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aus Heft 31/2017 Gesellschaft/Leben

Sie nannten ihn Klumpen

Von Christoph Cadenbach  Foto: Andy Kania

Zum Spezialeinsatzkommando zu kommen ist hart. Noch härter: gehen zu müssen, weil man zu alt ist

Auch wenn seine Zeit beim SEK vorbei ist, will Klumpen, 55, Polizeihauptkommissar lieber nicht erkannt werden.
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Sein Spitzname, sagt er, sei Klumpen. Sein Kampfsporttrainer habe ihn so genannt, im Scherz, nach einem Sparring: Kickboxen mit dem Kerl dort sei, als schlage man gegen Fels, gegen einen Klumpen Stein. Sein Trainer war SEK-Mann. Sein Trainer sagte, bewirb dich doch. Er zögerte. Er, SEK?

Die drei Buchstaben haben einen besonderen Hall unter Polizisten: Das Spezialeinsatzkommando rückt an, wenn die Lage außerordentlich ist, Banküberfall, Amoklauf, Geiselnahme. Er dachte, was viele Polizisten denken: SEK, alles Supermänner. Nehmen mich nie. Bin kein Supermann. Sie nahmen ihn.

Klumpen gehörte nun dem Kommando. Sie stellten ihm einen Partner zur Seite, der ihn einführte. Taktik. Training. Einsatz. Das Kommando hielt es so: Nahmen sie an einer Tür Aufstellung, unmittelbar vor Einsatzbeginn, stand der Neuling am Schluss der Schlange. Mit jeder Einsatzerfahrung mehr rückte er vor. Konnte dauern. Ein paar Monate. Ein Jahr. Eines Tages stand er vorne. Dann galt es. Dann war er wahrhaftig Teil des Kommandos.

Klumpen war lange beim Kommando. 23 Jahre. Eine Ewigkeit für SEK-Maßstäbe. Die Ansprüche sind hoch, nicht nur körperlich. Am Ende war Klumpen der Älteste, ein Mann von fünfzig Jahren. Es war Zeit zu gehen. Es fiel ihm schwer. Er sagt, die zwei Jahre am Ende, da habe er sich bei jedem Einsatz im Stillen gedacht: War wohl das letzte Mal, dass ich das erlebe, Anflug im Hubschrauber, Abseilen, Zugriff, und vor allem den Augenblick unmittelbar davor, wenn alle in Anspannung ausharren, und dann, auf einen Schlag: Los!
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Er sagt, er bekomme noch heute Gänsehaut, wenn er daran denke. Er sagt, manche Dinge vermisse er so sehr, dass er nicht daran denken möchte. Er ist nach seinem Ausscheiden aus dem Kommando zurück ins Glied, zur Schutzpolizei, als stellvertretender Leiter einer Dienstgruppe am Stadtrand von Berlin. Er sitzt Tag für Tag im Büro, auf der Papierseite der Polizeiarbeit, führt eine Gruppe Kollegen, die auf Streife unterwegs sind. Der Alltag: Verkehrsunfälle. Taschendiebstähle. Vielleicht mal ein Totschlag.

Kontakt zu seinen alten Kollegen hat er weiter. Man sieht sich, auf Grillfesten, auf Taufen. Er hat sie nur um eines gebeten: Er will kein Wort von ihren Einsätzen hören. Als er ausschied, haben sie ihm eine Sammlung von Fotos geschenkt, ein Querschnitt aus allen Einsätzen, an denen er beteiligt war, zur Erinnerung. Er hat sich diese Sammlung noch kein einziges Mal angeschaut.
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