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aus Heft 49/2016 Die Gewissensfrage

Organspenden nur für Organspender?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unsere Leserin Jutta T. aus München findet, es sollten nur Patienten Organspenden erhalten, die selber bereit sind, nach dem Ableben Herz und Niere zur Verfügung zu stellen. Unser Moralexperte Dr. Dr. Rainer Erlinger sieht es etwas anders.


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»Ich würde gern einen Organspendeausweis ausfüllen. Aber nur im Rahmen einer Clublösung: Ich wäre bereit, meine Organe zu spenden - an andere Spendenbereite. Ich sehe nicht ein, warum ich jemandem etwas spenden soll, der mir in einer ähnlichen Notlage nicht spenden würde. Der Organspendeausweis bietet diese Einschränkung nicht. Was soll ich tun?« Jutta T., München


Über die sogenannte Clublösung oder Solidaritätslösung, dass also nur diejenigen ein Spenderorgan bekommen oder zumindest bevorzugt werden, die sich selbst zur Organspende bereit erklärt haben, kann man sich streiten. Dafür spricht vor allem, dass diese Lösung sicherlich die Zahl der Organspendebereiten steigern würde. Dagegen spricht vor allem, dass es schwierig ist, medizinische Hilfe für einen vom Tod Bedrohten davon abhängig zu machen, ob er sich zuvor richtig verhalten hat.

Das kann jedoch dahingestellt bleiben, denn Sie haben, wie Sie richtig schreiben, nicht die Möglichkeit, Ihre Organspende von dieser Voraussetzung abhängig zu machen. Sie können sich lediglich politisch oder in sonstiger Weise für diese Clublösung stark machen. Ansonsten bleibt Ihnen nur, die Organspende zu verweigern.

Und obwohl ich dieses Trittbrettfahrerverhalten – Transplantate annehmen, aber selbst nicht gewillt sein zu spenden – verurteile, hielte ich es für falsch, wenn Sie deshalb nun auch nicht mehr bereit wären, Organe zu spenden. Mehr noch: Zu sagen, bevor meine Organe jemand bekommt, der selbst nicht spenden will, soll sie niemand bekommen, halte ich für inhuman. Das würde bedeuten, ein Prinzip über den Menschen zu stellen, die eigene Vorstellung von Gerechtigkeit und Vergeltung höher zu bewerten als das Überleben anderer. Noch dazu handelt es sich dabei um eine archaische Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gerechtigkeit. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass dann auch diejenigen keine Chance bekommen, durch eines Ihrer Organe gerettet zu werden, die auch selbst bereit zur Spende sind.

Den Ausschluss der Trittbrettfahrer über all diese Aspekte zu stellen, hat mir zu viel von Bestrafung und Vergeltung um jeden Preis. Ich halte das Gebot, anderen zu helfen, hier für eindeutig vorrangig.
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Literatur:

Da es sich hier um Fragen der Gerechtigkeit handelt, lohnt es sich in folgenden Quellen nachzulesen:

Nationaler Ethikrat, Die Zahl der Organspenden erhöhen – Zu einem drängenden Problem der Transplantationsmedizin in Deutschland. Stellungnahme, Berlin 2007. Online hier abrufbar.  

Gerald Schmola, Spendergemeinschaften auf Gegenseitigkeit in der Organspende: Clublösungen als Möglichkeit zur Erhöhung der Spendebereitschaft, Grin Verlag, München 2013

Ralf Jox, Galia Assadi, Georg Marckmann (Hrsg.), Organ Transplantation in Times of Donor Shortage: Challenges and Solutions (International Library of Ethics, Law, and the New Medicine 59), Springer international, Cham 2016

Zum Für und Wider einer Bevorzugung von denjenigen, die selbst zur Organspende bereit sind, bei der Zuteilung von Spenderorganen gab es bereits 2011 eine Gewissensfrage.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de

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