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Musik 20. Mai 2017

Als Rockmusik die wichtigste Waffe im revolutionären Kampf war

Von Johannes Waechter  Foto: Emimusic

Die Beatles sangen »Revolution«, die Rolling Stones »Street Fighting Man« – vielen Rockfans schien der Umsturz im Sommer 1968 zum Greifen nahe. Dann schlugen die Staatsmacht und ein halbwüchsiger Holländer zurück.

Auf ihrer »Magical Mystery Tour« bereiteten sich die Beatles im Herbst 1967 auf das ereignisreiche Jahr 1968 vor.
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Mit Eifer stritten deutsche Studenten 1968 über die Frage des revolutionären Potenzials der Rockmusik. Das sei eine klare Angelegenheit, meinte die gemäßigte Fraktion, Rock sei ein wichtiger Bestandteil der Gegenkultur und als solcher entscheidend an der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse beteiligt. Denkfehler, entgegneten die orthodoxen Kommunisten, Rockmusik sei durch und durch bürgerlich und habe mit wirklicher Veränderung nicht das Geringste zu tun. Denn das Drehbuch zur Revolution habe Karl Marx und kein anderer verfasst und in dessen Schriften sei selbst bei gründlichster Analyse kein Hinweis auf lange Haare und elektrische Gitarren zu finden. 



Diese Anekdote findet sich so oder ähnlich in vielen Berichten aus der Zeit; heute erscheint sie reichlich absurd. Andererseits macht sie deutlich, wie nah man sich dem Umsturz im Jahr 1968 glaubte. Die Studenten, die in Dutzenden von Ländern den Aufstand probten, wollten mit der Macht der Straße den Vietnamkrieg beenden und die Regierungen von Johnson, de Gaulle und Kiesinger stürzen. Und im Taumel einer noch nie da gewesenen Protestwelle hielten sie diese Ziele auch für erreichbar. »Wir waren alle radikal in dem Sinn, dass wir an gesellschaftliche Veränderungen glaubten. Das war eben der Geist jener Zeit«, sagte Ed Sanders von der New Yorker Polit-Rockband The Fugs Jahre später. 



Bestärkt wurden die Studenten durch die Erfolge des Vietcong. Wer hätte Mitte der Sechziger gedacht, dass ein paar vietnamesische Bauern der mächtigen US-Armee Widerstand leisten könnten? Und nun begann das Jahr 1968 mit der Tet-Offensive. In den frühen Morgenstunden des 31.Januar griffen kommunistische Verbände in allen Teilen Südvietnams Stellungen der US-Armee an; in der Hauptstadt Saigon drang ein Kommando sogar in die amerikanische Botschaft ein. Zwar stellte sich die Offensive bald als militärischer Fehlschlag heraus, im Westen war sie jedoch ein großer Propagandaerfolg und brachte die Kriegsgegner dazu, ihre Aktionen zu intensivieren; auch deshalb, weil im November US-Präsidentschaftswahlen stattfinden würden. In Hunderten von Städten wurde demonstriert und erstaunlich oft kam es zu Straßenschlachten mit der Polizei – zum Beispiel in San Francisco, Mailand, Warschau, Rio de Janeiro, Tokio, London, Mexiko-Stadt, Genf, Rom, Belgrad, Istanbul, New York und Chicago.

Nach der Ermordung Martin Luther Kings am 4. April brannten in mehr als hundert amerikanischen Städten die Ghettos. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 10. April demonstrierten über 60 000 Menschen in ganz Deutschland gegen die Springer-Presse, es folgten die schlimmsten Krawalle in der Geschichte der Bundesrepublik. Anfang Mai bauten Studenten Barrikaden im Pariser Quartier Latin; nach einigen blutigen Nächten solidarisierten sich die französischen Arbeiter mit den Studenten und Frankreich stand wochenlang kurz vor einem Machtwechsel.

Rockmusik war der Soundtrack des Protests – vor allem in den USA, wo man sich von alten Säcken wie Marx nicht den Spaß verderben ließ. Seit zwei, drei Jahren explodierte die amerikanische Rockszene; angestachelt von den Beatles, Rolling Stones und Bob Dylan suchten zahlreiche Bands nach ihrem Sound, spielten Blues und harten Garagenbeat, wagten psychedelische Experimente, sangen Texte über Liebe, Drogen und Vietnam. Zur Gegenkultur gehörten sie alle – Rock zu spielen war in jedem Fall ein politisches Statement, selbst wenn man »Come on baby light my fire« sang. Anfang 1968 hatten sich aus dieser relativ einheitlichen Szene jedoch schon vier Gruppen mit einem direkteren politischen Ansatz herausgeschält: Country Joe & The Fish, die Fugs, Frank Zappas Mothers Of Invention und die MC 5. Und jede Gruppe betrieb das Spiel auf ihre eigene Weise.

