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Gesellschaft/Leben 06. April 2017

Der heldenhafte Tod des Hertha-Arztes

Von Lars Reichardt  Foto: Daniel Hofer

Der frühere Mannschaftsarzt von Hertha BSC starb als Jude in Auschwitz. Nun haben Hertha-Fans versucht, sein Schicksal zu rekonstruieren – und entscheidende Hinweise in einem alten SZ-Magazin-Artikel entdeckt.

Die Historikerin Juliane Röleke (rechts) mit historisch interessierten Hertha-Fans, die das Leben von Herthas jüdischem Mannschaftsarzt Hermann Horwitz recherchierten.
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Niemand kennt sein Gesicht. Nicht einmal sein Todesdatum weiß man mit Bestimmtheit. Irgendwann zwischen dem 19. April 1943 und 27. Januar 1945 muss es liegen. Als Auschwitz befreit wurde, hat er jedenfalls nicht mehr gelebt.

Hermann Horwitz war nach dem Krieg in Vergessenheit geraten. Niemand interessierte sich für den jüdischen Arzt aus Berlin, niemand stellte einen Antrag auf Entschädigung so wie für Hermanns Bruder Bruno, niemand wollte die Verwicklung des Sports in die Politik des Dritten Reichs untersuchen. Ohne das Jubiläum eines Fußballvereins wäre er immer noch vergessen.

Horwitz war Mannschaftsarzt von Hertha BSC, er war einer der ersten seiner Art bei einem Fußballverein, es handelte sich damals noch um eine ehrenamtliche Tätigkeit. Kranke Sportler gingen zum Arzt, dass auch gesunde einen aufsuchten - zur Prävention, zur besseren Regeneration, zur Überwachung - war relativ neu. Horwitz schrieb eines der ersten Bücher der neuen Gattung Sportmedizin: Die Sportmassage, auch das hat lange kaum jemand gewusst. Dabei stand das Buch die ganze Zeit in der Berliner Staatsbibliothek. Fußballfans haben es entdeckt, Mitglieder des Projekts »Spurensuche«, vergangenes Jahr auf Initiative der Fans ins Leben gerufen, um historische Nachforschungen zum Thema Hertha im Dritten Reich anzustellen.

Sicher mindestens 12 Jahre lang, von 1923 bis 1935 hat Horwitz für Hertha BSC gearbeitet, es waren die bis heute sportlich erfolgreichsten Jahre des Berliner Fußballvereins und Bundesligisten. Sechs Mal hintereinander erreichte die Mannschaft um den legendären Hanne Sobek das Finale zur Deutschen Meisterschaft, zwei Mal, in den Jahren 1930 und 1931, gewann man sie auch. Bis heute blieben es die einzigen Meistertitel Herthas.

Am 15. September 1935 traten die Nürnberger Rassengesetze in Kraft. Horwitz war Jude. Wahrscheinlich kurz vor oder nach Verabschiedung der Rassengesetze legte er sein Amt als Mannschaftsarzt nieder. Später wurde er sogar vom Verein ausgeschlossen. Vermutlich im Herbst 1938. Eigentlich ein Rätsel, warum der Rausschmiss so spät stattfand. Schon 1933 hatte ein strammer Nazi den bisherigen Vereinsvorsitzenden von der SPD abgelöst. Der Zweck des Sportvereins wurde abgeändert: zur »leiblichen und seelischen Erziehung seiner Mitglieder im Geiste des nationalsozialistischen Volksstaates«.

Ein Historiker hat den Namen Horwitz vor einigen Jahren in Erinnerung gebracht, hat das wenige in seinem Buch zur Geschichte von Hertha BSC referiert, das man von seinem Leben noch wusste: Geburtsdatum, Privat-Adresse in Berlin-Charlottenburg, ungefähre Dauer seiner Tätigkeit für Hertha BSC, Deportation nach Auschwitz. Der Historiker Daniel Koerfer vermutete, dass Horwitz gleich nach seiner Ankunft am 19. April 1943 vergast wurde.

