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Abschiedskolumne 11. August 2017

Naschen gegen Nuklearwaffen

Von Max Fellmann  Foto: dpa

Atomkrieg? Klingt so nach 80er Jahre. Aber jetzt werden plötzlich wieder die Reichweiten von Interkontinentalraketen ausgerechnet. Früher halfen Omas Bonbons gegen die Angst - und heute?


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Und auf einmal sitze ich wieder als Elfjähriger bei meinen Großeltern vor dem Fernseher. Damals tauchten in den Nachrichten immer »die Russen« und »die Amis« auf, so nannte mein Großvater sie. Beide verfügten über endlose Arsenale an Atomwaffen, in meiner Erinnerung waren im Fernsehen ununterbrochen riesige Militärlaster zu sehen, die Raketen trugen. 

Ernst blickende Nachrichtensprecher erzählten von unfassbarer Bedrohung. Der Krieg, der alles vernichtende, das Ende der Menschheit besiegelnde Atomkrieg schien ständig bevorzustehen. Mein Opa schaute so ernst wie die Nachrichtensprecher. Meine Oma gab mir etwas zum Naschen, um mich abzulenken, aber später lag ich trotzdem mit offenen Augen im Bett und dachte: Morgen geht es los.

Morgen werfen sie von beiden Seiten all diese Atombomben, und dann sind wir alle tot, und die Welt ist verseucht, und kein einziger Grashalm wächst mehr, nirgends. Das waren die Achtziger Jahre, ich war ein Kind, der Kalte Krieg allgegenwärtig, ein permanentes unbehagliches, beängstigendes Grundgeräusch, das unter allem lag. Spielen im Park – morgen könnte die Atombombe fallen. Ausflug ins Freibad – nächste Woche könnten wir alle tot sein. Schulaufgabe – auch schon egal, bald sind wir sowieso hin.

Dann aber endeten diese Achtziger Jahre, die Mauer fiel, der Eiserne Vorhang öffnete sich, Hände wurden gereicht, Verträge unterzeichnet, Raketen entschärft. Es dauerte eine Weile, bis alle verstanden hatten: Jetzt bricht vielleicht gar nicht mehr in den den nächsten fünf Minuten der Atomkrieg aus. Jetzt ist einfach mal Ruhe. Die Auslöschung der Menschheit ist abgesagt. Spiel vorzeitig abgepfiffen. Es folgte eine Zeit der Ruhe. Eine damals fast unfassbare friedliche Ruhe: Wir sind gar nicht tot. Und so wie es aussieht, werden wir auch nicht sofort alle sterben. Die Atomwaffen sind verstaut, weggeräumt. Es wird alles irgendwie gutgehen.
Diese Zeit ist vorbei. Es fühlt sich gerade an, als sei der Moment gekommen, Abschied zu nehmen vom Gefühl der Sicherheit. Vom Gefühl, dass schon alles irgendwie gut geht. Auf einmal sind in den Nachrichten wieder Sprüche zu hören, die an die allerfinsterste Phase des Kalten Kriegs erinnern. Nein, noch schlimmer: Sie klingen, als stünde der Krieg unmittelbar bevor. Donald Trump sagt, er werden Nordkorea »Feuer und Wut« spüren lassen. Die Waffen der USA seien »geladen und entsichert«, sein Land sei »vollständig vorbereitet« einen Krieg.

Niemand bremst den Kerl, er redet Zeug, das so brandgefährlich ist, dass man nicht mal mehr lachen kann, wie noch in den letzten Monaten. Natürlich kapiert Trump nichts, gar nichts. Natürlich denkt der Mann, er sei immer noch in einer Show wie The Apprentice, alles ein großes Spiel, er der große Player, es geht nur darum, irgendwie cool dazustehen. Dass er mit seinem Kraftprotzgelalle aber nicht nur ein paar Leute im Senat oder in den Medien oder an der Ostküste ärgert, sondern tatsächlich Weltpolitik betreibt, das übersteigt seinen geistigen Horizont.

Kim Jong-un traut man zu, dass er Raketen auf Guam oder sonst wohin feuern lässt. Trump traut man das auch zu. Er hat ja längst gefragt, warum man all die Atomwaffen eigentlich nie einsetzt, wenn man sie schon hat. Zum ersten Mal seit 27 oder 28 Jahren scheint es nicht mehr absolut unwahrscheinlich, dass auf dieser Erde Atombomben geworfen werden.

Schon klar, Nordkorea ist nicht die Sowjetunion. Da streiten nicht zwei gleichstarke, riesige Gegner. Aber zum ersten Mal ist wieder diese Bedrohung von damals in der Welt. Zum ersten Mal wird wieder über die Reichweite von Atomwaffen diskutiert und darüber, wieviele Menschen eine einzige davon töten kann. Grauenhaft. Diese Irren.

Und plötzlich sitze ich wieder vor den Nachrichten, wie damals, mit zehn oder elf. Mein Großvater ist längst tot. Meine Großmutter auch. Jetzt bin ich selbst derjenige, der den Kindern etwas zum Naschen gibt. Und wenn meine Tochter fragt, Papa, wer ist der Mann mit den komischen Haaren da in den Nachrichten, dann schlucke ich. Und wenn sie fragt, du schaust so ernst, muss man vor dem Mann Angst haben, dann schlucke ich noch mehr. Und ich sage, ach, das ist nur ein Depp, der komische Sprüche reißt, da passiert nichts. Aber ob ich mir das selbst glaube? Ich weiß es gerade nicht mehr.
  
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