin mir sicher, es war ihm ernst in diesem Moment, er war gerade trocken, und der Schock, im Gefängnis zu sitzen, saß tief. Er hat es nie in Angriff genommen. Es war bis heute, 22 Jahre später, das einzige Gespräch, das ich mit ihm über seine Sauferei führen konnte, das einzige, in dem er nicht sofort abblockte und mich der Verleumdung bezichtigte.

Zwei Wochen später wollte er wieder in seine Wohnung. Ich schlug vor, mit ihm und meiner Familie zwei Wochen in die Toskana zu fahren – ein weiterer sinnloser Versuch, ihn vom Trinken abzuhalten. Der Urlaub wurde ein Reinfall. Er war zu nichts zu gebrauchen, völlig apathisch, wenn man mit ihm sprach, reagierte er nicht.

Er zog in eine Dachgeschosswohnung, der alte Vermieter hatte ihn rausgeschmissen. Er prahlte, dass er nun ein erfolgreicher Bauunternehmer sei, der alte Häuser renoviere, zur größten Freude des Denkmalamtes. Meine Mutter glaubte ihm auch das. Als ich ihr vom Zustand seiner Wohnung erzählte, meinte sie, nö, so schlimm sei das sicher nicht gewesen. Sie gab ihm 100 000 Mark, um ein altes, heruntergekommenes Haus zu kaufen und zu renovieren und seine Angestellten, die er beschäftigte, zu bezahlen. Unser Vater hat getobt.

Der Vater starb im Jahr 2000. Drei Jahre später zog Matthias, damals 42, zurück zu unserer Mutter, in unser Elternhaus. Sie war selig, dass ihr Spatz, wie sie ihn nannte, wieder da war. Das renovierungsbedürftige Haus hatte er verkauft. Was aus dem Geld geworden ist, weiß ich nicht. Das war der Moment, wo er offiziell aufhörte zu existieren. Ich dachte nicht, dass man in Deutschland einfach so verschwinden kann: Er hatte keine Wohnung mehr, zahlte keine Steuern, keinen Strom, kein Telefon, war nicht krankenversichert. Keiner außer uns wusste, wo er war, es gab ihn nicht mehr. Erst viel später habe ich erfahren, dass er hoch verschuldet war, bei seinen Vermietern, bei der Krankenkasse. Er hätte längst Insolvenz anmelden müssen. All dem hat er sich durch die Flucht zu unserer Mutter entzogen.

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Unser Autor darf seinen Namen nicht nennen, da das die Persönlichkeitsrechte seines Bruders verletzen würde. Er entschloss sich trotzdem, diese Geschichte zu erzählen, um zu zeigen, dass es wirklich jede Familie treffen kann - und wie aussichtslos es oft ist, einen Alkoholiker vom Trinken abhalten zu wollen.

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