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aus Heft 48/2016 Essen & Trinken

Süßer Rausch

Von Susanne Schneider  Foto: Maurizio Di Lorio

Auf vielen Großstadt-Partys wird neuerdings kein Alkohol mehr ausgeschenkt, sondern Kakao.

Man kann rohen, speziell verarbeiteten Kakao schnupfen. Man erzielt die gewünschte Wirkung aber leichter, indem man hochkonzentrierte Schokolade mit Wasser mischt.

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Klar, sagt Andreas, habe er jetzt Zeit, setzt erst die Gaskartusche für den Heizstrahler, dann seine Strickmütze ab. Das ist schon der Kern der Veranstaltung, denn Zeit haben, sich Zeit nehmen, macht den tieferen Sinn dieser »Lucid-Party« aus, die Andreas organisiert. Und obwohl sie gerade beginnt, und 300 Leute erwartet werden, beantwortet er mit großer Ruhe Fragen, während er auf einer Holzbank bei der Treppe sitzt, die zur »Designated Cuddle Puddle Zone« im ersten Stock führt, einer Art Kuschelparty. Hier unten wird neben Kuchen und Kichererbsen auch Kakao angeboten, natürlich roh verarbeitet, natürlich vegan, doch wichtiger ist Andreas der große Zusammenhang. Jeder soll sich hier willkommen und angenommen fühlen, egal wie alt er ist, egal wie er aussieht. Und Zeit sollen alle mitbringen, sich wenigstens einmal im Monat nicht getrieben fühlen, bei der Lucid-Party in Berlin, Beginn 14 Uhr, Ende 22 Uhr. Später, wenn der Hula-Hoop-Workshop und das Kakao-Ritual vorbei sind, wird ein DJ auflegen und eine Band spielen.

Bis vor einem Jahr leitete Andreas Richter, 33 Jahre alt, eine Internetfirma mit 150 Mitarbeitern, nun ist er Hausmann, anderes ist ihm wichtiger geworden: Es geht ihm um »tiefere Erfahrungen«, darum, dass man ausbrechen muss aus der »egoistischen, individualisierten Welt«. Er nennt es »aus der Separation herausgehen« und hat damit wohl einen Nerv getroffen: die Sehnsucht nach Langsamkeit und Überschaubarkeit, die Ohnmacht darüber, dass nicht der Mensch mehr zählt, nur das Ergebnis. Fast alle, die diese Party mit ihm organisieren, »kommen aus dem klassischen Feierbereich«, wie er sagt, gehen in Clubs, auf Festivals, »das ist alles toll, aber es fehlt das menschliche Element, vieles dreht sich um Drogen und Alkohol, um noch mehr Exzesse, um noch lautere Musik«. Es sei an der Zeit, dass sich »Alternativen etablieren«.

Und Kakao hat eine Menge damit zu tun. In all den großen Städten wie London, New York oder Los Angeles gibt es inzwischen Partys wie jene in Berlin, die sich der Achtsamkeit und der Gemeinsamkeit verschrieben haben – Partys, bei denen veganes Essen und vegane Getränke angeboten werden, aber kein Alkohol. Dafür Kakao. Als Getränk und als legale Droge. In jedem Fall fair gehandelt, geerntet auf Bali oder in Mittelamerika, verarbeitet aus rohen Bohnen. Die Farbe dunkel, der Geschmack bitter, nicht gesüßt und nicht geröstet wie das übliche Pulver aus dem Supermarkt. Unbehandelt zählt Kakao zu jener Sorte Superfood, die in den Biomärkten der Städte inzwischen Regalmeter einnehmen.

Wer eine Tasse trinkt, aufgegossen mit Wasser, gesüßt mit Kokosnektar, wird vielleicht schon etwas spüren von einer euphorisierenden Wirkung, je nach Konstitution sicher aber nach zwei oder drei oder vier Tassen, schnell getrunken, mit wenig Wasser verdünnt. Auch von den Kakaonibs, den Bruchstücken der Bohne, die man sich über das Müsli streuen kann, »muss man 20 bis 30 Gramm essen – dann merkt man schon was«, sagt Tobias Fischer, der die Firma GoodMoodFood gegründet hat und seine Kakaoprodukte bei jeder Lucid-Party anbietet: »Die Physik des Kakaos macht glücklich.« Er meint vor allem Theobromin und den hohen Magnesiumgehalt. Theobromin, auf Deutsch »Speise der Götter«, wirkt ähnlich anregend wie Koffein, wenn auch schwächer. Vor allem hellt es die Stimmung auf und löst Ängste. Dazu enthält Kakao viel Magnesium, »das wirkt beruhigend wie Yoga«, meint Fischer. Auch der Serotoninspiegel im Gehirn erhöht sich durch Kakao und wirkt dadurch wie ein Antidepressivum, dazu kommen Endorphine – es ist wie ein Runner’s-High-Gefühl.