Die Fans interessierten sich dafür, wer dieser Horwitz war. Sie wollten mehr über sein Leben, seine Arbeit und die Vergangenheit ihres Clubs im Dritten Reich erfahren, sie waren sogar dazu bereit, selbst in Archiven zu wühlen. Das städtische Fanprojekt und der Verein unterstützten sie. Zwei Fanbetreuer, Stefano Bazzano und Ralf Busch, und zwei Historiker, Juliane Röleke und Söhnke Vosgerau, berieten die Hobby-Forscher. Bazzano steht jedes Wochenende im Stadion in der Kurve. Röleke hat sechs Jahre in der Gedenkstätte Sachsenhausen gearbeitet.
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Der Sport war nie so unpolitisch, wie oft behauptet wird. Die Fußballvereine 1860 München und VfB Stuttgart gelten als Negativbeispiele für Anbiederung an den Nationalsozialismus, der FC Bayern und sein jüdischer Präsident Kurt Landauer als eher positives Beispiel. Aber alle Vereine tun gut daran, ihr Verhalten in den Dreißigerjahren näher zu beleuchten. Ein Bekannter von Juliane Röleke hat bei Borussia Dortmund mit Fans Besuchsfahrten in die Gedenkstätte Auschwitz organisiert. Röleke ist mit Hertha-Fans gefolgt. Es gibt in Deutschland seit der Jahrtausendwende einige solcher Fanprojekte bei Traditionsvereinen, die DFL unterstützt die Aufklärungsarbeit finanziell, und die Angebote der Fanbetreuer in den Vereinen werden gut angenommen. Bei Hertha zeigten die Fans allerdings Eigeninitiative – Fußballfans sind nicht so unpolitisch, wie man meint.

Etwa fünzehn Leute waren es, die für Hertha in Archiven nach Geburtsurkunden, Zeugnissen, Berichten von Auschwitz-Überlebenden, Fotosammlungen und Berliner Adressbüchern gesucht haben. Studenten, Rentner, Berufstätige - zehn Leute gehörten zum harten Kern. Warum interessierten sich Fans für einen lange verstorbenen Mannschaftsarzt, über den man nur so wenig wusste?

Von einem Mannschaftsarzt wie Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der viele Jahre für den FC Bayern gearbeitet hat, weiß man heute noch, was er frühstückt und mit wem seine Tochter liiert ist. Von Horwitz weiß man kaum, wie seine Arbeit bei Hertha aussah. Untersuchte er die Fußballer auf dem Trainingsgelände oder nur in seiner Praxis, die sich wahrscheinlich in Charlottenburg in der Nähe seiner Wohnung befand? War er bei Heimspielen zugegen? Schon möglich. Der Beruf des Sportmediziners entstand erst in den Zwanzigerjahren. Nur zwei andere Clubs beschäftigten damals einen eigenen Mannschaftsarzt. Heute ist der Beruf aus dem Profifußball nicht mehr wegzudenken.

Im Juni vergangenen Jahres stolperte Juliane Röleke im Internet über eine Geschichte im SZ-Magazin, die 2013 erschienen war und immer noch online zu lesen ist: »Ein Mann mit Vergangenheit«. Der Autor schreibt darin über seinen Stief-Großvater Erwin Valentin, von dessen Zeit in Auschwitz er nur durch Zufall und lange nach dessen Tod erfahren hat. In einem Brief des Stief-Großvaters kommt ein Dr. Horwitz zu Wort, ohne Vornamen. Er rettet den Großvater laut dessen Brief vor der Gaskammer, mit den Worten: »Herr Lagerarzt, ich kenne den Mann aus Berlin, der war Athlet und wird sich wieder erholen. Und außerdem ist er Chirurg und wir brauchen einen Chirurgen.« Juliane Röleke stutzte. Handelte es sich wirklich um Hermann Horwitz? Der wurde doch angeblich gleich nach Ankunft selbst vergast? Aber der Kontext - Sportler und Arzt -, in dem sein Name fällt, erhärtete den Verdacht, es musste sich um Hermann Horwitz handeln. Röleke rief den Autoren des Artikels im SZ-Magazin an, rief also mich an, ob ich vielleicht noch mehr Material zu Horwitz hätte? Hatte ich leider nicht.