Country Joe McDonald stammte aus einer links eingestellten Familie; seine Eltern hatten ihn nach »Joe« Stalin benannt und nahmen ihn schon als Kind mit zu Konzerten des legendären Folksängers Woody Guthrie, auf dessen Gitarre der Schriftzug »This guitar kills fascists« prangte. Genau wie Bob Dylan ließ McDonald Protestsongs in der Guthrie-Tradition Mitte der Sechziger hinter sich, zugunsten eines psychedelischen Rock, der ihn und seine Band The Fish in San Francisco und darüber hinaus schnell populär werden ließ. Trotz ihrer Verkaufserfolge spielten Country Joe & The Fish weiterhin auf Demos und Kundgebungen und ihr »Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die Rag« war bald die Hymne der Antikriegsbewegung. »1, 2, 3, what are we fighting for? Don't ask me, I don't give a damn. Next stop is Vietnam« – sogar G.I.s in Vietnam sollen den schmissigen Chorus gesungen haben, als sie ins Feld zogen.

Auch Frank Zappa sagte: »Wir würden gern dazu beitragen, dass die Leute politisch zu denken beginnen.« Doch statt in den Texten politische Inhalte aufzugreifen, legte er seine Musik so an, dass sie problemlos in Gänze als Angriff aufs Establishment verstanden werden konnte; sich selbst stilisierte er gekonnt zum Bürgerschreck. Verschiedenste Einflüsse von Doo-Wop bis E-Musik-Avantgarde verdichten sich auf Zappas Platten zu einem Experimentalrock, der der Sattheit des American Way Of Life einen mit satirischer Schärfe vorgetragenen Aufruf zu politischer und sexueller Befreiung entgegensetzt, wie bereits von den Titeln seiner ersten LPs angedeutet: Freak Out und Absolutely Free.

So wie Zappa suchten auch die Fugs aus New York Chaos und Experiment, jedoch hatten sie musikalisch deutlich weniger drauf. Die Rettung: Humor. Ihre Musik ist eine Art vertontes Politkabarett mit deftigen Kifferspäßen und Songs wie »I Shit My Pants« und »When The Mode Of The Music Changes, The Walls Of The City Shake«; insgesamt der deutschen Spaßguerilla aus der Kommune 1 nicht unähnlich, die Ende 1968 ja auch eine – 
inzwischen zum Glück vergessene – Platte aufnahm.

Schließlich: die MC 5 aus Detroit. Hart, hart, hart. Im brachialen Sound der beiden Gitarristen Wayne Kramer und Fred »Sonic« Smith bündelt sich die Wut auf das Schweinesystem, die 1968 die protestierende Jugend einte, inklusive eines Echos der Militanz, die eine Minderheit bald darauf in den Terrorismus führen sollte. Obwohl sie 1968 noch keine Platte veröffentlicht hatten, waren die MC 5 die Stars des Polit-Undergrounds – und die einzige namhafte Band, die sich traute, im August 1968 auf der großen Protestkundgebung gegen den Demokratischen Parteitag in Chicago zu spielen. Sie waren dabei, als die Studentenführer Jerry Rubin und Abbie Hoffman ein Schwein zum
 Präsidentschaftskandidaten küren wollten und als 25 000 Polizisten die Kundgebung brutal zusammenknüppelten.