Angefangen hat wohl alles 2007, da bekam der Legende nach der belgische Chocolatier Dominique Persoone von den Ehefrauen der Rolling-Stones-Mitglieder Charly Watts und Ron Wood den Auftrag, für eine Geburtstagsfeier eine gesunde und euphorisierende Droge zu entwickeln, die man weder schlucken noch inhalieren muss. Persoone erfand ein Kakao-Schnupf-Gerät, eine Art Katapult aus Plexiglas. Neben der Maschine benötigte er eine Rezeptur, um das Schnupfen der Schokolade genießbar zu machen. Dazu mischte er dunkles, ungeröstetes Kakao-pulver mit Minze und Ingwer – die beiden Gewürze helfen, die Atemwege zu öffnen, damit der Kakaogenuss so intensiv wie möglich wird. Angeblich hat Persoone bisher 25 000 Sets verkauft, 45 Euro pro Stück, Katapult inklusive. 15 Minuten, sagt der Chocolatier, soll die Wirkung anhalten.

Das Schnupfen von Kakao ist seither berühmt, angewendet wird es eher selten. Den Kakao zu trinken scheint mehr mit gesunder Ernährung zu tun zu haben. Doch es kursieren auf Youtube Videos, in denen junge Menschen die Wirkung testen wollen, indem sie sich Kakaopulver, das sie irgendwo im Schrank gefunden haben, durch die Nase ziehen. Und schrecklich husten. Und es saublöd finden. Bald wird auch zu ihnen die Kunde dringen, dass man ganz anderen Kakao braucht, um sich zu berauschen.

Jessica Brinton, englische Journalistin und professionelle Partygängerin, hat beobachtet, dass zunehmend Kakao statt Kaffee oder Tee bei Besprechungen ausgeschenkt wird. In ihrem Blog beschreibt sie auch die Stimmung, die bei einer Weihnachtsfeier mit Kakao statt Alkohol herrschte: »So muss sich 1988 ein Rave angefühlt haben, wenn alle gleichzeitig Ecstasy-Pillen nahmen, mit dem Unterschied, dass man bei Kakao zwei Tage später nicht den Preis dafür zahlen muss: große Traurigkeit.« So sehr beeindruckt sie die Wirkung von Kakao, dass sie sagt: »Weil Kakao viel stärker auf das Herz als auf das Gehirn zielt, könnte es sein, dass wir bald eine Revolution der Liebe erleben.«

Auch bei den Morning-Gloryville-Partys wird dafür geübt, in London, Barcelona, San Francisco, New York. Dahinter steht das weltweit operierende Projekt Morning Gloryville, dem man sich als Franchise-Partner anschließen kann. Alle Partys beginnen früh morgens, je nach Stadt um sechs, sieben oder acht, alle dauern höchstens vier Stunden, man kann Yoga machen, sollte fröhlich sein, vor allem aber tanzen zu Elektrobeats. Auch da wird kein Alkohol ausgeschenkt, sondern Wasser und Kakao, manchmal ist noch Kaffee dabei. Die meisten schwärmen, wie aufgeputscht sie sich fühlen, wenn sie nach einer Stunde intensiven Tanzens ins Büro gehen. Morning-Gloryville-Partys gab es auch in Berlin.

Das ist der einzige Moment, in dem sich Andreas Richter, der Partyveranstalter mit Zeit, fast echauffiert. Als allzu medienwirksam, überdreht und gewollt habe er die Morning-Gloryville-Partys wahrgenommen, von denen nicht zuletzt die Arbeitgeber hätten profitieren sollen, wenn die Menschen durch das Tanzen fröhlich und voller Energie in ihre Büros aufbrächen. Ihm sei das zuwider: »Es muss doch um das genaue Gegenteil gehen«, sagt er, »es muss aufhören, dass jeder eingebläut bekommt, tolle Frauen kann man kriegen, wenn man gute Schuhe trägt und mithält im täglichen Wettkampf um Jobs und das richtige Aussehen.« Darum sind seine Feste sonntags, darum beginnen sie gemütlich gegen 14 Uhr. Und vielleicht lassen sich auch darum so wenige Hipster hier blicken, die morgens in ihre selbst gegründeten Firmen rennen. Noch besteht sein Publikum vor allem aus jungen Menschen, die Pumphosen und Dreadlocks tragen und gehört haben, wie glückseligmachend die Zeit der Hippies war. Und aus jenen, die sich selbst gut daran erinnern. Der Kakao eint sie alle.

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Susanne Schneider

kannte als Kind nur Kaba. Auf der Lucid-Party in Berlin trank sie einen Kakao-Smoothie mit Bananen, Datteln, Cashewnüssen, Wasser, Nelken, Kardamom und Zimt – und war nach einem halben Glas für den Rest des Tages pappsatt.