Bald fand sich die Bestätigung, dass im Brief meines Stief-Großvaters tatsächlich die Rede von jenem Hermann Horwitz ist, der für Hertha gearbeitet hatte, und dass er noch länger gelebt haben musste, als man bisher annahm. Hermann Horwitz verrichtete als sogenannter Häftlingsarzt Zwangsarbeit. Dabei hat er, bevor er umkam, wohl noch mehr Menschenleben gerettet als das meines Stief-Großvaters. Häftlingsärzte der Baracke Neun in Auschwitz bildeten ein geheimes Netzwerk, das Gefangene möglichst kurz krank schrieb, um sie systematisch vor dem Gang in die Gaskammer zu retten. Das geht aus der nach dem Krieg aufgezeichneten Aussage eines überlebenden Häftlings hervor: Dr. Jan Zielina, der selbst Häftlingsarzt in Auschwitz gewesen war. Seine Aussage erschien in der DDR in einer Anthologie über Medizin in Auschwitz. Hermann Horwitz wird darin zwar nicht namentlich genannt, es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass er zu den Häflingsärzten gehörte, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Nazis widersetzten und nicht nur Erwin Valentin das Leben retteten. Mein Stief-Opa Erwin Valentin wurde von Dr. Zielina hingegen explizit als Mitglied jenes Netzwerkes bezeichnet – auch diese Tatsache über sein Leben war mir völlig neu.

Das Team forschte weiter, wollte wissen, wie Horwitz aufgewachsen war, wer zu seiner Familie gehörte? Haben seine Geschwister überlebt? Und wie sah der Mann ohne Gesicht wohl aus?

Hermann Horwitz wird am 27.12.1885 in Berlin geboren und hat fünf Geschwister. Die Kinder wachsen am Prenzlauer Berg auf. Wahrscheinlich 1904 macht Hermann Abitur, beginnt sein Medizinstudium in Berlin, wird 1917 an der Front eingesetzt, promoviert 1920 über Lungentuberkulose, nachdem sein Vater daran erkrankt und drei Jahre zuvor verstorben war. Hermanns Eltern werden auf dem jüdischen Friedhof Weißensee begraben. Er heiratet, wird geschieden, ob er Kinder hat, ist nicht bekannt. Auch ob er gläubig und praktizierender Jude ist, kann das Team nicht herausfinden. 1922 macht Hermann eine Praxis als Allgemeinmediziner auf, 1926 veröffentlicht er sein Buch zur Sportmassage. Anfang der Zwanzigerjahre beginnt Horwitz sein Engagement bei Hertha BSC. Die Spiele finden im Stadion am Gesundbrunnen statt, das 1974 abgerissen werden wird. Bei den Spielern war er offenbar beliebt, das zeigt eine Strophe aus einem Lied zur Meisterschaftsfeier 1931: »Dr. Horwitz, unser Einsenbart, au au au. Gar wundersame Mittel hat, au au au. Er schaut uns an mit tiefem Blick, au au au. Schon zieht die Krankheit sich zurück, au au au.«

Kurz nach der Machtergreifung der Nazis verlieren alle jüdischen Ärzte ihre Kassenzulassung. 1938 erfolgt ein Berufsverbot. Horwitz darf als einer der wenigen jüdischen Ärzte als Krankenbehandler weiterarbeiten, sich aber nur um jüdische Patienten kümmern.

Die Hertha-Fans stöbern sogar Horwitz' Vermögenserklärung auf, die er im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 in Berlin-Mitte abgeben muss, bevor er im Güterbahnhof Moabit in den Zug gesteckt wird, der ihn nach Auschwitz bringt.

