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aus Heft 13/2017 Frauen

Schön bekloppt

Von Lara Fritzsche  Fotos: Paula Winkler

Wer eine Miss-Wahl gewinnt, verliert mal kurz die Fassung. Es ist der einzige echte Moment in einer durchgenormten Show.



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Wie kann man beim Schönsein so blöd gucken? Ein großes Rätsel. Die Frauen, die Sie hier sehen, sind nicht irgendwelche Frauen, die an der Walmart-Kasse erfahren, dass sie einen Einkaufsgutschein im Wert von hundert Dollar gewonnen haben, sondern die schönsten. Also wirklich die schönsten. Frauen, die sich durchgesetzt haben gegen andere Schöne aus ihrer Stadt, aus ihrem Kreis, aus ihrem Bundesstaat, um dann die Schönste ihres Landes zu werden und dann wiederum gegen Frauen anzutreten, die in ihrem Land als die jeweils Schönste gelten, um schließlich um den Titel Miss World zu kämpfen. Es gibt auch den Titel Miss Earth, das ist die Ökoversion. Die deutsche Fotografin Paula Winkler hat Aufnahmen von verschiedenen Miss-Krönungen zusammengetragen und vom Bildschirm abfotografiert. Eine dieser Frauen ist sogar in einem bestimmten Jahr – 2015 – die schönste des ganzen Universums gewesen. Also per Titel schöner als alle schönen Frauen auf anderen Planeten. Das ist natürlich unfair. Wenn die Schönheit vom Planeten Trappist-1g von dem Wettbewerb erführe und ein Präsentationsvideo schickte, wäre sie längst eine alte und damit im Schönheitswettbewerb chancenlose Frau, bis das Video hier wäre.

Den Titel »Miss Universe« muss man also in Anführungszeichen setzen, denn es handelt sich um einen Fake-Titel. Es ist natürlich Zufall, dass diese Marke bis vor zwei Jahren Donald Trump gehörte. Als der Unternehmer beschloss, US-Präsident werden zu wollen, verkaufte er seine Rechte daran. Eine der beiden Marken hätte gelitten. Hat die Marke »Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika« dann trotzdem. Egal.

In diesem Text soll es um die Frauen gehen. Und um dieses große Paradoxon, dass ihr Gesicht plötzlich so verrutscht, wo es vorher drei Stunden lang fast unbeweglich wirkte. Diese Unbeweglichkeit liegt daran, dass die Frauen trainieren, den gleichen Gesicht-Kamera-Winkel beizubehalten. Nicht runtergucken, nicht den Kopf zu sehr heben, ihn nicht schräg legen. Und: keine ruckartigen Regungen. Im Grunde, wie wenn man Krokodilen begegnet. Bloß ohne den Zick-Zack-Abgang. Und das halten die Aspirantinnen auch alle durch, ganz egal, was sie nebenbei noch alles tun: folkloristisch tanzen, Gedichte rezitieren, von einer künftigen Mutterschaft schwärmen oder Fragen zur Weltsicherheitslage beantworten. Ja, Weltsicherheitslage.

Sich in ein paar knappen Worten den Weltfrieden zu wünschen – die Zeiten sind vorbei. Bei so einer Miss-Wahl werden inzwischen Fragen gestellt, die die Thinktanks der Welt beschäftigen. Etwa: »Was können wir tun, um allen Kindern der Welt den Zugang zu Bildung zu ermöglichen?« Oder: »Was sollten wir den kommenden Generationen beibringen, um die Erde nachhaltig zu schützen?«

»Eine Miss World zu sein ist wie eine brennende Fackel zu tragen (…). Es wäre mir eine große Ehre und eine tiefe Pflicht, die Fackel hochzuhalten, sodass die ganze Welt ihr Licht sehen und fühlen kann«, ist eine Antwort, die man dann so bekommt. Es ist in diesem Fall nicht die Antwort auf eine oben gestellte Frage, sondern auf die nach den Aufgaben einer Miss, aber auszuschließen wäre es nicht. Denn auf die Fragen nicht ernsthaft inhaltlich einzugehen, sondern in kürzester Zeit sehr viel verbale Demut aufzuschleudern, gehört durchaus zum hier gefragten Talent. Jetzt finden Sie vielleicht, dass wir auch das Wort Talent hier in Anführungszeichen setzen sollten, denn wortreich um eine politische Frage herumzulavieren, aber mit großem Pathos darauf zu bestehen, die Sorgen der kleinen Leute zu kennen und sich darum kümmern zu wollen, sei eine Frechheit. Da würde ich mal vorsichtig mutmaßen, dass Sie nicht zu den hundertprozentigen Schulz-Fans gehören. Egal.

Also, die Frauen. Warum gucken die so extrem? Wenn man doch so viele Jahre daraufhin gearbeitet, Gesicht- Kamera-Winkel einstudiert und psalmartige Antworten auf die großen Fragen zu geben gelernt hat – warum übt man dann nicht, sich mit einem schönen Lächeln zu freuen, jenem schönsten Lächeln, das hier ja quasi zur Wahl stand und sich gegen die anderen Lächeln durchgesetzt hat? Warum nach drei Stunden Perfektion plötzlich diese Entgleisung?

Die Erklärung liegt in der Logik der Miss-Wahlen an sich. Paradoxie ist hier der Naturzustand, da kommt einem das Normale plötzlich paradox vor. Klar, die Frauen freuen sich. Dieser Moment ist ihnen der Lohn für all die Marshmallows, die sie nicht gegessen haben; für all die ungerechten Vorhaltungen ihrer Ex-Freunde, die zwar eine Freundin wollten, die schön ist, aber keine, die das weiß; für all die Partys, auf denen sie nicht waren, weil ihr Vater sie nicht mit dem Auto abholen konnte oder wollte. Sie freuen sich, dass sich das alles gelohnt hat. Dass auch die schönsten Frauen ziemlich blöd gucken, wenn sie sich ehrlich freuen, ist ja das Normalste der Welt. Wenn nicht sogar des Universums.


Fotos: Mary Godleski / AP / picture-alliance; Donald B. Kravitz / AP / picture-alliance; Ethan Miller / Getty Images; Seite 19: Mel Evans / AP / picture-alliance; Isaac Brekken / AP / picture alliance, Ethan Miller / Getty Images, John Locher / AP / picture-alliance, Jae C. Hong / AP / picture-alliance; David Becker / Getty Images


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Paula Winkler

hat ihre Bilderserie worldpeace genannt und auch als überlebensgroße fotografische Installation im Raum umgesetzt. Die Arbeit wird vom 24. August bis zum 12. November 2017 in der Gruppenausstellung Aufbruch gezeigt, und zwar im Atelierhaus des Museion, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen, in Südtirol.

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