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Wortewandel: Sprachkolumne 03. Februar 2017

Der dreiköpfige Familienvater

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Unser Sprachkolumnist sucht nach Wortkombinationen, die zwar gebräuchlich, aber dennoch Schwachsinn sind – und findet sie selbst im Titel eines der wichtigsten Dokumente unseres Landes.

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Wir fangen heute mal ganz fad an, doch dann wird es lustig, versprochen. Los geht‘s mit der Bundesregierung. Die will mit ihrer neuesten Initiative den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Ein alter Hut, keine Frage. Es geht uns ja auch nur um den kuriosen Ausdruck wissenschaftlicher Nachwuchs. Sie finden ihn nicht kurios? Ich schon. Was, bitte, soll am Nachwuchs wissenschaftlich sein? Missraten kann der Nachwuchs sein, meinetwegen auch begabt, weiblich, hoffnungsvoll. Aber doch nicht wissenschaftlich.

Den schönsten Ausdruck dieser Art finde ich den abstrakten Maler. Ist das nicht hübsch, ein Maler, der abstrakt ist? Der entmaterialisiert sich quasi von selbst. So eingeschliffen sind viele Begriffe dieser Art, dass uns meist gar nicht auffällt, wie abwegig sie sind: Der praktische Arzt, der Technische Direktor, der politische Gefangene.

Stehende Ovationen für das charmante Auswärtige Amt. In der stattgefundenen Pressekonferenz ging es um den abgedankten Premierminister.

Aus den schwindelnden Höhen der Diplomatie zurück auf den Schulhof. Da warfen wir uns Scherzbildungen mit zusammengesetzten Wörtern zu, die wir überaus komisch fanden: Der warme Würstchenverkäufer, die faule Eierfrau und der freilaufende Hühnerhalter. Der ausgestopfte Tierhändler und der halbseidene Strumpffabrikant. Zum Brüllen, hm? Es ist doch immer wieder erstaunlich, mit wie einfachen Scherzen sich ein schlichter Humor wie der meine völlig zufriedengibt. Keine Scherze sind das silberne Hochzeitspaar, der dreiköpfige Familienvater und, ganz große Klasse, die Geschäftsinhaberin modischer Bekleidung.
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Sie meinen, Sie würden derartige Missbildungen immer erkennen? Sorry, aber das tun Sie nicht. Denn was ist vom ehrenwerten Bürgerlichen Gesetzbuch zu halten, vom erntefrischen Erdbeerkuchen und was von der Nuklearen Planungsgruppe? Das sind keine Scherzbildungen, die sind ja ernstgemeint! Königlicher Hoflieferant, atlantische Tiefausläufer, na freilich, geheimes Wahlrecht, sitzende Lebensweise und das Exportverbot nach Saudi-Arabien – auch das zum Brüllen! Englische Sprachkenntnisse werden noch getoppt von den deutschen Sprachwächtern, die Bastian Sick einfielen, dem hanseatischen Großzuchtmeister unserer Muttersprache. Was wollte er uns damit sagen? Gemeint hat er offenbar die Wächter der deutschen Sprache, ausgedrückt hat er jedoch die deutschen Wächter irgendeiner Sprache. Sick transit gloria mundi.

Was bleibt darauf noch zu sagen? Baldige Genesungswünsche!
CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.