Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 10. September 2015

Nacktgestalten

Interview: Alisa Augustin  Fotos: Roshan Adhihetty

Der Fotograf Roshan Adhihetty hat Nacktwanderer begleitet. Dafür musste er nicht nur seine Hemmungen fallen lassen.



Anzeige
Name:
Roshan Adhihetty
Geburtsdatum: 24.8.1990
Ausbildung: Ecole Cantonale d’art de Lausanne, Schweiz
Wohnort: Zürich
Website: www.adhihetty.com

SZ-Magazin: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nackte Menschen beim Wandern zu fotografieren?
Roshan Adhihetty: Vor drei Jahren bin ich zufällig auf Korsika an einem Nacktbadestrand gelandet. Der Anblick hat mich richtig schockiert, denn ich kannte das vorher überhaupt nicht. Gleichzeitig hat es mich aber auch neugierig gemacht und ich wollte mich damit auseinandersetzen, warum ich so ein Problem mit Nacktheit habe.

Hat Ihnen Ihr Fotoprojekt dabei geholfen, Nacktheit als etwas Normales anzusehen?
Ja, absolut. Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen und ich habe nach Fotos gesucht, die diese natürliche und gleichzeitig unerotische Nacktheit zeigen. Angefangen zu fotografieren habe ich dann in Nudistencamps. Dort habe ich auch einige Nacktwanderer kennengelernt und so nahm alles seinen Lauf.

War es schwer, Protagonisten für die Fotos zu finden?
Ja, sehr. Es hat fast zwei Monate gedauert, bis ich jemanden gefunden hatte, der dazu bereit war. Aber auch er war anfangs sehr skeptisch, wollte mich erst einmal kennenlernen und hat sehr viele Fragen gestellt. Er wollte vermeiden, dass jemand mitkommt, der nur sensationshungrig ist. Ich konnte ihn aber von meinem Vorhaben überzeugen und wurde auf Wanderungen mitgenommen, die er organisiert. Auf seiner Internetseite hat er mein Projekt dann ausgeschrieben und angekündigt, dass bei der nächsten Wanderung ein Fotograf dabei sein wird. Und tatsächlich kamen dann einige mit.

Sie sind selbst mitgewandert. Ebenfalls nackt?
Ja. Eine Bedingung war, dass ich auch nackt sein muss. Ich hatte mich aber auch selbst dazu entschlossen, denn ich wollte nachempfinden können, wie es ist, nackt zu wandern. Inzwischen habe ich schon über 30 Wanderungen mitgemacht.

Was war das für ein Gefühl, nur mit einem Rucksack und einer Kamera ausgestattet durch die Natur zu laufen?
Zuerst war es natürlich sehr ungewohnt, aber auch lustig. Es hilft total, dass die Wanderer sehr gut über sich selbst lachen können. Jeder weiß ja, dass es nicht super stylish aussieht, nur mit einem Wanderrucksack und Treckingsandalen durch den Wald zu laufen. Wenn man sich aber erst einmal daran gewöhnt hat, ist es auch ein schönes Gefühl und es hat mir dann auch gefallen, nackt zu sein. Was verrückt ist, wenn man bedenkt, dass ich in Korsika noch so große Hemmungen hatte.

Was fasziniert die Menschen, die Sie kennengelernt haben, am Nacktwandern?
Vor allem die Verbundenheit mit der Natur, auch wenn das kitschig klingt. Wenn man leicht verschwitzt ist, und dann ein leichter Wind kommt, merkt man den direkt am ganzen Körper. So etwas kann man gar nicht so intensiv spüren, wenn man bekleidet ist. Genauso ist es auch, wenn plötzlich die Sonne durch die Wolken bricht und die Strahlen die Haut wärmen. Ich habe das Gefühl, dass man sich durch das Nacktsein einfach mehr verbunden fühlt.