Einen Tag dauert die Zugfahrt nach Auschwitz. An der sogenannten Rampe werden arbeitsuntauglich wirkende Gefangene gleich nach Ankunft in die Gaskammern geschickt. Hermann Horwitz bliebt dieses Schicksal vorerst erspart, er erhält die Häftlingsnummer 116761.

Eine Woche arbeitet er im Nebenlager Buna, dann wird er ins Stammlager verlegt und im Block Neun als Häftlingsarzt eingesetzt. Block Neun gilt als Schonungsblock, in dem erkrankte Arbeitskräfte möglichst schnell wieder fit genug für die Zwangsarbeit gemacht werden sollen. Zur Behandlung stehen nur Kohle und Aspirin zur Verfügung. Flecktyphus grassiert, meist verursacht durch Flöhe und Läuse. Die Häftlingsärzte stehen vor dem Dilemma, dass die Rettung eines Patienten meist den Tod eines anderen bedeutet. Der Auschwitz-Überlebende Jan Zielina wird nach dem Krieg von dem System berichten, mit dem er und andere Häftlingsärzte möglichst viele Patienten das Leben retteten: »Wir strichen die Schwerkranken aus den Krankenlisten und den übrigen erteilten wir Weisungen, wie sie sich dem Lagerarzt gegenüber zu verhalten haben und zwar in strammer Haltung mit angespannten Muskeln zu stehen, um sich für kräftig und gesund auszugeben. Unsere Kollegen, die jüdischen Ärzte, mussten dabei sein und sie stellten den Gesundheitszustand der Kranken in möglichst günstigem Licht dar. Es wurden dabei unwahre Krankheitsgeschichten vorgelegt, in denen die Ergebnisse zusätzlicher Untersuchungen und die Zeit des Verweilens der Patienten im Krankenbau gefälscht waren. Wir begegneten oft der Unzufriedenheit und Empörung seitens der Kranken, die keineswegs über das, was sie erwartete, offiziell informiert sein durften. Sie waren oft entrüstet über ihre Entlassung aus dem Krankenbau, obwohl sie schwer krank waren. Besonders naiv waren in dieser Hinsicht die Juden aus Ungarn. Sie kamen nach Auschwitz in großen Transporten und glaubten den SS-lern, dass sie zur Arbeit hergeschickt wurden.«

Zwei Geschwister von Hermann Horwitz werden in Vernichtungslagern ermordet. Irmgard Ida Horwitz wandert rechtzeitig vor dem Krieg nach Buenos Aires aus und stirbt erst im Alter von 80 Jahren. Ein Bruder überlebt den Krieg unbeschadet in Berlin und stirbt 1958. Über den Verbleib der ältesten Schwester ist nichts bekannt.

Vor der Prager Straße 24, dem letzten bekannten Wohnort von Hermann Horwitz, wurde 2013 ein Stolperstein verlegt, der an seine Ermordung erinnern soll. Im April gibt die Gruppe von Hertha-Fans eine Broschüre mit den Ergebnissen ihrer Nachforschungen zu Herthas Held im »Dritten Reich« heraus.

Im sogenannten Ort der Information neben dem Berliner Stelenfeld wird in Kürze auch die Biografie von Hermann Horwitz verlesen. Das Berliner Stadtmuseum zeigt anlässlich des Jubiläums zur Vereinsgründung vor 125 Jahren ab 25. Juli eine Ausstellung zur Geschichte von Hertha BSC, bei der die Lebensläufe von elf Personen stellvertretend für die Vereinsgeschichte  stehen werden. Spieler wie Hanne Sobek, Ete Beer, Marcelinho und Jerome Boateng stehen für die sportlichen Erfolge des Vereins. Das Schicksal von Hermann Horwitz wird das dunkle Zeitalter der Dreißigerjahre beleuchten.

Das exakte Todesdatum und ein Foto fehlen immer noch. In den vielen Kartons mit unbeschrifteten Fotos im Vereinsarchiv findet sich keines, auf dem sich der Mannschaftsarzt zweifelsfrei identifizieren ließe. Hermann Horwitz bleibt ein Mann ohne Gesicht.

 

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