Unter dem Eindruck dieser Ereignisse formulierte ihr Manager John Sinclair im Herbst ein anarchistisches Aktionsprogramm, in dem er »Rock 'n' Roll, Hasch und
 Ficken auf der Straße« fordert und außerdem klarstellt: »Rock 'n' Roll ist die Speerspitze unserer Attacke. Mit unserer Musik ziehen wir nichtsahnenden Spießern das Geld aus der Tasche und machen ihre Kinder zu Revolutionären.« Was sich heute wahlweise großspurig oder realitätsfern liest, wurde damals von der Staatsmacht tatsächlich als Bedrohung empfunden. »Wir haben ständig Druck gekriegt, in einem unglaublichen Ausmaß«, erzählte MC 5-Gitarrist Wayne Kramer später. »Unsere Telefone wurden abgehört und immer, wenn wir auf die Straße gingen oder zu einem Auftritt fuhren, mussten wir damit rechnen, durchsucht zu werden. Die Polizei kam sogar auf die Bühne, um uns daran zu hindern, bestimmte Songs zu spielen. Und das war nur die Spitze des Eisbergs. Später fanden wir heraus, dass weit 
oben der Plan gefasst worden war, uns kaltzustellen.«

Die politisch aufgeladene Atmosphäre des Sommers schlug sich auch in den amerikanischen Charts nieder: Im August
 und September stand der Song »People Got To Be Free« von den Rascals auf Platz eins, eine politisch nicht gerade explizite Popsoul-Nummer, aber immerhin. In Deutschland zur gleichen Zeit an der Spitze der Hitparade: Heintje! Man glaubt es kaum, aber 1968 war Heintjes großes Jahr, im Frühjahr hatte er bereits mit »Mama« abgeräumt und Anfang November verdrängte der halbwüchsige Holländer mit »Heidschi Bumbeidschi« die Beatles-Single »Hey Jude / Revolution« von der Spitze der Charts.

Politischer Pop in Deutschland? Kaum zu finden. Es gab unbequeme Barden wie Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader und Dieter Süverkrüp, die Protestsongs vortrugen, und eine Hand voll linker Rockbands. In Berlin spielten Agitation Free auf Demos und in Hippieläden, in Köln trugen Floh de Cologne ihre Rockoper Vietnam vor. Die wichtigste deutsche Band dieser Zeit waren Amon Düül aus München, die im Frühjahr 1968 aus einer Kommune in der Prinzregentenstraße hervorgingen und ihren ersten Auftritt in der Eingangshalle der besetzten Ludwig-Maximilians-Universität hatten.

Amon Düül spielten psychedelische Rockmusik, die sich durch Ethnorhythmen, halbstündige Improvisationen und den Einsatz ungewöhnlicher Instrumente wie Sitar und Geige auszeichnete, außerdem durch exzessives Bongogetrommel; im Sommer 1968 projizierten sie bei Konzerten Experimentalfilme an die Wand und ließen das Licht flirren, eine multimediale Schocktaktik, mit der im Jahr zuvor Velvet Underground Aufsehen erregt hatten. Ihr Auftreten machte Amon Düül zu linken Identifikationsfiguren, politische Äußerungen, gar ein Programm, waren in ihrer Musik jedoch nicht zu entdecken.
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Ende September, vier Wochen nach den Krawallen in Chicago und dem Ende des Prager Frühlings, fanden die Essener Songtage statt, später das »deutsche Woodstock« genannt, ein großes Festival, das die deutsche Rockszene auf Jahre prägen sollte. Ziel der Veranstalter war, die verschiedenen Spielarten der Subkultur darzustellen, und so kam es neben den Konzerten zu Happenings, Diskussionen, Polit- und Kabarettveranstaltungen, auf denen über die Zukunft der Gegenkultur gestritten wurde. Militanter Widerstand nach dem Vorbild der Kaufhausbrandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin? Bewusstseinserweiterung durch Drogen, wie sie der amerikanische Psychedelik-Guru Timothy Leary empfahl? Oder Engagement in Parteien und Verbänden, der »lange Marsch durch die Institutionen«? Die verschiedenen Konzepte waren nur schwer zu vereinbaren.

Die Trennlinien dieses Streits spiegelten sich im Musikprogramm: Neben Protestsängern und internationalen Popacts wie Tim Buckley und Cuby & The Blizzards traten die deutschen Underground-Bands Amon Düül und Tangerine Dream auf – sowie die amerikanischen Politrock-Gruppen The Fugs und Mothers Of Invention. Und die beeindruckten das deutsche Publikum sehr. »Nach den Songtagen war ich von Politsongs à la Degenhardt und Süverkrüp geheilt«, sagte der Liedermacher Bernd Witthüser. »Zappa ging die Sache ganz anders an, ironisch, zynisch, nicht so altklug und oberlehrerhaft deutsch.« Damit waren die Weichen erst mal gestellt: In den nächsten Jahren war Rock in Deutschland zwar ein Teil der Gegenkultur, doch die Bands zeichneten sich eher durch drogengeschwängerte Experimente als durch Militanz aus. Allein Ton Steine Scherben sollten da eine Ausnahme machen, aber die gab es 1968 noch nicht.