Was ist mit Sonnenbrand oder scheuernden Rucksackträgern?
Ja, solche Probleme gibt es. In Deutschland sind es momentan vor allem die Wespen. Auf einer Wanderung in Dresden wurde ich letztens drei Mal gestochen. Dabei hatte ich noch Glück - andere hatten viel mehr Stiche. Wespen, Zecken, Mücken ... die freuen sich natürlich alle über so viel nackte Haut. Und sie machen auch keinen Halt vor den Intimstellen.

Darf man überall komplett ohne Kleidung wandern?
Das ist sehr unterschiedlich. Als Schweizer bin ich eher ein strenges Gesetz gewohnt. Dort wurden schon einige Nacktwanderer angeklagt. In Deutschland wird viel lockerer damit umgegangen. Letzte Woche haben wir uns zum Beispiel schon direkt auf einem Parkplatz ausgezogen. Zufällig kam in dem Moment ein Streifenwagen vorbei, aber die sind einfach weiter gefahren. Die haben uns zwar angeschaut, wissen aber, dass sie nichts machen dürfen. Generell herrscht ein lockeres Verhältnis zwischen Polizei und den Nacktwanderern.

Inwiefern?
Wenn feststeht, wohin die nächste Wanderung geht, sagt jemand der örtlichen Polizei Bescheid und erklärt das Vorhaben. Das Problem ist nämlich, wenn sich jemand von den Nacktwanderern belästigt fühlen sollte und die Polizei alarmiert, müssen sie ausrücken und die Wanderer bitten, sich etwas anzuziehen. Deswegen ist es besser, wenn die Polizei vorher informiert wurde. Dann ist die Stimmung insgesamt einfach entspannter.

Was für Leute haben Sie bei den Wanderungen kennengelernt?
Es sind auffällig viele Menschen dabei, die einen Job in der Informatik-Branche haben. Sie arbeiten also viel im Büro und sitzen lange vor dem Computer. Am Wochenende haben sie dann das Bedürfnis auszubrechen und einfach mal etwas Verrücktes als Ausgleich zu machen. Ich habe das Gefühl, dass sie den Naturentzug unter der Woche auf den Wanderungen kompensieren wollen. Es sind aber auch viele Rentner dabei, die sich sagen: »Ich habe lange genug gemacht, was andere von mir wollen, jetzt mache ich einfach, wonach mir ist.« Ich nenne sie gerne »born-to-be-wild-Rentner«.

Kam es bei einer Wanderung auch einmal zu einer peinlichen Situation?
Auf angezogene Wanderer zu treffen, war mir am Anfang extrem peinlich. Da ich mit der Kamera meistens voraus ging, war ich also auch der Erste, der auf andere getroffen ist. Ich habe aber dann Tipps von den erfahrenen Nacktwanderern bekommen, wie ich mich verhalten soll. Zum Beispiel immer sehr freundlich grüßen. Aber die goldene Regel ist bei so etwas auch: Je weniger es dir selbst peinlich ist, desto weniger ist es das auch für die anderen.
Anzeige
  • Neue Fotografie

    »Übersteigertem Nationalismus bin ich immer wieder begegnet«

    Kein schöner Land: Der niederländische Fotograf Otto Snoek hat nationale Feiertage und Großereignisse in ganz Europa begleitet. Dabei hat er herausgefunden, wie schlecht es um den Kontinent wirklich steht.

    Interview: Jona Spreter
  • Anzeige
    Neue Fotografie

    »Alkohol spielt im deutschen Brauchtum eine wichtige Rolle«

    Saufen, schießen und toten Gänsen die Köpfe abreißen: Der Fotograf Moritz Reich hat alte Bräuche in ganz Deutschland dokumentiert. Er stieß dabei auf viel Herzlichkeit, aber auch auf Misstrauen. Und auf jede Menge Bier.

    Interview: Jona Spreter
  • Neue Fotografie

    Von drauß' vom Walde komm ich her

    Die Fotografin Lorraine Hellwig hat vier Aussteiger begleitet, die sich in der Schweiz im Wald verstecken und dort ein denkbar einfaches Leben führen. Gefunden hat sie die Vier allerdings auf ungewöhnliche Weise.

    Interview: Stefanie Witterauf