Und was trieben die Beatles das ganze Jahr über? Von den aufregenden Ereignissen des Frühjahrs bekamen sie nur wenig mit - da sie in Indien meditierten. Im Februar hatten sich John, Paul, George und Ringo nach Rishikesh an den Fuß des Himalajagebirges begeben, um einen Meditationskurs beim Maharishi Mahesh Yogi zu machen. Ringo reiste bereits nach zwei Wochen wieder ab, weil ihm das Essen nicht bekam, auch Paul fuhr früher zurück nach England, doch John und George blieben bis April und verpassten die große Anti-Vietnam-Demo in London, an der sogar der an politischem Engagement eher desinteressierte Mick Jagger teilnahm. Von den Krawallen wurde er zu »Street Fighting Man« inspiriert - doch der mitreißende Song ist kein Schlachtruf, sondern der Versuch, mangelndes Engagement damit zu entschuldigen, dass man ja sowieso nichts ändern
 kann. Das hinderte den bigotten Jagger natürlich nicht daran, sich weiter in der Pose des Rebellen zu gefallen.

Im Mai, als in Paris die Barrikaden brannten, schrieb John Lennon den Song »Revolution«, der am 30. August als B-Seite der Single »Hey Jude« veröffentlicht wurde. »Ich fand, es sei langsam Zeit, darüber zu reden«, sagte er, »genauso wie ich fand, dass wir endlich damit aufhören mussten, zum Vietnamkrieg zu schweigen.« Wer sich von den Beatles, den anerkannten Wortführern der Popkultur, revolutionären Rückenwind erhofft hatte, wurde enttäuscht: Das nachdenkliche Lied ist eine Absage an die Militanz der doktrinären Linken. »When you talk about destruction«, sang Lennon, »don't you know that you can count me out.« Stattdessen empfahl er seinen Fans, den Geist zu befreien.

Drei Monate später, am 22. November, erschien das Weiße Album mit einer neuen Version von »Revolution« und anderem Text: Lennon sagte direkt nach dem »... count me out« noch »in«, so dass beide Worte zu hören sind. Wie bitte? Spricht er sich nun für den gewaltsamen Umsturz aus oder dagegen? »Ich habe beides reingenommen, weil ich mir nicht sicher war«, erklärte er später. Die Doppeldeutigkeit des Liedes ist auch Ausdruck von Lennons Unsicherheit über die eigene Rolle: Zum einen war er Popstar und Rock'n'Roller, zum anderen fühlte er sich damals als Aktivist, der seinen Einfluss nutzen wollte, um die Welt zu verändern.

In den Jahren nach 1968 erwies sich Lennon als politisch aktivster Rockstar seiner Generation. Er schrieb eine Menge politischer Lieder, vom utopischen »Imagine« bis zum militanten »Power To The People«, spielte auf zahlreichen Benefizkonzerten, veranstaltete Happenings wie seine »Bed-Ins« für den Frieden und setzte sich für so viele noble Anliegen ein, dass sein Engagement ein bisschen wahllos wirkte. Auch Lennon wurde von der US-Regierung als Bedrohung angesehen: Es gibt Hinweise, dass er bereits direkt nach seinem Umzug nach New York im August 1971 überwacht wurde; angeblich hat später sogar der Justizminister persönlich ein Dossier über seine politischen Aktivitäten angefordert. Als Lennons Freunde in der linken Szene Pläne schmiedeten, mit Lennon-Konzerten die Präsidentschaftswahlen im November 1972 zu beeinflussen, war der Spaß vorbei: Gegen den Ex-Beatle wurde ein Ausweisungsverfahren eingeleitet. Doch Lennon wollte unbedingt in New York bleiben und so enthielt er sich von diesem Moment an aller politischen Äußerungen - für den Rest seines Lebens.

Da waren andere prinzipienstärker. Zum Beispiel der griechische Komponist Mikis Theodorakis, damals gleichzeitig bekanntester linker Politiker seines Landes. Anfang der Sechziger wurde er ins Parlament gewählt und als die griechischen Obristen im April 1967 putschten, stand Theodorakis ganz oben auf ihrer Verhaftungsliste. Die Militärmachthaber fürchteten nicht nur die Popularität des bekennenden Kommunisten, sondern auch die Kraft seiner politischen Lieder und so verboten sie dem Volk, seine Musik zu hören, zu singen und sogar zu pfeifen! Bis 1970 saß Theodorakis in verschiedenen Gefängnissen und Lagern, doch auch dort komponierte er anklagende Stücke; erst nach einer internationalen Solidaritätskampagne entließ ihn die Militärregierung ins Exil.

Ähnliches geschah in Brasilien. Weihnachten 1968 wurden Gilberto Gil und Caetano Veloso verhaftet, zwei junge Sänger, deren einige Monate zuvor veröffentlichte LP Tropicália Ou Panis Et Circensis Brasiliens Musikszene durcheinander gewirbelt hatte. Von der gediegenen Eleganz der Bossa nova grenzten sich die Tropicalisten durch Rockeinflüsse und rebellisches Flair ab, und obwohl sie keine politischen Texte sangen, war ihre Musik eindeutig gegen das Establishment gerichtet. »Das war eine Herausforderung des Militärs«, sagte Gil später, »besonders zu einer Zeit, als sie versuchten, den Brasilianern vorzuschreiben, was sie zu tun und wie sie sich zu verhalten haben.« Gil und Veloso saßen zwei Monate in Haft, standen danach vier Monate unter Hausarrest und mussten schließlich das Land verlassen.

Im Jahr 1968 war politische Popmusik also nur in solchen Ländern eine wirkliche Gefahr fürs System, in denen keine Demokratie herrschte und zudem die Konsumkultur wenig ausgeprägt war. In Deutschland, England und den USA rülpste der Markt kurz und schon war das, was sich eben noch staatsfeindlich anhörte, zu Unterhaltung geronnen; gefährlich prickelnd, aber letztlich folgenlos. So ging es nicht nur dem Rebellenrock der 68er, sondern auch Punk, Rap, Reggae und allen anderen Versuchen, die noch kommen sollten. Hatten die Kommunisten also doch Recht, wenn sie behaupteten, dass man mit Gitarren keine Revolution machen könne? Zumindest hat bis heute niemand das Gegenteil bewiesen.

Andererseits lagen natürlich auch die gemäßigten Studenten nicht falsch. Rock ist so politisch wie der Papst katholisch und war jahrzehntelang Teil des emanzipatorischen Projekts der Linken. Man muss sich nur vor Augen halten, dass Langhaarige, die 1968 durch deutsche Städte gingen, regelmäßig Sprüche wie »Dich hat der Adolf wohl vergessen« oder »Vergasen sollte man euch« zu hören bekamen. Sich durch Kleidung, Aussehen, Musik und Lebensstil von der bürgerlichen Leitkultur abzugrenzen war lange ein politischer Akt; das geht von den Halbstarken über Hippies, Freaks und Punks bis zu den diversen Underground-Tribes der Achtziger und Neunziger. Und natürlich haben all diese Jugendbewegungen auch dazu beigetragen, das gesellschaftliche Klima toleranter und durchlässiger zu machen und die Spießerrepublik von einst hinwegzufegen.

Am Ende des Jahres 1968 war Kurt Georg Kiesinger immer noch im Amt, Richard Nixon gerade zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden und in Vietnam gingen die Kämpfe mit unverminderter Härte weiter. Der Machtwechsel war ausgeblieben und doch hat die Musik dieses Jahres viel bewirkt, hat Veränderungen im gesellschaftlichen Klima, im Denken und Fühlen der Menschen hervorgerufen. Umgekehrt hat die Stimmung dieser Zeit auch völlig unpolitische Musiker beeinflusst. Zum Beispiel Van Morrison, der in vierzig Karrierejahren kein einziges politisches Lied gesungen hat – und mit Astral Weeks 1968 ein Meisterwerk aufnahm, das mehr mit dem Drang nach Freiheit zu tun hat als die meisten radikalen Hippierock-Platten. Wenn die revolutionären Studenten noch etwas länger durchgehalten hätten – wer weiß, vielleicht hätte selbst Heintje irgendwann die Ballade vom geknechteten Subjekt geknödelt.

Zuerst erschienen im Sommer 2005 in der »Süddeutsche Zeitung Diskothek 1968«


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